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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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10 Reue und Umkehr

Zehntes Kapitel

Reue und Umkehr

Von dem einsamen Dorfe Mickhausen, unweit der Feste Schwabeck, tönte die Friedhofglocke gar traurig und wehmütig durch den Nebel eines düsteren Herbstmorgens. "Was ist das?" fragte Siegmund Gäßler, der in einem entlegenen Hirtenhause krank daniederlag. Und Veit Knall von Costnitz, der den grämlichen Ritter pflegte, antwortete mit gedämpfter Stimme: "Die Leiche des Meiers von Mickhausen wird zu Grabe getragen. Der düsterumflorte Zug muß hier vorüber! Hört Ihr das Requiem des Pfäffleins und den Gesang der rabenschwarzen Träger?" Der Ritter stemmte sich, so gut es sein konnte, ans Fenstergesims und warf den matten Blick hinaus in die trübe Landschaft, das Bild der Vergänglichkeit und des Unbestandes alles Irdischen. Da summte der Grabgesang zu seinen Ohren:

"Wir tragen dich, du Erdenstaub,
zur kalten Grube ein!
Dort wirst du bald der Würmer Raub
und ihre Speise sein!
Gott gebe in der Brettertruh
dir, arme Hülle, Trost und Ruh!

Was hat der Mensch nach dieser Zeit,
von allem Gut und Glück?
Leer ist der Erde Lust und Freud,
und nur ein Augenblick.
Die Werke aber folgen nach -
und bringen Heil und bringen Ach!

Wer gut gelebt, dem geht es gut,
in jener ändern Welt;
Wer aber hinnen Böses tut,
ins höllisch Feuer fällt!
Oh Herre Gott, bewahr uns treu,
daß rechtlich unser Wandel sei!

Und gib dem Bruder, den wir hier,
heimtragen in die Gruft,
ein selig Örtlein wohl bei dir,
bis die Posaune ruft!
Dann führ uns alle, klein und groß,
in Christi Jesu Bruderschoß!"

Und die Stimmen der alten Weiblein, die für die Seele des Verstorbenen den Rosenkranz herabmurmelten und das eintönige Klingklang der Grabglocke mischten sich gar sonderbar in dieses Trauerlied der Träger. Siegmund Gäßter sank ermatteter auf das Strohpolster zurück und ein tiefes Huh und Ach entzitterte seinen blassen Lippen. Der Fischveit schien die erschütternde Empfindung mit dem Ritter zu teilen. Denn. auch er stand ganz verblüfft und tief ergriffen von der Szene, die vorübergeschauert, neben dem harten, leidensvollen Krankenlager seines Sündengenossen. Es herrschte eine Totenstille in der Hütte, bis der Grabgesang verstummt und das Friedhofglöcklein verklungen.

"Nun hat das unbarmherzige Grab seine Beute kalt empfangen!" stotterte endlich Ritter Gäßler und rieb mit der mageren Hand die runzlige Stirn, als wollte er wegwischen die Erinnerung an all die Greuel, die er leichtsinnig und boshaft schon verübt. "Was meinst du, Fischveit?" fuhr er, den Costnitzer ängstlich fragend und verzweiflungsvoll lächelnd an, "wird die Totenruhe nicht bald auch diesen morschen Leib verschließen?" "Ritter, Ihr sprecht in Fieberglut!" erwiderte der Fischveit in einem Tone, der wohl verriet, daß er selbst von Gewissensangst gefoltert werde. Dann fragte er, um das Gespräch auf einen ändern Gegenstand zu leiten: "Soll ich Euch nicht erzählen, was sich beim Brande auf Sehwabeck zugetragen?"

"Das weiß ich besser als der Fischveit von Costnitz," entgegnete der Ritter. "Allein ich wollte doch, daß ich es nicht wüßte. Dann wäre mir das Herz nicht so schwer, wie ich es jetzt fühlen muß in den Tagen eisernen Krankheit. Weh mir, ich kann den Anblick nicht vergessen, da ich den Geist meiner verstoßenen Edeltrude sehen mußte. - Lichterloh brannte das Schloß, das Wehgeheul der Reisigen tönte durch die gräßlich beleuchtete Nacht. Ludmilla im Ahnensaale hatte sich hinabgestürzt in das prasselnde Flammenmeer; ich trage die Schuld an ihrem Tode. Gisela jammerte durch die Bogengänge nach der teuren Schwägerin; auch sie ist nicht wieder aus der Burg zurückgekehrt. Ich aber hatte das Ritterkind geraubt; es sollte die Rache sättigen meiner verschmähten Liebe. Schadenfroh und fluchend trug ich es durch den Burghof, das Freie zu suchen, das Kind langsam zu töten in höllischer Freude. Da stand die Hexentrude mitten auf der Brücke. Meine Füße zitterten. Ich hatte Furcht vor dem grausenhaften Gespenst - und doch wollt ich an der Hexe vorübereilen. Sie aber riß mir den Knaben aus den Armen. Ein Stoß ihrer verzauberten Faust brachte mich aus dem Gleichgewicht - ich stürzte fluchend von der Brücke in den tiefen Graben. In dem Augenblicke brach die Dachung des Schlosses zusammen. Ich hob den Blick - oh schrecklich - fürchterlich Tod, warum hast du mich damals nicht zermalmt? - Ich sah den Geist und hörte die Stimme meiner verstoßenen Edeltrude. Ohnmächtig sank ich in den Sumpf und erwachte erst am Abend des ändern Tages, da mein Todesseufzen dir meinen Aufenthalt, mein Elend verriet."

"Ei wahrhaftig," fiel der Fischveit dem Ritter in das Wort, "kein ehrlicher Mensch hätte Euch in dem stinkenden Sumpf des Schloßgrabens gesucht. Und bei meiner armen Seele, Ihr dürft sattsam zufrieden sein, daß Ihr nur das rechte Bein gebrochen. Ihr hättet gar leicht auch das Rückgrat zerschmettern können - und dann gehabt Euch wohl für immer!" "Das dacht ich mir schon oft während dieser Tage, da ich nicht von der Stelle kann," erwiderte der Ritter mit dumpfer Stimme und sah dem Wärter gar seltsam bewegt ins schwarze Auge. "Und so es geschah, was war aus mir geworden? - Veit, Veit, der Meier von Mickhausen liegt auch begraben. Als ich noch vor kurzer Zeit den Forst durchjagte, war er in der Zahl der Schützen, so frisch und gesund wie der Hirsch, der im Nu über die Tannenschlucht hinübersetzte. Der Meier von Mickhausen liegt begraben!" Der Ritter schwieg. Der Fischveit gab keine Antwort. Und, in sich verworren, verband er die Wunde am rechten Beine des Kranken so fest, daß dieser zuckte und ihn ermahnte, fein, zart und leise mit dem schadhaften Teile umzugehen.

Endlich hob der Ritter wieder an: "Veit Knall, hast du das Lied der Leichenträger recht verstanden? Wer gut gelebt, dem geht es gut in jener ändern Welt; wer aber hinnen Böses tut, ins höllisch Feuer fällt! Wollen wir fortfahren in dieser sündhaften Lebensweise? Ich habe des Schauderhaften schon genug begangen! Der Leichenzug und das Lied der Träger haben mir alle meine Verbrechen in Erinnerung gebracht. Ich höre das Winseln meines lieben Töchterleins, das ich aus Haß wider seine Mutter durch dich rauben ließ, indem ich vorgab, es sei durch Leichtsinn und Unvorsichtigkeit der letzteren in den Wellen der Donau ertrunken. Ich sehe Edeltrude, die ich grausam von mir stieß, zu meinen Füßen verzweiflungsvoll die Hände ringen.

Schaudervoll! - Und dann - was ich auf Schwabeck gräßliches verübte! Wie weit mich die Leidenschaft verbotener Liebe hat verleitet! Die Gastfreundschaft mißbrauchte ich auf die wildeste Heidenart! Ich zauberte auf deinen Rat, mit deiner und des Schwarzkünstlers Hilfe den edlen Grafen Wernher aus dem Kreise seiner teuren Familie, aus den Armen seines häuslichen Glücks! Immer wilder und verstockter ward nun mein böses Herz. Um zum Ziele meiner ungerechten Pläne zu kommen, gebrauchte ich deine falsche Nachricht, Wernher sei gestorben. Und da ich dennoch nicht siegte über Ludmillas treues und reines Herz, hat die Hölle mich bewogen, das ganze altadlige, gräfliche Geschlecht ins Verderben zu stürzen, zu vernichten. Das Gewitter jener Schauernacht, das der Himmel zuließ, vielleicht sandte, um mich zu bessern und alle meine Verbrechen gutzumachen, hab ich schändlich benützt, den Höllenplan auszuführen. Ludmilla liegt tot, Gisela unter den Trümmern begraben, das Knäblein in den Armen einer Hexe. Wer weiß, was mit ihm geschehen, vielleicht verkocht im siedenden Kessel eines geisterhaften Zaubers; und ich, zermalmt von der überirdischen Erscheinung meiner Gattin, zerrüttet an allen Gliedern, fast verzehrt von Gewissensbissen, aus der Verstocktheit aufgeschreckt durch Leichenzug und Grabgesang, hingehalten vom gräßlichen Fieber fressender Wunden des Körpers und der Seele - dem unvermeidlichen Tode nahe. Veit, Veit der Meier von Mickhausen liegt auch begraben!"

Hier schwieg der Ritter und schaute verzweiflungsvoll auf sein zerbrochenes Bein hernieder. Der Fischveit wollte immer noch nicht antworten. Aber es war dies Schweigen nicht die Furcht fortdauernder Verstocktheit, nein, das Zeichen eines entscheidenden Gewissenskampfes. Endlich.fragte er halblaut und eine Träne stahl sich aus dem schwarzen Auge: "Was ist zu tun?"

In dem Augenblicke schaute ein kahler, runzliger, aber ehrwürdiger Mannskopf zum kleinen Fenster herein. Der Ritter fuhr erschreckt zusammen. Doch der Fischveit erklärte die Erscheinung: "Es ist das Pfäfflein von Mickhausen!" Da tönte die Stimme des Geistlichen in tiefem Basse:

"Herr, erbarme dich unser nach deiner großen Barmherzigkeit! - Herr Ritter, Ihr seid schwer gestraft; aber Ihr habts auch arg getrieben, solang Euch die Leute kennen in diesen Tälern. Ihr habt die Mägdlein der Söldner mit heidnischer Gier verfolgt und durch Euer schlimmes Betragen veranlaßt, daß sich die Söhne des Landes wider Euch verschworen. Und was Ihr auf Schwabeck getan, dem unglücklichen Schwabeck, das weiß Gott der Allmächtige. Kehret in Euch, bereuet und bessert Euch und sucht Vergebung und Trost zu den Füßen des Heilandes aller Menschen. Die deutschen Ritter ziehen scharenweise nach Palästina! Macht das Gelübde, ihnen zu folgen, wenn Ihr genesen solltet! Am heiligen Grabe zu Jerusalem mögt Ihr knien und weinen, am Ölberge Eure Sünden schütten in den Kelch des Leidens, den der göttliche Erlöser für uns alle ausgetrunken. Und als ein gebesserter, neuer Mensch kehrt zurück ins Vaterland, oder verblutet im Kampfe mit den Saracenen für die heilige Sache! Ich will beten für Eure arme Seele! Gott erbarme sich Euer!" Und hinweg war der Geistliche. Aber seine zitternde Stimme tönte noch vom Tale in der Weise des Bußpsalmes: "Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, tilge meine Übertretung nach deiner großen Barmherigkeit. Wasche mich wohl von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde. Denn ich bekenne meine Freveltat und meine Sünde schwebt mir immer vor Augen. Dir allein hab ich gesündigt und habe gatan was dir mißfällt. Doch wende dein Angesicht von meiner Sünde weg und vertilg all meine Missetat! Schaffe du, oh Gott, in mir ein reines Herz und in meinem Geiste einen reinen, wohlbefestigten Sinn. Von den Strafen der Blutschulden befreie mich, Gott. Gott, der du mein Retter bist; so soll meine Zunge deine Güte besingen. Brandopfer sind es nicht, die dir gefallen. Die gottgefälligen Opfer sind ein gedemütigter Geist; ein niedergeschlagenes, zerquetschtes Herz wirst du, oh Gott, nicht verachten!" Kaum verstummte das Bußlied im Tale - da brachen die Tränen des Ritters los - und der Fischveit von Costnitz seufzte lang und tief am Krankenbette seines sündigen Genossen. Dann stammelte der Ritter nach kurzer Weile:

"Ich will gen Palästina ziehen, wenn der allbarmherzige Gott mich genesen läßt von meinen Wunden!" Der Fischveit war zufrieden und faßte den Plan, in einem strengen Kloster als Knecht oder Pförtner zu dienen, bis Siegmund Gäßler wiederkehre. Dieser aber erwiderte:

"Es liegt eine andere Pflicht dir ob, Veit Knall! Und erfüllest du sie nicht, wirst du nicht ruhig sterben können! - Du hast mein Kind, mein armes Töchterlein verkauft an eine Zigeunerin. Suche Tag und Nacht; und hast du es wieder gefunden, nimm es zu dir und erzieh es in frommer Weise, bis ich heimkehre aus dem heiligen Kampfe. Auch mein Weib, wenn es noch lebt, wenn der bittere Gram es nicht schon längst zu Grabe getragen, empfehl ich deinem steten Forschen. Sag ihm, daß ich mich bekehrt habe, daß ich es wiedersehen werde, wenn nicht hier, doch im Lande der Erbarmung und des Friedens. Ich aber ziehe fort in den blutigen Kampf mit den Ungläubigen - und vielleicht wird mir das Glück zuteil, daß ich den edlen Grafen Wernher, den schwer beleidigten Gastfreund, retten kann, wenn er umzingelt ist von den giftigen Speeren der Saracenen, daß ich Verzeihung holen kann zu seinen Füßen, oder wenn er nicht verzeiht, ach, es ist schwer zu verzeihen - den erwünschten Tod inmitten des heidnischen Schlachtgetümmels. - Der liebe Herrgott walte über uns und schlichte, was wir Böses angerichtet, zu einem glückseligen Ende."

Nach einigen Tagen trat Veit Knall von Costnitz in den Hammer von Nettershausen und bestellte eine ganz stählerne Rüstung für einen edlen Rittersmann. Denn Gäßlers krankhafter Zustand besserte sich von Stunde zu Stunde. Aus dem Stalle des verstorbenen Meiers von Mickhausen wurde der schönste Rappe angekauft. Und nach einigen Monaten saß der Ritter gepanzert und behelmt, das blaustählerne Visier im Gesichte, reisefertig und kampflustig im hohen Sattel. Das Roß wieherte vor Freude, da es die streitbare Last auf seinem Rücken trug.

Noch einmal legte Gäßler beim Scheiden die Hand herab über die Schulter des Genossen, der wehmütig zu ihm aufblickte; noch einmal erinnerte er ihn an seine Pflicht und wünschte ihm mit Tränen ein glückliches Ziel seines Forschens. Der Fischveit reichte dem Ritter die schwere Lanze hinauf und empfahl in tief berührt dem Schutze des Allmächtigen. Siegmund Gäßler schied. Veit Knall sah dem Ritter nach, bis die Erlen im Tale ihn seinen Blicken verbargen. An der Straße gen Augsburg ritt der Kreuzfahrer am hochwürdigen Herrn von Mickhausen vorüber, der soeben von einem Krankenbesuche nach Hause eilte. Dieser freute sich ungemein, daß seine Worte auf kein unfruchtbares Erdreich gefallen, bekreuzigte den Reiter und rief ihm nach: "Benedicat dominus! Es segne dich der Herr! Zieh hin im Frieden!"