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Nach jahrelanger Pilgerpause schliessen wir uns Anfang Juli 2015 einer kleinen Gruppe an, die von Bad Waldsee über Weingarten zum Bodensee hin dem Schwäbischen Jakobsweg folgt.

Mitten in der größten Hitzewelle - fast 40 Grad - treffen wir unsere Mittelalterfreunde Frank und Richard bei ihrer Übernachtungsstation, um die nächsten 2 Tage mitzupilgern bis nach Meersburg, eine kleine Etappe des Schwäbischen Jakobswegs.

Mit Sonnenuntergang treffen wir auf dem Stengelehof in Brochenzell bei Meckenbeuren ein.

Der Stengelehof ist ein echter Geheimtip: eine Wanderreitstation mit Ferienwohnung oder wahlweise einfachem Matratzenlager, dazu sehr gesellige Besitzer, die uns liebevoll betreuen, abends den Grill anwerfen, morgens ein Riesenfrühstück auffahren. Rufus steht in einer kühlen Box neben einer schelmischen Ponydame, wir hören die beiden noch bis spät am Abend quietschen. Wären wir auch noch gerne länger mit unseren Gastgebern zusammen gesessen - es ist eine lustige Runde mit den Hofbesitzern, den Pilgerrn und unserer Trossfahrerin Rosi - wir müssen ins Bett, denn morgen wird ein harter Tag.

Ines kommt morgens mit dem Zug aus Laupheim angereist und vervollständigt die Pilgertruppe für den heutigen Tag.

Ganz nahe unserer Übernachtungsstation machen wir gleich am Morgen einen kleinen Umweg und besuchen die St. Bonifatius-Kapelle in Laufenen. Die Kapelle liegt versteckt auf einer kleinen Wiese abseits der Straße und dient heute einfach als Feldkapelle.

Den Schlüssel bekommen wir bei einer Anwohnerin, also können wir auch den Innenraum bewundern.

Nach dem kleinen Abstecher folgen wir wieder dem Jakobsweg. Als der Pfad an einem schattigen kleinen Bach entlang verläuft, erscheint uns dieser Weg besonders idyllisch, da es an diesem Julitag furchtbar heiß ist.

In Meckenbeuren durchqueren wir ein ausgedehntes Wohngebiet, hübsche Häuser mit großen Gärten, deren überwältigende Blütenpracht sich in die Erinnerung einprägt.

Ein kleiner Jakobsbrunnen an einem Straßeneck erfrischt Mensch und Tier.

Wir halten eine ausgiebige Mittagspause im Schatten eines Baumes am Wegrand. Dahinter steht ein Wohnhaus. Leider ist niemand zu Hause, den wir nach Wasser fragen könnten. Wir gehen um das Haus herum und füllen Rufus' Tränkeimer und unsere Pilgerflaschen am Außenwasserhahn, an dem wir eine Visitenkarte hinterlassen mit dem Zusatz "Danke für das Wasser".

Eigentlich dachten wir, unser Pferd ist bei dieser Hitze fix und alle. Wir schirren ihn aus, nehmen sein Kopfstück ab und lassen ihn frei nur mit Halfter grasen. Was uns nicht auffällt ist, daß ein paar hundert Meter weiter ein anderer Hof steht - mit Pferdekoppeln. Rufus sieht, wittert oder hört seine Kumpels und galoppiert freudestrahlend davon. Bert hechtet hinterher. Rufus saust mit den fremden Pferden am Zaun auf und ab und mag sich von Herrchen gar nicht recht einfangen lassen. Als sie zurückkommen, muß immer einer von uns in der Sonne stehen und Rufus' Führstrick halten, bis wir wieder aufbrechen.

Wir durchqueren augenscheinlich eine sehr fruchtbare Gegend. Die Obstplantagen erstrecken sich bis zum Horizont, wir wandern förmlich stundenlang nur an Apfelbäumen entlang.

Am Wegrand gibt es immer wieder Rastpunkte für Pilger, ein Brunnen oder Wasserbehälter und eine einladende Bank.

Das Wasser ist auch dringend nötig, denn auf der Anhöhe brennt uns die Sonne aufs Haupt.

Unser Karren ist vor allem mit Wasser vollgeladen, aber wir verbrauchen auch sehr viel und es ist gut, daß wir alle paar Kilometer wieder frisch auffüllen können.

Immer wieder erlaben wir uns an kühlem Wasser, wo auch immer wir es finden. Man glaubt gar nicht, was für eine Wohltat es sein kann, ein wenig kaltes Wasser in den Nacken zu giessen.

Gegen Ende der Tagesetappe müssen wir noch einmal eine schwierige Anhöhe erklimmen, unter praller Sonne stapfen wir mit letzter Kraft den steilen Wiesenweg hinauf.

Oben angekommen sind Mensch und Tier ganz schön außer Puste. Es ist schon grenzwertig, diese Wanderung bei den herrschenden Temperaturen durchzuziehen.

Heute übernachten wir in Möggenweiler, wo wir nachmittags eintreffen. Wir sind erst mal alle platt, unsere Trossfahrerin Rosi erwartet uns schon mit frischen kühlen Getränken - ein Engel! Der nette Bauer, bei dem wir heute im Heulager nächtigen dürfen, heißt zufällig auch Stengele, wie der Hof der vorigen Übernachtung. Er hilft uns ganz eifrig beim Koppelbau für Rufus und gibt auch seinen Segen dazu, daß vermutlich über Nacht seine Apfelbäume etwas zernagt werden..

Die kleine Tochter der Mesnerin kommt zu uns herüber und bietet an, die St. Wolfgang-Kapelle für uns zu öffnen. Dieses Angebot nehmen wir natürlich gerne an und besichtigen die Kapelle mit ihrer Grotte am späten Nachmittag.

Den Abend verbringen wir "im Paradies", einer örtlichen Wirtschaft, die für ihre Hähnchen bekannt ist. Hier stossen noch Franks Frau Uta und Richards Frau Sabine zu uns. Morgen zieht also eine größere Pilgergruppe los: 4 Frauen, 3 Männer, 3 Hunde und 1 Pferd.

Es kühlt über Nacht kaum ab und die Mücken fallen über uns her. Uta fährt Bert zurück bis Brochenzell, damit er unser Auto holen kann. Wir legen uns lieber hinten in den Bus zum Schlafen, Bert fährt erst noch eine halbe Stunde mit laufender Klimaanlage spazieren, sonst sind die Temperaturen einfach nicht zu ertragen.

Der nächste Tag verspricht, die Hitzerekorde vom Vortag noch zu toppen.

Da es in Möggenweiler kein Frühstück für uns gab, ziehen wir nüchtern los. Es ist aber nur ein kurzes Stück bis zur größeren Ortschaft Markdorf.

Hier finden wir sicher etwas zu essen. Jawohl, gleich nach dem Untertor bekommen wir bei der Bäckerei Diener ein leckeres Frühstück mit Laugencroissants und Cappuccino.

 

 

 

 

 

 

 

 

Frisch gestärkt und voller Tatendrang verlassen wir Markdorf und machen uns auf den Weg in Richtung Bodensee.

Obwohl der Tag heute tatsächlich noch heißer ist als gestern, fällt uns das Pilgern etwas leichter, wobei die leckeren Sauerkirschen am Wegesrand der besonderen Motivation dienen.

Zum einen ist die Etappe insgesamt nicht ganz so lang - etwa 14 km heute statt gut 20 km gestern - zum anderen führt ein großer Teil des Jakobswegs durch den Wald. Wir können also im Schatten pilgern.

Der Waldweg ist allerdings teilweise sehr schmal. Ein paar Dutzend Meter lang haben wir nur noch einen Trampelpfad vor uns - da kommen wir mit dem Karren nicht durch.

Der Karren muß ausweichen und sich ein Stück querfeldein durchkämpfen, wo die Bäume etwas weiter auseinander stehen. Natürlich ist diese lichte Schneise völlig mit Brombeerranken zugewuchert. Richard und Frank versuchen, die Brombeeren zu roden, während Bert Rufus vorsichtig durchs Unterholz zirkelt. Uta, Sabine, Ines und ich gehen mit den Hunden den Trampelpfad und warten dann dort, wo ein Weg kreuzt. Der wenige Meter parallel zu den Männern laufende Trampelpfad bietet eine schöne Gelegenheit, die Aktion zu filmen.

Es gibt immer wieder sehr schmale Waldwege mit reichlich Hindernissen: Äste, Gestrüpp,Wurzeln.

Auch wenn Bert noch so aufmerksam ist, einmal entgeht ihm ein Hindernis. Er übersieht eine Wurzel, die in einer Wegkurve in den schmalen Pfad ragt. Er hätte Rufus noch tiefer hineinführen müssen ins Gestrüpp, um die Kurve nicht zu schneiden und das Hindernis weit genug zu umfahren. Eine Sekunde hängt Rufus fest, dann rollt das linke Rad hinauf auf den dicken Wurzelstrunk und prompt kippt der Karren um!

Rufus steht wie eine Eins. Die linke Anze liegt auf seinem Rücken, die rechte Anze drückt ihm seitlich gegen die Beine, der Karren zieht Kutschsattel und Geschirr schief, aber er bleibt brav und ruhig (!) stehen und wartet, bis die herbeieilenden Mitpilger den Karren wieder aufstellen. Die beiden Holzkisten sind aus dem Karren herausgepoltert und der Inhalt liegt verstreut umher, rasch sammeln wir alles wieder ein. Wie durch ein Wunder ist nichts zerbrochen, weder die Keramik-Pilgerflaschen im Gepäck noch die enorm belasteten Wagenräder oder die Anzen aus Eschenholz. Bert kontrolliert noch einmal das Geschirr und rückt alles wieder zurecht, dann gehen wir vorsichtig weiter, bis wir den schmalen Waldpfad hinter uns lassen und eine wohlverdiente Pause auf einer Wiese geniessen.

Bei Breitenbach besichtigen wir die kleine Fridolinskapelle. Faszinierend sind unter anderem die Kritzeleien an den Wänden - historische Graffiti...

Kurz vor Meersburg passieren wir einen Weiher, der zu einer letzten kleinen Rast einlädt. Es ist ein idyllisches Plätzchen und vor allem die Hunde freuen sich über ein erfrischendes Bad.

Rufus, der mit seinem Karren natürlich nicht baden gehen darf, wird mit dem Eimer begossen. Anfangs fand er das ätzend, aber inzwischen hat er begriffen, daß es ihm gut tut. Manch ein Pilger schaut neidisch auf den Wassereimer und würde sich sicher auch gerne mal ein bißchen begiessen lassen.

Frisch abgekühlt nehmen wir das letze Wegstück in Angriff - jetzt geht es nur noch bergab, hinunter zum See.

Es ist nicht mehr weit und schon ziehen wir in Meersburg ein. Das Pflaster ist extrem rutschig für Rufus mit seinem schon recht abgelaufenen Eisenbeschlag. Deutlich zu erkennen, wie vorsichtig er die Füße setzt, damit er nicht ausgleitet. Richard und Frank greifen links und rechts in die Anzen und helfen Rufus beim Bremsen.

Wir gehen weiter durch die Fußgängerzone und durch das zweite Tor, dann stehen wir auch schon vor der Meersburg. Das Tor wird weit für uns geöffnet und unser Karrengaul darf mit seinem Wägelchen über die Holzbrücke die alte Burg betreten. Einen Moment zögert er vor dem dunklen Burghof, aber dann marschiert er neugierig hinein.

Rufus darf heute Nacht tatsächlich im Stall der Meersburg schlafen. Der Hausmeister hat sogar eine massive halbhohe Holztür installiert, die hat er extra für unser Pferd gebaut, damit er schön rausschauen kann. Rufus steht nicht alleine im Stall, dort wohnt schon ein Pferd. Das ist zwar etwas eigenartig und äußerst unkommunikativ, aber Rufus läßt sich nichts anmerken und nach einem ersten Beschnuppern ignoriert er den seltsamen Genossen einfach und wendet sich seinem Futter zu.

Wir werden heute abend von Rosi und Nina bekocht und verbringen einen lustigen lauen Sommerabend auf der Burg und im Burggarten. Auch Philipp, der am ersten Tag mitgepilgert war, trifft uns hier.

Die laute Musik vom Volksfest unten in der Stadt blenden wir einfach aus, selbst das dritte "Atemlos durch die Nacht" kann unserer guten Laune nichts anhaben. Wir stellen fest, daß unsere Pilgergruppe sehr harmonisch war, ein echt gutes Team. Gerne werden wir in dieser personellen Zusammensetzung wieder etwas unternehmen.

Die Nacht ist so schön, daß Bert und ich beschliessen, einfach draussen vor dem Stall zu schlafen. Es ist traumhaft: der Sternenhimmel über uns, vor uns das alte Gemäuer und als akustische Untermalung das sanfte Mahlen unseres Heu fressenden Pferds. Ein friedlicher Abschluß unserer Pilgerreise.

 

 

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