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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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19 Die Ritter auf dem Karrenberge

Neunzehntes Kapitel

Die Ritter auf dem Karrenberge

Am frühen Morgen, da die Herbstsonne, einen freundlichen Tag verkündend, durch die Ritzen der Tannen blickte, saß Gertrud vom Karrenberge vor ihrer Hütte und las, Tränen auf den braunen Augenwimpern, aus einem alten Andachtsbuche die trostreichen Verse:

"Du menschlich Herz, was willst du verzagen,
in deinen Leiden, in deinen Klagen?
Sieh auf zum Himmel! Dort wohnet dein Gott,
der kann dich erretten aus aller Not! -
Der lächelt, hernieder - da wird sichs wenden,
es werden die Tage des Kummers enden!
Was Elend dir schien in dem Augenblick,
das scheint dir im ändern das größte Glück!
Drum immerhin Mut und auf Gott vertrauet! -
Ei ja, du Herzlein, so ist es recht!
So frommt es dem Adligen, wie dem Knecht!"

Sie legte das Buch beiseite und während sie den Vöglein auf den Gesträuchen ihr Frühfutter gab und die gestern gesammelten Heilkräuter zum Trocknen in die Strahlen der Sonne legte, wandelte ihr Geist zurück in die Tage der Vergangenheit. "Wahrlich," sagte sie zu sich selbst, "ich bedarf der obigen Trostsprüche, damit das arme Herz nicht schwach werde im Glauben und Hoffnung. Jetzt, da Schwabeck wieder blüht im Besitze des alten Grafen, der wunderbarerweise seine Gattin heimgebracht - jetzt fehlt der jugendliche Sprosse des edlen Geschlechtes, den ich der Rache des Siegmund Gäßler entrissen, den ich auferzogen zu glücklicher Zukunft. Warum mußt ich ihn hinauslassen ins wilde Treiben der Welt? Ach, wenn mir der Knabe nicht wieder käme? War es nicht genug, daß ich mein eigen Töchterlein schauderhafterweise verlieren mußte? Soll auch der Pflegesohn im fernen Lande unter dem Schwerte der Saracenen verbluten, in Sklavenketten verschmachten, oder gar von den Krallen wilder Tiere zerrissen werden?

Oh Gott, oh Gott! Hilf, hilf der armen, jammernden Gertrud! - Was nützt es, wenn ich gen Schwabeck eile und alles entdecke? - Sie werden den Sohn von mir fordern und ich kann ihn nicht geben!" Hier schluchzte die Wundertrude recht jämmerlich. Und matt auf den Wacholderstab gelehnt, gab sie sich einer stillen Schwermut hin. Dann fragte sie sich wieder - ihr Gesicht ward blasser unter der braunen Schminke und das Auge blickte düsterer: "Siegmund Gäßler? Was mag aus ihm geworden sein? - Gertrud! Gertrud! Du hättest all das Unglück auf Schwabeck verhüten können, hättest du das deine nicht gefürchtet! - Aber in Gottes Namen!" fügte sie, sich beruhigend, hinzu "ich muß mich trösten mit dem Gedanken, die ewige Vorsehung hat es so haben wollen, oder es wenigstens so zugelassen. Und sagt nicht das Sprüchlein im Buche: "Gott lächelt hernieder - da wird sichs wenden! Es werden die Tage des Kummers enden!" -Mut gefaßt, arme Gertrud! Tapfer ausgelitten, du alte Hexe! Kommt doch eine Zeit, da du keine Hexe mehr gescholten wirst! - Und geben sie dir auch noch im Grabe diesen Namen - dort über den Sternen kennt man wohl die schwergeprüfte, martervolle Rittersfrau. Drum nur getrost! "Ei ja, du Herzlein, so ist es recht! So frommt es dem Adligen, wie dem Knecht!"

Unter diesem Selbstgespräch hatte sie unwillkürlich den Blick auf den muntern Vöglein gehabt, die zwitschernd ihr Futter pickten. Nun aber sah sie empor - und, oh welche Erscheinung! - Ein geharnischter Ritter sprengte sein Roß den Karrenberg heran. "Das ist mein lieber Pflegesohn!" rief die Alte hüpfend vor Freude, wie ein junges Mädchen. Und sie eilte an ihrem Krückenstabe dem Ritter flugs entgegen. Aber drei Schritte vor ihm hielt das Entsetzen sie fest an der Stelle. Totenblaß ward ihr Angesicht, ihre Füße zitterten. Sie war einer Ohnmacht nahe. - Doch der Ritter stieg rasch vom Pferde und eilte ihr zu Hilfe.

"Gertrud!" sagte er schmeichelnd, "müßt nicht so erschrecken, wie einst in der Wohnstube des Meisters vom großen Hammer! Ritter Siegmund Gäßler ist nicht mehr so böse, wie ehemals! Dürft ruhig sein!" - Und er führte das Wunderweib auf die eichene Bank vor der Hütte. "Seht," fuhr er fort, da die Alte wieder zu sich gekommen und mit äußerst bewegtem, wehmütigem Blicke ihn betrachtete, "seht, das Unglück hat mich mürbe gemacht! Erinnert Ihr Euch des schauderhaften Augenblickes auf der Fallbrücke von Schwabeck? Gertrud ich sah den Geist meiner verstoßenen Gemahlin! Ach, der Jammer und das Elend werden in jener Stunde, da ich ein abscheuliches Bubenstück begehen wollte, die Unglückliche vielleicht einem langsamen Martertode preisgegeben haben. Und der Allmächtige ließ es zu, daß ihre scheidende Seele mich vor dem ewigen Verderben warne. Tausend Gewissensbisse quälten mich fast zu Tode. Ich lag im tiefen Graben, schwer verwundet am rechten Beine, matt und entkräftet am ganzen Körper. Der Fischveit von Costnitz rettete mich zum Heil meiner Seele. Meine Sünden zu büßen, nahm ich das rote Kreuz - und zog gen Palästina. Wo die Gefahr am größten war, dahin wagt ich mich am ersten. Hundertmal flehe ich zu Gott, er möge meine Buße annehmen in Gnaden und eine Gelegenheit mir senden, bei der ich das Unglück, das ich in meinem eigenen Hause, das ich auf Schwabeck angerichtet, nur im mindesten verbessern könnte. - Und siehe, der Ritter von der brennenden Burg - Ulrich von Schwabeck -" "Wie?" rief die Alte innig überrascht. "Mein Pflegesohn? Wo ist er? Redet, redet!" "Ich konnte ihn retten, da ihn eine Rotte wilder Beduinen erwürgen wollte!"

Und kaum daß Ritter Gäßler diese Worte ausgesprochen, tönte eine wohlbekannte Stimme hinter der Hütte:

"Willkommen auf dem Karrenberge!" Ulrich lag in den Armen der treuen Pflegemutter und weinte, wie sie, die Tränen der herzlichen Freude. Seitwärts stand Ritter Siegmund und dankte Gott, daß er ihn zum Schöpfer dieser wonnevollen Sekunde auserkoren.

Die hocherfreute Trude konnte sich nicht satt sehen an der edlen Gestalt ihres Pflegesohnes: "Oh du herziger Knabe!" flüsterte sie, küßte ihn auf die Stirn und gab ihm ihren Segen. "Wie schmerzlich hab ich deiner geharrt! Und nun, weil du da bist, sollen die Tage einer glücklichen Zukunft beginnen!" - Dann wandte sie sich zu Gäßler, drückte dessen Hand in wehmütig freundlicher Bewegung und sagte: "Euch, Herr Ritter, dank ich von ganzem Herzen für den Edelmut, mit dem Ihr mir das liebe Pflegesöhnlein aus den schrecklichen Todesgefahren herausgerissen. Der liebe Gott wird Euch dafür belohnen! - Glaubt es mir, die alte Hexe vom Karrenberge, die Euch einst beim Hammer so unfreundlich die Wahrheit gesagt, kann auch Glückliches prophezeien. Nur sei mir eine Frage erlaubt. Es ist nicht Vorwitz, nein, es ist die Begierde, auch für Euch die Tage eines häuslichen Friedens herbeizuführen. Siegmund Gäßler, habt Ihr Eures Weibes nicht ganz vergessen? Könnet Ihr die Schuldlose, die Ihr ungerecht verstoßen, wieder liebend aufnehmen in Eure Arme, in Euer Herz? Oh, antwortet mir! Ich glühe vor Sehnsucht, eine aufrichtige Antwort zu hören!"

Der Ritter brach in lautes Schluchzen aus. - "Weiblein, Weiblein!" rief er, "Ihr habt mit dieser Frage alle Saiten meines Herzens berührt! Ob ich sie aufnehmen könnte? Ach, ich habe nur diesen einzigen Wunsch in meinem Leben, sie wiederzusehen, und mein Kind, ihr herzig Töchterlein, wieder zu finden! Dies Verlangen durchdringt meine Seele, seit ich durch herzliche Reue den Weg zur Umkehr und Besserung gefunden." "Euer Kind? Edeltrudes Töchterlein?" fragte das Wunderweib. "Ist den nicht wahr, was man sagte, daß es in den Wellen der Donau ertrunken?"

"Nein!" rief der Ritter, und Tränen erstickten fast seine Worte. "Ich Unmensch hab es der Mutter rauben lassen, weil ich Gattin und Tochter haßte. Wohl hatte ich den Mordplan gefaßt; allein der Fischveit war menschlicher und verhandelte das Kind an eine alte Zigeunerin. Gott weiß, wo es nun herumirrt in der Wildnis unglücklicher Tage! - Aber lächelte mir die Freude, Edeltrude wieder zu finden, so dürft ich auch hoffen, Schwinhilden zu sehen. Der Allbarmherzige beschert ja dem Reuigen und Gebesserten so gern das ganze Maß der Wonne." Jetzt konnte sich die alte Trude nicht mehr halten. Sie mußte dem Strom der Tränen freien Lauf lassen. Und um die Empfindung ihres Herzens vor dem Ritter zu verbergen, trat sie hinter die Hütte, kniete nieder, rang die Hände und betete mit einer freudevollen Sehnsucht, daß die geharnischten Gäste nicht wußten, was mit dem Weibe vorgefallen.

Unterdem war die schwäbische Magd von Netters Hammer den Karrenberg heraufgestiegen, trat vor die Hexentrude und bat gar innig: "Kommt doch a bissele mit mir, Gertrud! An alter Harfner liegt krank bei Meister Hans; der het a Heilkräutle bedürftig! Gott wird Ena segna!" Das Weib ließ sich nicht zweimal bitten, erhob sich sogleich, nahm Wunderwurzeln und Heilkräuter zu sich, trat vor die Ritter und sagte: "Geduldet euch, bis ich wiederkomme! Es ruft mich die Menschenpflicht!" Den Pflegesohn aber vertröstete sie noch ganz besonders: "Magst dich derweil laben, mein Ulrich, mit der Erinnerung an deine Jugendzeit, die du in dieser Hütte zugebracht. Freilich findest du deine alten Bekannten nimmer so vertraulich beisammen. Dein Gespiele, der schnurrige Kater, liegt begraben unter der großen Tanne. Auch der Rehbock ist bald nach deinem Scheiden nicht wieder ans Fenster gekommen; der scharfe Pfeil eines unbarmherzigen Weidmannes hat ihn wohl getötet. Nur der Rabe noch, dem du das rote Bändlein um den Hals gehängt, zeigt sich täglich unter den Futter suchenden Vögeln. Du magst ihn grüßen, den schwarzen Bekannten und ihm erzählen, wie die Jahre dich zum Manne gemacht, draußen in der weiten Welt. - So gehabt euch wohl! Die alte Trude muß Hilfe bringen in Netters Hammer; oder doch trösten, wenn menschliche Kunst nichts mehr vermag."

Und mit einer Eile, über die man sich verwundern durfte, war das Weib mit der schwäbischen Dirne den Berg hinunter.