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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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3 Schwabeck

Drittes Kapitel

Schwabeck

Die freundliche Morgensonne eines heiteren Herbsttages erhob sich, eine stärkende Kühle in ihren Strahlen, über die östlichen Tannenwälder eines niedlichen Tales, das von dem Strome der Wertach durchschnitten wird und beschien mit mildem Gruße die hohen Türme von Schwabeck.

Diese Burg war eine der angesehensten jener Gegend in der damaligen Zeit, teils schon des gewichtigen Vorteiles und der gefälligen Anmut wegen, die ihre natürliche Lage gewährte. Denn von einer nicht unbedeutenden Anhöhe, die rings mit duftenden Gebüschen umwachsen war, schaute sie stromaufwärts zwischen Hügeln, Wäldern, Klöstern und Schlössern hindurch bis in die dämmernde Gruppenreihe der Alpen, sowie sie nicht minder freie Aussicht gewann in die Tiefe des Tales, das von der Silberschlange der Wertach durchkreiselt wird.

Um das feste Gebäude, wie um den Hofraum desselben, lief ein zwölf Ellen tiefer Graben mit einem Erdwalle zum Schütze vor feindlichem Angriffe. Ein hoher Wartturm, zu dessen Fuße das feste Burgtor mit der eisenbeschlagenen Fallbrücke sich befand, und von wo herab jeder Fehderitter samt seinen Reisigen mit Wurfspießen und brennenden Pechkränzen zurückgedrängt wurde, vollendete den Ruhm der hohen Feste als einer unüberwindlichen.

Auch für die Erhöhung des häuslichen Vergnügens zur Zeit des schönen Friedens war hinlänglich gesorgt. Ein anmutiger Garten mit Fruchtbäumen und Gewürzpflanzen aller Art zog sich um das alte Gebäude und wo das Auge des Bewunderers hinzielte, begegnete es duftenden Rosensträuchern und üppigen Tulpenbeeten, die der Schloßherr, ein Freund der Naturschönheiten, aus Italiens sonnigen Fluren hierher verpflanzt hatte und aus den künstlichen Springquellen des großen Burgbrunnens reichlich bewässern ließ.

Seinen größten Ruhm aber erhielt das Schloß durch seine Bewohner selbst. Graf Wernher von Schwabeck und Balzhausen war allgemein bekannt als eine der ausgezeichnetsten Zierden der Ritterschaft. Ein Mann von hohem und festem Körperbau, der in seiner blaustählernen Rüstung mit zwölf Saracenen es aufzunehmen verstände, war Graf Wernher ein Meister in jeder Waffenübung. Und wo immer ein großes Turnier gehalten wurde, zu Augsburg oder Köln oder in Straßburg, trug er den ersten Preis davon. Allein was den Grafen von Schwabeck noch mehr auszeichnete, als jeder körperliche Vorzug, war seine edle, rechtschaffene Seele, sein menschenfreundliches, uneigennütziges Benehmen gegen hoch und niedrig, seine hochherzige Milde gegen Leibeigene und Knappen und vor allem die ungeheuchelte Anhänglichkeit an den Glauben seiner Ahnen, die immerhin sich als christliche Ritter ausgezeichnet hatten. Um dem heiligen Eifer der Verbreitung der Religion eilig nachzukommen und seinen Untertanen getreue Heilsverkünder zu geben, hatte er die Propstei Ursberg gestiftet, deren ehrwürdige Chorherrn das ganze Mindeltal mit der Lehre des Evangeliums beglücken sollten. Auch für Frauen und Mädchen, deren Seelen einem stillbeschaulichen Leben nachhingen, hatte er gesorgt, indem er ein Jahr nach Errichtung der genannten Probstei zwischen der Mindel und Kammlach, in einem von Wäldern engverschlossenen Tälchen das Damenstift Odilstetten - jetzt Edelstetten genannt - erbauen ließ und, wie Ursberg, mit reichlichen Pfründen begabte.

Des Grafen liebenswerte Gemahlin Ludmilla, eine geborene Markgräfin von Österreich, blieb in Bezug körperlicher Schönheit, wie der vortrefflichsten Eigenschaften des Herzens und Geistes nicht zurück hinter ihrem gnädigen Eheherrn. Wer im Umgange die holdselige Frau kennenzulernen das Glück hatte, mußte für immer mit Ehrfurcht und Hochachtung ihr begegnen. Den Grafen liebte sie mit rührender Hingebung und war er, wie es bei ritterlichen Zwisten mit Grenznachbarn oder bei widerrechtlichen Einfällen von herumziehenden Räuberbanden nicht selten geschah, ein Spiel übler Laune, so wußte sie dieselbe mit beispielloser Geduld zu ertragen, und durch ihr sanftes und gefälliges Benehmen nicht selten sogar zu verscheuchen. Der Graf hingegen sah wohl ein, welch einen köstlichen Schatz er im Hause und im Herzen habe und. war stolz bei dem Lobe, das der Frau Gräfin Ludmilla von Schwabeck allenthalben gezollt wurde. Am meisten gewannen durch diese edle Frau die Armen und Kranken in der ganzen Gegend. Sie sorgte für diese unglücklichen Menschen mit der Liebe und Emsigkeit einer wahren Mutter. Was die Speisekammer des Schlosses Kostbares bieten konnte, was der Garten an Früchten und Gemüsen Schmackhaftes lieferte, das trug sie in die Hütten des Elends. Und tief innere Leiden,, die mit solchen Mitteln nicht behoben werden konnten, linderte sie mit ihrem trostreichen Zuspruch. Seitdem nun aber der Ruf von dem Wunderweibe vom Eichbühl an dem großen Hammer bei Ursberg auch zu ihren Ohren gelangt, ließ sie diese nicht selten zu den Krankenbetten ihrer armen Untertanen rufen, bestellte Arzneien und Heilgetränke und belohnte die Wundertrude reichlich mit Lob und Münzen im Namen der Geretteten. Auf solche Weise war auch der junge Knappe Kuno, der Liebling des Grafen aus der Schar seiner Reisigen, von einer schweren Krankheit genesen.

Der gütige Gott hatte das hochgräfliche Paar mit einem teuren Unterpfand seiner glücklichen Liebe beschenkt. Ein dreijähriger Knabe, Ulrich mit Namen, war die Freude der Eltern, wie aller Edelgesinnten, die an dem häuslichen Frieden auf Schwabeck herzlichen Anteil nahmen. Die gute Mutter Ludmilla, und Gisela, die ebenso vortreffliche Schwester des Grafen, teilten sich vergnügt in die emsige Pflege des Söhnleins. Und unter mancherlei süßen Sorgen seiner treuen Wärterinnen hatte dieses nun sein volles drittes Lebensjahr erreicht. Die freundliche Morgensonne des eben heranrückenden Herbsttages brachte das herzlich ersehnte Wiegenfest.. Noch schlummerte der Knabe sanft und süß in seinem schneeweißen Bettchen. Mutterliebe lächelte nebenan und die geschäftige Gisela wand unter dem leisen Geflüster eines zärtlichen Liedchens die letzten duftenden Herbstblumen zu einem Kranze um die Wiege des Kindes. In geringer Entfernung stand Graf Wernher, der entzückte Vater, einen rotwangigen Apfel in der Hand haltend, den er betrachtend verglich mit dem zarten Rosa im Gesicht seines schlummernden Söhnleins; dann sah er freundlich auf die sorgliche Stille der Gattin und Schwester, trat leise hinzu und drückte einer jeden einen kräftigen Kuß auf die Stirn zum vollen Danke für die treue Pflege, mit der sie beflissen waren, den anfangs kränklichen Knaben, jetzt gesund und heiter, in den gesegneten Beginn des vierten Lebensjahres einzuführen. Ein heiliges Gefühl schwebte unsichtbar, wie ein schützender Engel in diesem traulichen Kreise und sie sanken nieder auf ihre Knie; die Tränen christlicher Freude feuchteten die glänzenden Augen, deren Blicke ungestört den unschuldsvollen Schlummer des Knäbleins betrachteten. Und ein stilles Dankgebet stieg zu dem allgütigen Vater der Menschen, zum allmächtigen Schöpfer des Weltalls. Da erwachte das Kind., wandte die hellen Äuglein im Kreise umher, lächelte gar heimlich, da es durchaus bekannte, teure Wesen um sich sah, richtete sich nun in die Höhe, so gut es sein konnte, faltete andächtig die Händlein und den kindlichen Blick durch das hochgewölbte Fenster hinaus in die klare Bläue des Herbsthimmels gerichet, betete es zum erstenmal: "Vater unser, der du bist im Himmel!" Der Graf wußte nicht, wie ihm geschah. So tief hatte ihn diese Überraschung durchdrungen. Er sah hochentzückt auf die Gattin, die nun im Ausdrucke der zärtlichsten Liebe an seine Brust eilte. Er bot der guten Schwester die Hand und rief in männlicher Begeisterung: "Dies ist der schönste und seligste Augenblick meines Lebens!" - Und als das Söhnlein in seinem Gebete endete: "Erlöse uns von dem Übel!" da konnte sich Graf Wernher nicht mehr halten. Er ließ den Tränen der höchsten Vaterfreude den freien Lauf, nahm den Knaben auf seine Arme, küßte und herzte ihn, segnete seine Stirn, drückte ihn fest an seine Brust und rief: "Ja, der Allmächtige möge dich bewahren vor jedem Übel und besonders vor dem gräßlichsten aller Übel, vor der Sünde. Es sei gelobt in diesem feierlichen Augenblicke, daß wir dich auf erziehen wollen zur Ehre Gottes und zur Freude aller Heiligen!" Inzwischen ertönten unten im Schloßhofe der Klang der Zither, der gellende Ton einer Hirtenpfeife und das Geschmetter eines verstimmten Hackbrettes. Der Graf hatte beschlossen, daß das Wiegenfest seines einzigen Söhnleins auch unter dem Schwarm seiner Knappen und Reisigen gefeiert werde; und darum strömten schon seit dem ersten Grauen des Tages aus allen Dörfern, Meierhöfen und Waldhütten die Massen der Talbewohner zusammen. - In ihrem Gemenge hatte sich auch, nachdem er die ganze Nacht in den Wäldern von Netters Hammer bis Schwabeck, von einem bösen Gewissen gejagt, herumgeirrt - der wilde Ritter Siegmund Gäßler über die Fallbrücke durch das Burgtor eingeschlichen. Er nahm jetzt einen der vielen Bänkelsänger, die zum Feste auf Schwabeck sich eingestellt, versprach ihm reichen Lohn, wenn er sich auszeichne im Absingen eines neuen, zärtlichen Wiegenliedes warf seinen purpurroten Festmantel um die Schulter und einen Blumenstrauß in der Hand, eilte er in verstellter Freundlichkeit über die Wendeltreppe, dem gräflichen Familiengemache zu. Da rührte der Sänger seine Laute und ließ das Lied ertönen:

"Rittersöhnlein, sanft und mild,
deines Vaters treues Bild,
mit dem blauen Augenstern,
haben dich alle so lieb und gern!

Wachse fein und werde groß;
auf der Mutter teurem Schoß,
lächle immer so sanft wie sie,
die dir den süßen Mund verlieh!

Rittersöhnlein, bist du groß,
tummle des Vaters stärkstes Roß,
übe dich munter mit seinem Schwert,
daß du des gräflichen Vaters wert!

Aber die Tugend, der edle Sinn
deiner Mutter sei dein Gewinn,
und das Glück am stillen Herd
sei es, wonach dein Herz begehrt!

Rittersöhnlein, sanft und mild,
deiner Eltern treues Bild,
Kraft im Arme und Mut in der Brust,
werde der Eltern Freud und Lust!

Und wenn vollbracht dein Lebenslauf,
Blicke getrost zu den Sternen auf!
Wohl dir! - Kannst, wenn der Tod dich ruft,
friedlich ruhn in der Ahnengruft!"

Unter diesem Liede war Ritter Siegmund in das Gemach eingetreten. Der Graf eilte ihm entgegen und umarmte ihn in gastfreundlicher Herzlichkeit. "Bei dem Bilde meines großen Ahnherrn im Waffensaale," rief er, "das Lied des Sängers, womit Ihr, wackerer Siegmund, das Fest des Söhnleins zu erhöhen gedenkt, hat die Eltern nicht weniger erfreut, als überrascht. Und Graf Wernher bleibt für solche willkommene Feierspende mit Fug Euer Schuldner. Ich vermag auch diese Schuld nicht schneller und angemessener abzutragen, als wenn Ihr mir versprecht, die Burg Schwabeck mit Eurer Gegenwart recht lange beehren und darin schalten und walten zu wollen, als wäret sie in Eurem Eigentum." Darauf erwiderte der Ritter von Ulm, indem er sich verneigte: "Ich kenne Eure Großmut, edler Herr von Schwabeck, und nahm mir gestern erst die Freiheit, mich ihrer zu bedienen. Sonst müßt ich mich entschuldigen, daß ich ohne Euer Wissen die verwichene Nacht anderswo zugebracht, als auf Eurem Schlosse. Doch wo die Not mich zu Hilfe ruft in irgendeiner Hütte, da schwindet jede andere Rücksicht und die Nacht muß zum Wohltun verwendet werden, wie die Stunden des Tages. Ihr versteht mich schon und erlaubt mir gern, daß ich schweige; denn die edle Tat, hochprahlerisch erzählt von den Lippen dessen, den der Himmel sie zu vollbringen beglückt, verliert an ihrem inneren Werte. Zudem bin ich meilenweit geritten, bis ich endlich den Sänger gefunden, dessen genügender Gesang zur Feier des schönen Tages mir zugesagt." Soweit Siegmund Gäßler; und indem er sich den Damen des Schlosses näherte, reichte er, sich tief verneigend, den Blumenstrauß der edlen Gräfin Ludmilla mit den Worten: "Ich fand im Garten die letzte Rose, duftend und schön, wie eine aus den Erstlingsstunden des Sommermondes, und erkühne mich, sie Euch zu übergeben, damit Ihr sie wohlwollend der ersten Rose Eurer ehelichen Liebe als Festgabe bescheren möget. Von wem könnte sie dem herzigen Söhnlein willkommen sein, als von der zärtlichen Mutter!"

"Ich dank Euch schön!" entgegnete Ludmilla, indem sie voll natürlicher Anmut die Rose empfing aus des Ritters Hand und sie lächelnd in Ulrichs Faltenkleid steckte, um das Gisela den gemsledernen Gürtel befestigte. "Und," fügte sie hinzu, "wie innig wünsche ich, daß Eure fromme Gemahlin Edeltrude samt Eurem wunderlieben Töchterlein Schwinhilde Zeuge dieses häuslichen Festes sein und sich mit uns freuen könnte!" "Jawohl," fiel Gisela der Gräfin in die Rede, "aber ach bis nach Straßburg, wo sie bei einem Vetter verweilen, um, wie der Herr Ritter erzählt, in der reinen Luft der Rheingegend die schwächliche Gesundheit des lieben Kindes zu kräftigen, liegt, von hier ein Weg von vielen Meilen, und der herzliche Wunsch, Eure Lieben bald in unserer Mitte zu sehen, muß wohl unerfüllt bleiben." Siegmund erblaßte und sah betroffen zur Erde. Dann spielte er mit dem Griff seines Schwertes, um den Wurm, der bei diesen Reden aufs neue an seinem Herzen zu nagen begann, nicht merken zu lassen. Endlich aber zog er sich gar schlau aus der Schlinge, indem er, scheinbar von Schmerz ergriffen, entgegnete: "So ich eine glückliche Folge dieser Reise nach Straßburg erfahre, mag ich Gott danken. Aber ach, mir will es ahnen in Angst und Zweifel, daß das Töchterlein ein Opfer seiner körperlichen Schwäche werde. Und bleibt das Mägdlein zurück im kalten Friedhofe von Straßburg, dann grämt sich auch die Mutter zu Tode. Und der unglückliche Siegmund sieht keines von beiden wieder." Er preßte eine Träne aus dem Auge und wandte sich hinweg. Der Graf aber tröstete ihn, ermahnte Gemahlin und Schwester ernstlich jedes Gespräch künftighin zu vermeiden, das den Ritter in Wehmut und Trauer versetzen könnte und machte den Vorschlag, sich einer Stunde lang in dem bunten Gewirre der Reisigen und Knappen, der Jäger und Hirten, der Bänkelsänger und Hackbrettschläger erlustigen zu wollen. Und man begab sich unter den Schatten der uralten Linden im weiten Hofraume des Schlosses.