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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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9 Die Familie auf dem Karrenberge

Zweite Abteilung


Neuntes Kapitel

Die Familie auf dem Karrenberge

Vor ihrer mit Dornen und Hagenbuchen verwachsenen Hütte auf dem Karrenberge saß die alte Hexentrude und spann emsig den gelben Flachs vom Rocken, den sie vermittels einer hänfenen Schnur links um ihre Lende befestigt hatte. Sie warf von Zeit zu Zeit einen freundlichen Blick auf das Moosbett unter die junge Tanne, wohin sechs Stunden des Tages die milde Herbstsonne ihre erwärmenden Strahlen sandte.

Dort schlummerte der kleine Ulrich von Schwabeck. "Armer Knabe," hob sie leise an, und wischte sich eine Träne von der bräunlichen Wange, "wie gern hätt ich dich deiner Mutter wieder zurückgegeben - allein die Fügung Gottes hat es anders gewollt. Gräfin Ludmilla ist verschwunden, man weiß nicht wohin? Und doch - besinn ich mich recht? Huh, der wilde Ritter Gäßler, - doch still, arme Trude! Zerreiße dir nicht selbst dein krankes Herz so jämmerlich! - Auch Gisela hat man nicht wieder gesehen. Hundertmal schlich ich durch die halbverschütteten Ruinen des niedergebrannten Schwabeck. Die Leute flohen den Anblick der rätselhaften Trude unter den schauerlichen Bogengängen. Ich habe keine Spur von den weiblichen Bewohnern entdeckt - und niemand kann mir eine Kunde geben. Die frommen Seelen haben unter der Brandstätte ihr allzu frühes Grab gefunden und der Allbarmherzige, der den Blitzstrahl gesandt aus seinen Gewitterhöhen, möge ihnen gnädig sein. Ich aber will den Sprößling der edlen Grafen von Schwabeck auferziehen und bewahren für eine glückliche Zukunft. Das Knäblein sei mir Ersatz für den schrecklichen Verlust kaum verkosteter Mutterfreuden. Und Gott höre meinen kräftigen Vorsatz im Angesichte des reinen, blauen Himmels: Ich will den Knaben fromm und stark heranbilden zum schönen, wohlerfahrenen Ritter, damit er einst seinem alternden Vater, der im Gelobten Lande streitet, zu Schutz und Trutz diene in rühmlicher Heldenweise."

Bei diesen Worten erhob sie sich, pflückte das große Schellkraut, das sie neben ihrer Hütte als Heilmittel angepflanzt, und bestrich mit dem bräunlichen Safte desselben das Angesicht, und die Händchen des schlummernden Knaben. "Gott," seufzte sie, "möge mir einen leichten Betrug verzeihen, kraft dessen ich Erinnerung und Heimweh aus dem Kopfe und Herzen des Kindes verscheuchen muß, wenn ich es in mütterlichem Ansehen mit Ernst und Würde, mit Milde und herzlicher Liebe, großerziehen soll. Auch soll die braune Farbe des Pflanzensaftes das feine Gesicht unkenntlich machen, daß kein Mensch in der Gegend den Grafensohn erkenne!" Die Wirkung des Schlaftränkleins, das sie dem weinenden Knaben schon auf dem Wege nach dem Karrenberge gegeben, ging nun bald zu Ende. Das Söhnlein bewegte Händchen und Füßchen und fing an zu gähnen. Die Äuglein aber wollten sich noch nicht öffnen und zeigten krampfhaft das Weiße, obwohl die redseligen Lippen zu sprechen anfingen: "Wo bin ich denn, Mütterchen? - Vater unser! - Oh, das waren wilde, häßliche Gestalten! - Erlöse uns von dem Übel! - Freundliche Base Gisela, hast dus gesehen? - Himmelauf loderte das Feuer! Huh, es prasselte so schauerlich! - Da kam ein wilder Ritter, der klammerte mich fest. Und als ich schrie, hat mich eine alte Hexe angelacht! - Oh Gott, der du bist im Himmel! - Sieh, da wards auf einmal so still und heiter um mich! - Ein Moosbettlein unter Blumen hieß mich brüderlich willkommen - und ich bin herzlich gern eingeschlafen!"

"Ulrich!" redete die alte Trude den jungen Träumer an und bückte sich lächelnd zu ihm nieder. Kaum aber, da er die Augen öffnete, bedeckte er das Gesicht mit beiden Händen und jammerte: "Oh weh, da steht sie schon wieder, die mich angelacht!" - Aber Gertrud streichelte ihm freundlich das blonde Lockenhaar: "Närrisches Kind, was fällt dir ein? Was gebärdest du dich so unnatürlich? Du hast einen langen, schweren Traum gehabt, das merk ich wohl; denn du schwatztest viel von Base Gisela, von Mutter Ludmilla, vom Vater im Gelobten Lande, von einem schönen Ritterschlosse und des Albernen noch mehr! - Nun aber laß dies Zeug und sei bei dir! - Bin ich denn nicht deine Mutter, du lieber Ulrich?"

Da schaute der Knabe ihr ängstlich ins Gesicht. "Ja, wenn dus wärst," sagte er leise und fing an zu weinen, "dann wollt ich dich recht herzlich gern umhalsen. Meinen Namen weißt du wohl! Wer hat dir meinen Namen gesagt, wunderliches Weiblein?" Die alte Trude sah nun ein, daß ihr List, dem Knaben jede Erinnerung an die Vergangenheit aus dem jungen Herzen zu verbannen, vergebens sei, und hielt für besser, von der Wirklichkeit nur so viel zu sagen, was er ertragen könnte. "Mutter Ludmilla und Base Gisela sind verreist," fing sie an und hob ihn besänftigend in ihre Arme, "du mußt aber nicht weinen, gutes Kind! Sie werden schon wieder kommen. Dann bringen sie lieb Vater mit und ein prächtiges Reitpferd für den kleinen Ulrich. Mutter läßt dich grüßen, herziges Söhnlein, und dir sagen, sollst recht folgsam sein der alten Trude."

Aber der Knabe hörte nicht auf zu weinen. "Mutter, Mutter!" jammerte er immer; "gute Alte, führe mich zu lieb Mütterlein!" - "Gib dich zufrieden, bis es geschehen kann," besänftigte ihn das Wunderweib. "Sieh, hier ist gut und schön zu wohnen! Die Blumen ringsum gehören dein! Die Vöglein auf den Bäumen hüpfen lustig und vertraulich daher und nippen das Futter aus deinen Händchen. Ich habe einen alten Kater in der Hütte; der soll dein vertraulicher Spießgeselle werden. Und ein zahmes Rehböcklein kommt täglich an das Fenster; dem sollst du eine Brotrinde reichen und es wird dir dankbar die rote, gesunde Wange lecken! - Oh, das sind schöne, herzige Freuden, lieber Ulrich; und immer sollst du ein neues Vergnügen haben, das deiner kindlichen Seele angemessen ist. Dafür aber magst du mich Pflegemutter heißen; denn ich will es ja sein von ganzem Herzen, bis du groß bist, recht groß, und einen schönen Schimmel reiten kannst und Waffen tragen, wie dein Vater im fremden Lande. Juhei, das wird eine Lust sein, wenn der schöne, ritterliche Knabe in blanker Rüstung glänzt und das Roß tummelt durch Tal und Wald, über Berg und Hügel. Da werden die Leute stehenbleiben und dich freundlich grüßen. Und tausend Glückwünsche mögen dich begleiten auf allen deinen Wegen. Die Väter der Nachbarschaft werden zu ihren Söhnen sagen: Seht das Muster kecker, kräftiger Jugend! Und die alte Trude wird stolz sein über das Lob, das ihrem Pflegesohne allenthalben zuteil wird. Darum sei munter, Lieber Ulrich! Und hast du das sechzehnte Jahr erreicht und bist ein tapferer, tadelfreier Knappe geworden, lasse ich dich zum Ritter schlagen auf dem Turniere zu Augsburg!"

Die Rede des Weibes gefiel dem Knaben gar nicht übel. Doch wollte er immer nicht Mutter und Base vergessen. Da suchte Gertrud seinen frommen Sinn zu beschäftigen und fuhr fort: "Du kannst ja ein schönes Gebet, mein Söhnlein! Dort auf dem Moosbett, da du so süß schlummertest, hat ein guter Traum dir zwei Worte entlockt: Vater unser!" - Und Ulrich, dessen Neigung zur Alten sich nun immer mehr und freundlicher entwickelte, hobdie Händlein in die Höhe und betete mit zarter Stimme: "Vater unser, der du bist im Himmel!" "So ists recht, mein Kind!" entgegnete Gertrud und steichelte dessen Wange. "Der Allmächtige, der all dies, was du um dich siehst, geschaffen hat, die hohen Tannen hier auf dem Karrenberge, wie die kleinen, zarten Blümlein an der Erde, die gewaltigen Eichen drüben an der Felsenschlucht, wie die klare Quelle, die du aus geringer Entfernung rieseln hörst; der die Sonne des Tages geschaffen hat, und das Mondlicht und die Sterne der Mitternacht, der weit über allen Höhen und Welten seinen ewigen Thron aufgeschlagen, von dem er herniedersieht auf alle Geschöpfe, um sie zu leiten und zu lenken an seiner allmächtigen Hand - der ist dein Vater. Er sorgt für dich, wie für das Vöglein in den Gesträuchen, wie für die Blume des Feldes. Du darfst kindlich zu ihm aufschauen, zu ihm beten, alle deine Leiden, alle deine Freuden ihm aufrichtig ans Herz legen - und er wird dich nie verlassen für alle Tage deines Lebens."

Diese Rede machte einen lebhaft rührenden Eindruck in das weiche Herz des Knaben. Aufmerksam schaute er in das Angesicht der Alten, die ihm auf einmal nicht wie eine gespensterhafte Hexe, nein, fast lieber und freundlicher als Base Gisela, so zärtlich und fromm als die eigene Mutter, vorkam. Und indem er ihre magere, bräunliche Hand an seine Lippen drückte, fuhr er zu beten fort: "Geheiligt werde dein Name!"

Gertrud aber freute sich ungemein, auf diese andächtige Weise das Herz des Söhnleins zu gewinnen und erklärte weiter: "Wenn du das Gute tust, mein lieber Ulrich, und das Böse meidest; wenn von zarter Jugend an deine kindliche Lippe den Allerhöchsten, den Heiligsten stammelt; wenn du immer und allzeit, wo du weilest, wo du gehst und wandelst, am stillen häuslichen Herde, wie im Getümmel der Schlacht, unter den Waffenspielen deiner Genossen, wie am Altare in der ehrwürdigen Klosterkirche, nur dem Allmächtigen und immer nur ihm die Ehre gibst und allenthalben sein Lob und seinen Ruhm verkündest - so verherrlichst du den Namen deines ewigen Schöpfers, den du im Vertrauen auf seinen göttlichen Sohn, der aller Welt ihn geoffenbart, deinen himmlischen Vater nennen darfst. Und daß dies allzeit geschehe - darum flehest du also im kindlichen Gebeet!"

Die Worte des Wunderweibes entlockten dem aufmerksamen Blicke des Söhnleins ein paar stille, herzliche Tränen, Die Engel des Himmels kamen unsichtbar und faßten sie in eine goldene Schale, um sie emporzutragen zum Throne des Allmächtigen. Immer inniger und gerührter fuhr Ulrich im Gebete fort: "Dein Reich komme zu uns!" "Das Reich des Friedens und der Glückseligkeit!" sagte Gertrud und lächelte dem Knaben zu. Im Himmel gibt es keine Zwietracht und keine böse Lust. Dort wandelt die Tugend unsterblich unter den Engeln. Dort hat sich der lebendige Glaube an Gott den Herrn umgewandelt in ewige Anschauung; dort ist das Sehnen und Vertrauen himmlische Liebe geworden. Und "ewiger Friede" heißt das unaussprechliche Losungswort. Dieses Reich erflehest du im Gebete in dein Herz hinein, in die Herzen aller Menschen - und du tust recht, mein Söhnlein! Der Allbarmherzige möge deine kindliche Bitte recht väterlich erhören!"

Unaufgefordert redete Ulrich, den heiteren Blick am Himmel, im Bilde eines unschuldigen Engels, weiter: "Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf der Erde! Gib uns heute unser tägliches Brot! Vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unsern Schuldigern! Führe uns nicht in Versuchung; sondern erlöse uns von dem Übel!"

Und Gertrud erklärte bis ans Ende: "Dort oben, wo die reinen Geister, zum Dienste des Allmächtigen bereit, vor seinem ewigen Throne knien, wird nur immer sein allweiser Wille vollzogen. - So soll es auch auf Erden sein, mein Kind! Und selbst dann, wenn dich die Nacht bitterer Leiden umdüstert, wenn Trübsal deine Lebenstage belastet; jetzt schon, Söhnlein, da du von Vater und Mutter und Base getrennt, deine Jugend verbringen mußt in dieser Einsamkeit, tröste dich mit dem vertrauensvollen Gedanken: So ist der Wille des himmlischen Vaters - er soll geschehen! - Denn es geschieht, was der Allbarmherzige tut, immer nur zum Besten seiner Kinder, die er bald freundlich lächelnd, bald prüfend und züchtigend, zum ewigen Heile führt. Aber nie und nimmer verläßt er die Menschen; er speist den Hungrigen, wenn er bittet; er tränkt den Durstigen, er kleidet den Nackten. Denn der die Blumen auf dem Felde in ihrem duftenden Sehmucke wachsen läßt, der den Sperling auf dem Dache nährt, wird er seiner Kinder vergessen? Jedem öffnet er das Füllhorn seiner Huld und Gnade. Er spendet Regen und Sonnenschein; er läßt die Wiesen grünen, die Bäume Früchte tragen, die Kornähren auf den Feldern reifen. Uns gibt er Brot und Erdbeeren, nahrhafte Schwämme und Ziegenkäse und Äpfel und Birnen wildwachsend in den Wäldern. Und die Quelle dort spendet uns auf sein Gebot täglich den frischen, gesunden Trunk. Drum wollen wir ihm auch, oh mein Kind, von Herzen dankbar sein und ihm unsere kindliche Ergebenheit, unsern Gehorsam besonders dadurch zeigen, daß wir ihn mit keiner Sünde beleidigen. Noch bist du wohl rein, du herziges Söhnlein, und lieb Vater im Himmel wird sein Wohlgefallen an dir haben. Allein, solltest du je einmal das Unglück haben, das größte, das dir begegnen kann, gegen den Allgütigen dich zu verfehlen, so weine ja sogleich reuevoll zu seinen Füßen, bekenne deine Schuld und zeige dadurch Früchte der Besserung, daß dein Herz rein bleibe von Haß und Groll, von boshaftem Neid wider deine Mitbrüder. Verzeihe einem jeden, der dir unrecht und weh getan, der dir schadenfroh Kreuz und Leiden bereitete. Und der Allbarmherzige wird deine tägliche Bitte erhören und auch dir verzeihen. Solang du aber auf dieser Erde wandelst, wird es nicht an Versuchungen fehlen, dich auf ein neues vom rechten Wege ab und zum Verderben hin zu lenken. Schnöde Lüste werden rechts und links an deinem Lebenspfade lauern wie giftige Schlangen, die buntfarbig das Auge ergötzen, Leib und Seele aber unheilbar verwunden. Doch der Allmächtige, wenn du in solcher Zeit der Not brünstig zu ihm flehest, wird dich erretten aus dem sündhaften Herzen, wird dich erretten von dem größten aller Übel, von der Sünde. - So, mein Söhnlein, so ists recht! Du magst wohl vieles von dem, was die alte Trude gesprochen, nicht verstanden haben. Aber sei unbekümmert! Ich wills dir schon öfter sagen. Und bist du groß, dann verstehst du jedes der Worte und kannst frommen Nutzen ziehen daraus! - Dein Gebetlein aber hast du herzig schön gesprochen; es ist ein kostbares Erbgut, das Mutter Ludmilla und Base Gisela dir hinterlassen. Doch wir alle haben es geerbt von dem, der gekommen ist, die Welt zu erlösen. Gelobt sei Jesus Christus! - Und wenn du die Erklärungen und Ermahnungen der alten Trude nebenbei beherzigst, wird es dir wohl ergehen, liebes Knäblein, und wirst dereinst ein Rittersmann, keck und kühn und rechtschaffen in Gottes Namen; ein wahrer Held ohne Furcht und Tadel! Das gebe der Allbarmherzige! Ave Maria!"

Hierauf nahm sie den Knaben, der nun schon ganz zutraulich geworden war, an der Hand und führte ihn in die Hütte. Da rief sie den alten Kater und pfiff den Vöglein auf den Bäumen. Das Rehböcklein kam auch dahergesprungen; und das Ritterbüblein hatte seine Freude, daß es laut auflachte. "Hei ja, hei ja!." rief es, "das ist ja allerliebst!" und streute den Vöglein Futter und gab dem Reh eine Brotrinde; der Kater wußte aufzuwarten. Gertrud aber stand in der Stubenecke und sagte zu sich selbst: "Oh kindliche Einfalt, wie selig ist die Zeit deiner unmündigen Tage! Bei unschuldigem Spiel vergißt der Knabe das Unglück seiner Jugend und kann gar bald den Verlust der ihm entrissenen Eltern ertragen. - Mir aber, oh Gott der Huld, hast du eine Freude geschickt in diese trauervolle Einsamkeit. Wohl verwahrt will ich dir einst das Pfand zurückgeben, das deine Weisheit und Vaterliebe mir anvertraut."

So lebte diese Familie auf dem Karrenberge, die in einer vermeintlichen Hexe, einem Rittersöhnlein, aus zahmen, vierfüßigen Tieren und den munteren Vöglein der nachbarlichen Gesträuche bestand, beisammen in vertraulicher Friedlichkeit. Und der Knabe, wenn er auch hie und da die Vergangenheit auf Schwabeck unzusammenhängend in Erinnerung brachte, war gar bald durch Milde oder Ernst von Seiten der Pflegemutter zu beschwichtigen. Diese aber tat, was in ihren Kräften lag, den Körper, den Geist und das Herz des Pfleglings, den ihr offenbar die ewige Vorsicht zugesandt, heranzubilden, damit er einst vor aller Welt sich zeigen könne als ein würdiger Sprosse von Schwabecks edlen Ahnen.