Wappen
Login:
Passwort:
Anmelden
Schwabegg | Anfahrt | Sehenswertes | Veranstaltungen | Adressen | Geschichte | Roman | Ortsplan   Druckansicht

Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
Impressum
Datenschutzerklaerung

15 Die Befreiung

Fünfzehntes Kapitel

Die Befreiung

Der Besuch des Ritters von der brennenden Burg bei dem kranken Emir mußte noch öfter wiederholt werden. Letzterer aber zeigte mit jedem Tage ein fröhlicheres Gesicht. Die Wunde fing zu heilen an und jede Gefahr war beseitigt.

Da rückte denn der Abend heran, an dem der Arzt den Kranken zum letztenmal besuchen wollte. Und die Stunde schlug, welche bestimmt war, die Gefangenen aus dem Turm zu befreien. Es war eine heitere, sternbesäte Sommernacht. Die Düfte der Aloe und des Tulpenbaumes, der balsamische Tau der Rosenhecken und des persischen Flieders tanzten, wie muntere Genien, unsichtbar durch die reinen Lüfte. Die griechische Nachtigall schlug in den dunklen Zweigen.

Peter von Jenkendorf harrte innerhalb der verschlossenen Gartenpforte, auf ein verabredetes Zeichen dem Arzte sie zu öffnen. Aber siehe, wie staunte er! Es trat nicht der Arzt - nein, ein schöner, geharnischter Mann trat ein mit Helm und Visier, mit Schwert, Schild und Lanze. Fast hätte er in seinem Aberglauben diese Erscheinung für den irrenden Geist eines deutschen Ritters gehalten, der von einem Muselmann erschlagen, im Lande der Ungläubigen keine Ruhe fände. Allein da er ihm recht genau ins Gesicht blickte und seine Stimme hörte, überzeugte er sich höchlich verwundert, es stehe die längst bekannte Person des Arztes vor ihm.

Dieser ließ dem großen Peter nicht Zeit zu seinen hundert Fragen, sondern flüsterte ihm zu in notwendiger Eile: "Habt Ihr Wort gehalten, Jenkendorf, so wollen wir keinen Augenblick versäumen." Der Muselmann schmunzelte in selbstgefälliger Art und entgegnete: "Wie mögt Ihr auch Eure Rede noch so bedingungsweise setzen? Da seht den Talisman, der uns die Gittertür des Turmes öffnet!" Hierbei zog er einen großen Schlüssel aus den Falten seines Kaftans und fuhr fort: "Das Pulverchen, das Ihr mir neulich gabt, hat seine Wirkung getan. Ich mischte es in den Sorbet, den ich heute abends dem Sklavenmeister reichen mußte. Kaum hatte er das Getränk zu sich genommen, fiel er in einen Schlaf, der so betäubend auf seine Stirn drückte, daß ich mit vieler Bequemlichkeit den Turmschlüssel heraussuchen konnte aus dem mannigfaltigen Metallzeug, das über seinem Kopfe hängt. Nun aber laßt uns eilen!" Bald standen sie vor dem grauen Turm und hörten wie neulich das Klagegebet: "Oh Herr und Heiland, erbarme dich unser und rette uns!"

"Seid getrost!" flüsterte der Ritter durch das Eisenfenster. Peter von Jenkendorf öffnete inzwischen die Tür. Und ein schauriger Anblick, der alles menschliche Mitleid rege machte, bot sich den Eintretenden dar. Zwei Männer waren zu sehen, von denen der eine, eine langbebartete, durch, den Aufenthalt im dumpfen Turme abgemagerte Gestalt, händeringend am Boden knieend; der andere aber, dessen Jugend der giftigen Kerkerpest zum Teil noch widerstanden, am Gesims des Eisengitters lehnte und den wehmütigen, hoffnungslosen Blick hinauf wandte zu dem nächtlichen Gestirn. "Trocknet eure Tränen!" redete der unbekannte Ritter sie an. "Der Herr und Heiland, zu dem ihr so oft und lang gefleht, will sich euer erbarmen und euch retten. Euer Kerker ist geöffnet! Kommt, folgt mir ins Freie! Der Allmächtige segne eure Flucht!"

Und ohne daß die Gefangenen wußten, wie ihnen geschah, waren sie an die geöffnete Pforte gekommen, durch die der Fußpfad vom Palaste aus sich hinüberschlängelte in die blumigen Wiesen und sonnigen Hügel des Tales Gutha. Hier sanken die Geretteten auf ihre Knie und dankten Gott. Tränen der Rührung und der Freude zitterten in ihren Augen, die bisher nur von Kummer und Hoffnungslosigkeit feucht geworden.

Nun aber gab sich Peter von Jenkendorf zu erkennen. "Zürnt mir nicht, edler Graf, daß ich mit dem Turban mein Christenhaupt befleckte! Beim Heiligen Grabe, es war mir nicht ernst mit dem Koran! Die Schwäche, mit der ich zitterte vor den Strafen der Sklaverei, möge mir Gott verzeihen! Ihr aber werdet Euren Groll beiseite legen, wenn Ihr erfahrt, daß dieser edle Ritter gerade ohne mich, den Muselmann, Euch nicht hätte befreien können. Ich sage dies nicht zu meinem Ruhme - nur zum Lobe und zur Verherrlichung der ewigen Vorsicht, die das Schicksal des Menschen lenkt und am Ende alles zu seinem Besten wendet."

Der gerettete Graf bot dem großen Peter die Hand, zum Zeichen, daß er ihm nicht weiter zürne, wenn er durch Reue und Leid seines groben Fehlers wegen sich ausgesöhnt mit dem lieben Herrgott. Dann aber kehrte er den Blick nach dem Ritter, der schweigend vor ihm stand und die blasse und doch Ehrfurcht gebietende Gestalt des Grafen tief gerührt betrachtete. "Wer seid Ihr?" fragte der Gerettete mit weicher Stimme. "Ich brenne vor Begier, Euren Namen zu erfahren, den ich, wenn mich der Schutz Gottes in die Heimat führt, meinem Sohne ins Herz schreiben will, daß er ihn seinen Kindern und diese ihn wieder den ihrigen nennen bis in die spätesten Zeiten! - Sagt an, wer seid Ihr?" "Der Unbekannte!" war die Antwort des Ritters. "Sonderbar!" fuhr der Graf fort und betrachtete den Eisenmann vor sich mit großen Augen. Was für ein Zeichen führt Ihr in Eurem Schilde?" Und der Ritter zeigte hin, "Unbekannter von der brennenden Burg!" sagte der Graf mit vieler Rührung. "Ihr habt einen deutschen Mann nach jahrelangem Elend im grausigen Kerker seinem Weibe, seinem Sohn wiedergegeben! Hier im Lande des Feindes, wo mir kein Grashalm zu Gebote steht, kann ich Euch nur mit Dank vergelten, mit Gebet zum Himmel um Segen und Heil für Eure Kreuzfahrt! Allein ich will mir Eure Gestalt, Euer Gesicht und das Zeichen Eures Schildes wohl ins Gedächtnis prägen und in der Heimat, wenn mir das Glück zuteil wird, Euch zu finden, wird Graf Wernher von - -"

"Dank dem großen Propheten! Hier sind sie, die wir suchen!" schrie eine Stimme von hinten und eine starke Hand packte den unbekannten Ritter. Der Sklavenmeister war zu früh von seinem Taumel erwacht, blickte zufällig nach der Wand, wo die Ketten und andere Gerätschaften der Sklaven hingen, vermißte den Kerkerschlüssel über seinem Kopfe, hegte Verdacht und eilte mit einigen Dienern nach dem Turme. Wirklich fand er diesen offen und leer. Und unter Flüchen durchsuchte er die Hecken und Laubgänge des Gartens, der Entflohenen, wenn es möglich wäre, wieder habhaft zu werden. An der Mauer hatte er ein Gemurmel vernommen, ging darauf zu und freute sich schon, da er die Männer an der Pforte gewahrte, noch frühzeitig genug die Flucht vereiteln zu können.

Allein der Ritter von der brennenden Burg, keck und trotzig, wand sich pfeilschnell aus der feindlichen Umarmung des Sklavenmeisters und hielt ihm und allen, die ihm nachkamen, die Lanze entgegen. Dadurch gewannen die Befreiten, die er mit lautem Ruf zur Flucht ermunterte, so viel Zeit, daß sie die weite Ebene vor dem Garten, ohne verfolgt zu werden, erreichen konnten. Und Peter von Jenkendorf rechts, der Knappe links unterstützten den durch Gram und Elend geschwächten Grafen mit ihren stärkeren Armen und trugen ihn in die Nacht hinaus. Der stählerne Ritter aber, als er keine Gefahr mehr für die Fliehenden befürchtete, zog die Lanze an sich, mit der er die Gegenwehr gebildet und verriegelte die Gartenpforte. Und indem er sich als Gefangener ergab, warf er die Schlüssel über die hohe Mauer, den deutschen Männern eine gesegnete Wallfahrt wünschend. Als die Geretteten fern von Damaskus auf freiem Fuße sich befanden, warfen sie sich nieder auf ihre Knie, dankten Gott und beteten für den großmütigen, unbekannten Ritter, den nun vielleicht die Nacht des nämlichen Kerkers aufnehmen werde, aus dem er sie mit Gottes Hilfe und seiner eigenen Entschlossenheit erst befreit.

Graf Wernher hatte das Gelübde getan, wenn er noch einmal in Freiheit käme, die Rückreise in die Heimat als frommer Pilger gekleidet anzutreten und das Ordenskleid erst wieder abzulegen, wenn er die hohen Türme von Schwabeck im Auge hätte. Jetzt wollte ers halten. Sein Knappe aber und Jenkendorf mußten ihn mit Schwert und Lanze schützen, bis die Heimat, glücklich erreicht wäre. Ohne sich durch besondere Abenteuer durchkämpfen zu müssen, hatten sie mit einem Schwarme heimkehrender Kreuzfahrer die Küste von Frankreich im Angesichte. Und belebt von heimwehlichen Gedanken, getrieben von der heißen Sehnsucht nach dem häuslichen Herde und all den Lieben, die dort unter Tränen und Kummer nach dem Schwervermißten geseufzt, wallfahrtete der gräfliche Ordensmann über die Kettengebirge der helvetischen Alpen, um endlich durch die Schweiz und über den Bodensee in das geliebte Schwabenland einzutreten und seine Familie herzlich zu umarmen, dort im prachtvollen Ahnensaal, umgeben von allen Freunden und Bekannten des wiedergefundenen Grafen Wernher von Schwabeck und Balzhausen.

Unerschrocken und männlich aber stand der Ritter von der brennenden Burg vor dem alten Emir, vor den der fluchende Sklavenmeister am Morgen nach der Gefangennehmung ihn gebracht hatte. Der Nachkömmling Mohammeds betrachtete den geharnischten Deutschen mit durchdringendem Auge. Und als es schien, er habe zwischen Stahl und Eisen versteckte, wohlbekannte Gesichtszüge herausgefunden, verzog er die Lippe zu einem durch das Gemisch von Hohn und Überraschung hervorgebrachten Lächeln, daß der graue Schnurbart kaum bemerkbar sich kräuselte. Bald aber umdüsterte der vorige Ernst sein hageres Gesicht. Und er redete den Deutschen an: "Ist es wahr, Nazarener, was man mir berichtet? Du hast die Flucht deiner gefangenen Landsleute ungerechterweise befördert? Gib Rechenschaft!" Und der Ritter erwiderte: "Ungerecht? Was nennst du ungerecht? Das deutsche Blut, das ihr Muselmannen zu vertilgen sucht, euch aus den räuberischen Klauen zu entreißen, ist eine edle Rittertugend! Ich hab es getan und danke Gott dafür!"

Schwer beleidigt durch des Deutschen derbe Rede langte der Emir an den Griff des Schwertes - aber im Augenblick legte sich sein innerer Zorn; denn es waren seinem funkelnden Auge die Gesichtszüge des Unbekannten begegnet. Dann fuhr er fort mit sonderbarem Nachdruck: "War es um den fränkischen Arzt nicht schade, den deutschen Ritter würd ich vertilgen von der Erde, so aber soll er im Sklavenkerker schmachten und die Milde dieser Strafe dem Heilkünstler verdanken, dessen Glück und Geschicklichkeit mich zum Schuldner gemacht!" Spottend verzog der Deutsche sein Gesicht und sprach dagegen: "Ihr zahlt mit schlechter Münze und achtet Euer eigen Leben gering, weil Ihr die Kunst, die es Euch erhalten, nicht höher anschlagt, als den Wert des Unterschiedes zwischen Tod und ewiger Kerkerstrafe. Das ist der Saracenen Dank! Ich bins zufrieden!"

Mit diesen Worten bot der Ritter dem Emir verachtend den Rücken und wollte gehen, um seine Strafe anzutreten. Da entstand im Herzen des Muselmanns ein heißer Kampf zwischen Rache und Edelmut. Endlich schien der letztere zu siegen. "Halt, Nazarener!" rief der Emir den Ritter ins Gemach zurück. "Nicht umsonst nennt man euch die derbe, trotzige Nation! Habt. ihr dem Feinde einen Dienst erwiesen, so tragt ihr das eigene Lob frech auf der Stirn und fordert auch gleich die Zahlung! - Du aber, Christ mit dem Panzerherzen, sollst nicht sagen können, du habest Undankbarkeit gefunden im Palaste Abdel-Meleks, des Emirs von Damaskus. Du bist frei, und daß dir nichts Unangenehmes mehr begegne, lasse ich dir das Geleite geben bis an die Vorposten des Frankenheeres. Geh und erzähle deinen Landsleuten, was dir begegnet, auf daß sie milder gesinnt seien gegen die Diener und Abkömmlinge des großen Propheten! - Allah segne dich!" Und ohne die freudige Bewegung oder den Dank des Ritters abzuwarten, war der Emir hinter dem seidenen Vorhange verschwunden.