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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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6 Eine rätselhafte Nebengeschichte

Sechstes Kapitel

Eine rätselhafte Nebengeschichte

Auf dem Schlosse Schwabeck hatte sich seit der Abreise des Grafen Wernher das vorige, muntere, zufriedene Leben sehr verändert. Die edle Frau Ludmilla mit ihrem Söhnlein Ulrich und der Schwester Gisela hielt sich die ersten Tage still verborgen in den innersten Gemächern, um sich ungestört und ohne lästigen Zeugen dem ganzen Schmerze der Trennung hingeben zu können. Dann war ihr Hauptgeschäft die Pflege des geliebten Kindes, des einzigen Trostes, der ihr in solcher Verlassenheit geblieben war. Ulrich vermochte aber auch mit seiner kindlichen Zuneigung und dem sinnreichen Benehmen bei Unterricht und Spiel, wobei er täglich neue Anlagen eines lernfähigen Geistes enthüllte, die Schwermut der betrübten Mutter für manche Stunde zu verscheuchen, bis endlich die edle Frau durch Gebet fromme Ergebenheit in Gottes Fügung sich errungen und die vorige Heiterkeit soviel es möglich war, in ihr Herz wieder aufgenommen hatte. Aber auch der Schloßvogt mit den wenigen Knappen, die der Graf als Besatzung auf der Burg zurückgelassen, fühlte sich nicht mehr recht heimlich innerhalb der Mauern von Schwabeck, wo er doch stets seine fröhlichsten Tage zugebracht. Unmutig überfüllte er sich Magen und Kopf mit dem alten Rheinwein aus des Grafen Keller. Und wenn er sich dann in einem Zustande befand, wo die Zunge so gern schwatzt, was das Herz in Nüchternheit verbirgt - da verwünschte er den Tag, an dem Wernher abgezogen, über alle Berge bis an das Tote Meer und sendet zu den Knappen, die mit stummem Kopfnicken seine Verwünschung bekräftigten: "Beim heiligen Simon, meinem Namenspatron, der für mich fürbitten wollte in meinem Sterbstündlein, ich kann mich in das Tun und Treiben des neuen Schutzherrn gar nicht finden. Finster und rauh gegen die Dienerschaft, bei den Frauen aber fein und artig - was anders soll diese Verschmitztheit bringen, als ein nahes Unglück? Ich fürchte, Siegmund Gäßler mißbraucht auf eine abscheuliche Weise das Vertrauen, das der edle Burgherr so freundlich und arglos in ihn gesetzt. - Und nun, wenn ich vollends in das wilde Gesicht des Schwarzkünstlers blicke, dem Graf Wernher allzu vorschnell einen Aufenthalt im Schlosse zugesagt, da schlag ich unwillkürlich ein großes Kreuz auf meine Eisenbrust und bitte den lieben Herrgott, er wolle uns alle väterlich gnaden."

Der Schloßvogt hatte sonst einen gesunden Verstand und war der bösen Sache so ziemlich auf die Spur gekommen. Siegmund Gäßler behandelte vom ersten Augenblicke an die Dienstleute in der Burg wie armselige Türkensklaven, verschwatzte sie ungerechterweise bei der edlen Schloßfrau als faule, pflichtvergessene Buben und suchte sich auf solch unwürdige Art bei dieser einzuschmeicheln, daß es den Anschein habe, als verdiene er ihr Vertrauen im höchsten Grade. Wußte er sich aber davonzuschleichen, oder ritt er auf die Jagd, da betrug er sich so ausgelassen und frech, wie es sich keinem Ritter wohl geziemt.. Die Mütter in der Gegend hatten große Mühe, ihre Töchter vor seinen wilden Blicken zu verbergen. Und die kräftigen Bauernjungen gingen ihm gern aus dem Wege, um sich, von seinen häßlichen Schimpfflüchen gereizt, an ihm nicht zu vergreifen. - Matthä Dampf aber schien sein vertrautester Freund geworden zu sein. Denn man sah den Ritter gar oft über die kleine Stiege in die Turmstube schleichen, wo der Schwarzkünstler seine geheime Arbeit trieb. Dort verweilte er stundenlang; und der Schloßvogt, der ihm einmal nachging und heimlich durch das Schlüsselloch in die verdächtige Stube schaute, wollte gesehen haben, wie er mit eigener Hand ein Tränklein bereitete. Als er aber die Worte des schlimmen Ritters hörte: "Entweder in meinen Willen sich ergeben, oder sterben!" - eilte der betroffene Vogt davon, die Treppe hinunter ins Freie, als ob der böse Feind ihn gejagt habe. Und indem er sich den Angstschweiß von der Stirn trocknete, ging er mit sich zu Rate, wie er diesen Vorfall je schneller, je lieber, der edlen Burgfrau berichten könne. Aber Siegmund Gäßler erschien im Schloßhofe, befahl dem Vogt, der sich kaum vom Schrecken erholt, die Pferde zu satteln und ritt mit diesem und einigen Knappen hinaus auf die Jagd.

Die erste Stunde nach Mittag nahte heran. Nach langem Regenwetter ließ sich wieder einmal die freundliche Herbstsonne sehen, deren Strahlen in dem samtenen Spinnengewebe über den Stoppelfeldern sich spiegelten . Da wagte es Gräfin Ludmilla zum erstenmal, seitdem ihr treuer Gatte geschieden, in der stärkenden Natur sich zu ergehen. Sie ließ das Tor öffnen und. wandelte hinaus, die letzten Bergblümlein zum duftenden Sträußchen sich zu winden. Bald brannte die Sonne so heiß auf ihren Nacken, daß sie den Schatten eines Baumes suchte, um dort auszuruhen und in zärtlichen Gedanken der Pilgerfahrt des geliebten Wernher zu folgen, was sie so oft und gern tat, bis die Tränen tröstend über ihre Wangen flössen.

Da trat ein altes Weib zu ihr am Wacholderkrückenstabe. Es war die Wundertrude von Eichbühl. Die Gräfin fürchtete sich nicht; doch war sie seltsam überrascht. Aber die Alte grüßte sie freundlich mit den Worten: "Ihr habt geweint, edle Frau? Das seh ich an der dunklen Röte Eurer Augen! Ich mag auch wohl die Ursache erraten! Graf Wernher ist nicht da! Gott möge Euch trösten! Ave Maria!"

Und ohne eine Antwort der Gräfin abzuwarten, fuhr sie nach einer Weile fort: "Ich habe dem kranken Meier von Mickhausen einen Heiltrank zugetragen. Und weil ich Schwabeck so nahe war, trieb es mich herüber, Euch zu grüßen. Auch bin ich - Ihr müßt es meinen grauen Haaren zugute halten - wohl ein wenig neugierig, zu wissen, wie sich der junge Schutzherr beträgt, dem die Frauen des Schlosses anvertraut worden. Man erzählt sich nicht recht viel Gutes von dem Ulmer Ritter. Und ich möcht Euch warnen,, edlen Gemahls, des braven Burgherrn, wert und teuer - hütet Euch vor den Schmeicheleien des Siegmund Gäßler; sie könnten Euch leicht gefährlich werden!" "Du bist unverschämt, alte Trude!" entgegnete die Gräfin, warf einen Blick beleidigter Weiblichkeit auf die unwillkommene Störerin ihrer süßesten Gedanken, erhob sich vom Rasensitze und wollte sich eilig entfernen. Allein sie sah in diesem Augenblicke Tränen auf Gertruds schwarzen Augenwimpern und blieb wie festgebannt, den mannigfaltigen Ausdruck von Schmerz und Schwermut, von Ernst und Milde bewundernd, der mit einem Male in dem bräunlichen Gesichte der Alten zu erkennen war. Dann aber maß sie die gebückte Gestalt der sogenannten Hexe mit ernsthaften Blicken und sagte endlich: "Setzt das grämliche Weib vom Karrenberge so wenig Vertrauen in die Seelenkraft und Herzensreinheit der Burggräfin von Schwabeck, daß es glaubt, Ludmilla werde da schwach sein, wo der Ritter seine Pflicht vergäße? - Ich könnte Euch recht böse werden und gebieten, mein Schloß nie wieder zu betreten, wenn nicht die Schuld der Dankbarkeit für die guten Dienste, die Ihr dem Knappen Kuno geleistet, mir auf dem Herzen lastete. Doch ermahne ich Euch in allem Ernste, in Zukunft Euch eines jeden unziemlichen Wortes zu enthalten, das die Frau von Schwabeck zur heißen Schamröte des gerechten Unwillens reizen muß."

Die Alte vom Karrenberge ließ die Gräfin zu Ende reden und trocknete inzwischen, wohl sorgsam, daß die bräunlichen Wangenrunzeln nicht befeuchtet wurden, die stillen Tränen von den dunklen Wimpern. Hierauf reichte sie zur Versöhnung der erzürnten Frau den Zeigefinger der in den weiten Ärmelfalten tiefversteckten rechten Hand und beschwichtigte sie mit den zarten Worten: "Weil ich es Euch so herzlich gut gemeint, müßt Ihr mir nicht so arg böse sein, ehrenfeste Frau! Denn beim Marienbilde, das ich verborgen auf meinem Herzen trage, ich wollt Euch nicht beleidigen. Um Euch aber wieder aufzuheitern und meinen groben Fehler zu verbessern, will ich Euch eine Geschichte erzählen, deren Inhalt Ihr gern hören werdet. Die Sonne steht noch ziemlich hoch über den westlichen Tannenwäldern. Und ehe der Herbstnebel vom Tale herauf Euren zarten Körper mit fieberhaftem Froste befallen könnte, bin ich mit meiner Erzählung wohl schon zu Ende,"

Das brave Frauenvolk, so schnell es zu voreiliger Hitze in Wort und Tat zu reizen ist, kommt auch ebenso schnell wieder zur Versöhnung entgegen. So Ludmilla. Aus dem Gemische von Scherz und Ernst stahl sich ein freundlich Lächeln. Sie setzte sich und nickte auch dem Wunderweib zu, daß es sich neben ihr niederlasse. Trude aber kauerte sich zu ihren Füßen ins feuchte Herbstgras, steckte die Krücke neben sich so tief ins Moos, daß sie bequem den Oberleib daran lehnen konnte, strich die langen, ungeordneten Haare aus dem Gesicht und nachdem sie sich kurze Zeit einigen flüchtigen Gedanken hingegeben, während sie unwillkürlich mit der vertrockneten Puppe eines Herbstfalters spielte, fing sie endlich zu erzählen an:

"Es lebte einmal an einem kaiserlichen Hoflager ein alter, ehrwürdiger Mann; der war ein Meister in der edlen Arzneikunde, sowie er sich wohl verstand auf alle geheimen Künste und schönen Wissenschaften. Darum stand er auch bei dem Kaiser in hohem Ansehen; und dieser tat nichts ohne seinen guten Rat.

Der Mann hatte ein einzig Töchterlein. Das liebte er mit ungeteiltem Herzen, um so mehr, weil es das Abbild seines Weibes war, das ihm bald nach der Geburt des Kindes der grausame Tod entrissen. Lieb Töchterlein wurde sorgfältig großgezogen. Und der Vater erteilte ihm sogar Unterricht, wie es die Heilkräfte der Natur erkennen möge, Kräuter zu sammeln und den Kranken beizuspringen mit stärkenden Getränken. Denn der edle Menschenfreund meinte, an solcher Kenntnis trüge das Kind nicht schwer; und zur Zeit der Not könnte manchem bedrängten Mitbruder geholfen werden. Die Tochter gedieh an Geist und Körper und war lieblich anzusehen. Die Rose ihres achtzehnten Lebensjahres fing an, wahrhaft bezaubernd sich zu entfalten. Und der Vater hatte sein innig Wohlgefallen an der gutgeratenen Pflanze. Bei Hofe blieb die zarte Schönheit nicht unbeachtet. Und der Kaiser selbst freite für einen jungen, stattlichen Reitersmann, der in seiner Hofburg sich herangebildet, um die Tochter seines Leibarztes. Willst du? fragte der Vater das unerfahrene Mägdlein, und es sagte ja. Die Hochzeit wurde ritterlich gehalten. Das war ein Fest, wie keines mehr im Lande. Aber ach, du armes, betrogenes Kind, das du wähntest, in die Arme der Glückseligkeit zu eilen; an jenem Tage wurde deine Ruhe und dein süßer Friede zu Grabe getragen! Der Ritter zog mit der jungen Frau nach seiner Heimat an der Donau. Wohlgemut und froh verstrichen dem Weibchen die ersten Monde. Denn der Ritter blieb gern zu Hause am traulichen Kamin und erzählte manch schöne Geschichte, wenn die Rittersfrau den goldenen Faden am Rocken drehte. Aber bald trieb das heiße Verlangen nach der wilden Jagd den Gemahl von ihrer Seite. Anfangs kam er wohl noch zurück zur Heimat beim sinkenden Abendstrahl.

Allein am Ende hing er tagelang und Nächte hindurch der rohen Leidenschaft nach. Die Liebe zum treuen Weibe erlosch in seinem Herzen, und er trug wohl gar ein sündhaft Verlangen nach andern, sündhaften Gelüsten, wozu er bei Trunk und Spiel von bösen Gesellen verleitet wurde. Ach, wie jammerte das verlassene junge Weib! Wie flehte es zu Gott um die Umkehr ihres verirrten Gatten! Ja, wär es möglich gewesen - blutige Tränen hätte es geweint! - Allein umsonst. Die Gattin ward ein Dorn in den Augen des Ritters, dem an Einförmigkeit des häuslichen Glückes ekelte und schon längst der verderbliche Wechsel nach der Sitte jenes Hofes, an dem er gebildet worden, durch die vergifteten Adern zuckte.

Unterdem war das gute Weib Mutter eines wunderherzigen Mägdleins geworden, und es freute sich des lieben Kindes, in dem festen Glauben, nun würden die Tage der Freude und des häuslichen Glückes auf ein neues beginnen. Doch die Arme hatte sich getäuscht. Der Ritter sah mit grausenhaftem Mißmut auf Weib und Kind. Er hatte in seinem wilden Wahne ein Söhnlein erwartet, das er zum treuen Genossen seiner wüsten Freuden außerhalb des stillen, heimatlichen Herdes erziehen wollte. Die Gattin war ihm jetzt verhaßt wie eine giftige Schlange und mit dem Blicke des Verderbens sah er auf sein eigen Kind. Drei Jahre dauerte dieses jammervolle Leben, während welcher Zeit, die dem tief betrübten Weibe wie eine schreckliche Ewigkeit vorkam, nur hie und da ein Blick auf das wohlgedeihende Mädchen die Unglückliche erheiterte. Da erst hatten Gram und unsäglicher Schmerz ihr höchstes Ziel erreicht. - Die Rittersfrau lustwandelte eines Tages an dem Ufer der Donau auf und nieder, während Schwinhilde, das Kind, unter den bunten Blumen des hohen Grases spielte. Das arme Weib hatte sich bald unter den Schatten einer Erle gesetzt, dort ihren langverhaltenen Tränen freien Lauf zu lassen. Unterdem war ein schwarzvermummter Mann in die Nähe des Mägdleins geschlichen. Zu spät sah das Weib, in schwermutsvolle Gedanken vertieft, den Schreckensmann. Dieser aber raffte das weinende Geschöpflein in seinen Arm empor und gräßlich lachend, das Angstgeschrei der Mutter aber verfluchend, jagte er mit der zarten Beute pfeilschnell davon und verschwand in den dichten Weidengesträuchen des nahen Wörthes. Die Rittersfrau sank ohnmächtig am Ufer nieder, wo sie stundenlang, nachdem sie sich wieder erholt, ohne Hilfe, verzweiflungsvoll die Hände zum Himmel rang.

Als der letzte Strahl der Sonne den Abend brachte, kam der Ritter dort vorbei. Er wollte von einer dreitägigen Jagd nach Hause eilen. Was ist geschehn, schrie er zornglühend der Gattin zu, daß du so spät am Tage hier verweilst? Und wo ist dein Töchterlein, treulose Mutter? - Zitternd und mit gebrochenen Worten brachte das unglückliche Weib hervor, was sich Furchtbares zugetragen. Da verfinsterte sich der Blick des Ritters zu einer Gewitterwolke; und indem er ein nasses Gewand aus seinem Wams zog, ballte er die Faust und schrie:

Elende, kennst du dies Kleidlein? Ich habe es aus den Wellen der Donau herausgezogen. Das Kind muß in dem Strome sein Grab gefunden haben. Du aber hast es sorglos sich selbst überlassen und bist so seine Mörderin geworden. Ist das die Muttertreue, mit der du so oft geprahlt? So zeigst du für dein Töchterlein die hochgepriesene Sorge, die dir bei Tage keine Ruhe, bei Nacht keinen Schlaf vergönnte? Nun ist die Larve von deinem Gesicht gefallen, du Heuchlerin! - Aber ich will den Tod des Kindes fürchterlich an dir rächen! Ich schwöre es beim Angesichte des Vollmondes, der dort aufsteigt! Wenn drei Tage verstrichen sind und das Kind ist mir nicht zurückgegeben, werd ich dich hinausstoßen aus meinem Hause, dessen Schande du warst von der Stunde an, da du den ersten Fußtritt hineingesetzt! - So tobte der wilde Ritter und hörte nicht auf die Worte der totenblassen Gemahlin. Sie wollte erzählen; sie beteuerte ihre Unschuld, sie rief den Abendstern zum Zeugen, daß alles wahr, was sie zu ihrer Rechtfertigung sagen möchte - allein der grausame Ritter stieß sie unbarmherzig von seiner Seite. Ein Jagdgeselle mußte auf seinen Wink ihr den Mund verstopfen und sie barsch über Stumpf und Stein nach Hause schleppen, wo sie verschlossen wurde bei Wasser und Brot, bis die kurze Frist verstrichen. Und in der Mitternacht vor dem Anbruche des vierten Tages stand der wilde Rittersmann vor seinem Weibe, das keine Tränen mehr zu verweinen hatte und starr in sein gewitterschwarzes Angesicht blickte, das fürchterliche Urteil aus seinem Munde zu vernehmen. Weib, sprach der Böse, du lebst noch? So wenig hat der Kummer um das Mägdlein dir das Herz zerrissen? Das Kind ist hin! Wohlan, so büße deine Sünde! Fort von mir! Hinaus in den Sturm der Wälder! Wallfahrte nach Spanien, oder wohin du willst, deine Schuld zu sühnen; nur laß dich vor meinen Augen nicht mehr sehen! Bettle an den Hütten der armen Ziegenhirten dein Stücklein Brot; oder, was das beste wäre, folge deinem Töchterlein nach in den Schoß der Donau und grüße in der schwarzen Ewigkeit deinen Vater, der, wie ich vernommen, vor wenigen Monden dorthin gegangen! - So stieß der Ritter sein Weib von sich, das halbverzweifelnd seine Füße noch umklammerte und bei Gottes Barmherzigkeit ihn anflehte, nur einen Winkel in seinem Hause ihr zu vergönnen, bis die Klage um ihr geliebtes Kind den letzten Odem aus ihrer wunden Brust geholt hätte. Es war umsonst. Ein vermummter Reitersknecht riß die Unglückliche von den Füßen ihres Gemahls, der ihrer Bitten spottete, stieß sie hinaus in die schauerliche Nacht und führte sie, ehe der Morgen graute, weit von der Heimat über die Donau, bis das zum Tode ermattete Weib unter einer alten Eiche im wildverwachsenen Gehege niedersank und von dem todesähnlichen Schlummer einer Ohnmacht umfangen wurde." Hier schwieg das Wunderweib vom Eichbühl, nahm das Tüchlein aus dem schwarzen Mieder und trocknete sich ein paar leidensvolle Zähren aus den Augen, die Zeugen waren, welch großen Anteil sie an ihrer eigenen Erzählung genommen. Gräfin Ludmilla aber war erschüttert, daß sie lang nicht zu Worte kommen konnte. Eine ausdrucksvolle Blässe hatte sich auf ihren sonst so sanft geröteten Wangen ausgebreitet. Endlich sagte sie: "Sonderbares Weib! Ihr verspracht mir anfangs, etwas zu erzählen, das mich erheitern würde. Und nun entkam Euch eine Geschichte, bei deren schreckhaften Zügen das kalte Fieber mich befallen könnte. Warum habt Ihr mit so Furchtbarem mich unterhalten? - Da ich einmal so viel erfahren, möcht ich das Ganze wissen und sei es noch so grausenhaft. Sagt mir geschwind, wie es dem verstoßenen Weibe noch ergangen und dann endlich möcht ich die Namen dieser Person hören und wo die schreckliche Geschichte sich zugetragen."

Die Hexentrude schien überrascht von Ludmillas Fragen. Und-plötzlich war es, als ginge ein heißer Kampf in ihrem Innern vor. Sie sah mit wunderbarer Wehmut in das Auge der Gräfin und langte in krampfhaften Zuckungen nach ihrer Hand. Große Schweißtropfen glänzten auf ihrer braunen Stirn und sie fragte Ludmilla schnell entgegen: "Wollt Ihrs in allem Ernste wissen, edle Frau, und im Gefühle des Mitleids?" Aber in dem Augenblicke schien der Kampf vorüber zu sein. Sie heftete das Auge in den klaren Herbsthimmel über ihr; mit der rechten Hand schlug sie ein Kreuz über die Brust und sagte endlich: "Das sollt Ihr erfahren, wenn ich wieder komme! Seht, seht, ich habe fast zu lang verweilt bei Schwabeck. Und, du mein Gott, der kranke Meier von Mickhausen sehnt sich noch einmal nach einem Heiltränklein von meiner Hand. Auch will mir die dumpfige Herbstluft nicht recht gefallen. Dort seitwärts vom Walle gegen das Tal hin zieht die Sonne Wasser. - Das ist ein schlimmes Vorbedeuten. Ja, wahrhaftig, in der dunklen Tiefe des fernen Westen blitzt es gar. Weh, wenn sich in so später Jahreszeit ein Gewitter erheben sollte. Drum ist es daran, daß ich Euch verlasse, edle Frau! Lebt wohl und denkt nicht mehr an das, was ich Euch erzählte. Ihr möchtet sonst in den einsamen Nächten, deren viele noch Euer warten, von bösen Träumen gequält werden. Lebt wohl!" Die Alte verneigte sich vor der Gräfin und ging. Plötzlich aber kehrte sie wieder um und kam noch einmal zurück. Ludmilla war neugierig, was das Weib begehren könnte. Dieses aber langte einen großen Schlüssel aus seinem Mieder und sagte: "Als ich den kranken Knappen Kuno auf Schwabeck besuchte, fand ich im Schloßhofe diesen Dietrich. Er war fast ganz verzehrt vom Rost und es wohl nicht der Mühe wert, daß ich lang mein Auge auf ihn heftete. Aber es kam mir damals zu Sinne, als ob eine höhere Fügung ihn mir zugeschickt. Ich steckte ihn zu mir und ein Hammergeselle von Nettershausen hat ihn recht ordentliche zugefeilt, daß er fast für einen neuen gelten könnte. Nehmt diesen Schlüssel, liebwerte Frau, und bewahrt ihn bei Euch. Das Wunderweib vom Eichbühl gibt nichts ohne Bedeutung. Eine höhere Fügung hat mich ihn finden lassen. Wer weiß, ob er Euch nicht einmal in irgend einer unangenehmen Lage willkommen sein könnte. - Aber schaut gen Westen! Wie schwarz, wie schauerlich! Das wird ein arges Gewitter! Gott wolle uns alle segnen! Ave Maria!"

Nachdem sie dies gesagt, stieg sie schon den Schloßberg hinab mit einer Eile, die der staunenden Gräfin, die ihr lang nachschaute, sonderbar vorkam. Diese aber steckte unwillkürlich den Schlüssel, der in ihren Händen geblieben war, zu sich und wandelte gedankenvoll dem Schlosse zu.