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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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18 Der Harfner und sein Mägdlein

Achtzehntes Kapitel

Der Harfner und sein Mägdlein

Der Herbst war wieder angekommen im Mindeltale mit all seinen heimwehlichen Zeichen und Erscheinungen. Über die Stoppeln strich der herbstliche Südwest und schüttelte die gelben, roten und bräunlichen Blätter von den Buchen der alten Wälder, von den Kirchbäumen der stillen Gärten und von den Erlen am Mindelufer. Eine trauliche Stille hatte Einkehr genommen in der Gegend von Netters Hammer. Sie wurde nur unterbrochen von dem eintönigen Schlag, der das Eisen schmiedete, von dem Geläute der einzelnen Kühe und Ziegen, die in der Schlucht des Karrenberges das spärliche Herbstfutter pflückten und von dem Geschnatter der Wildgänse, die hoch in der Luft, in seltsamer Ordnung daherfliegend, die Ankunft des Winters verkündeten.

Die Sonne neigte sich ihrem Untergänge. In magischer Beleuchtung des stillen Abends lag die einfache Behausung von Hans Netter. Der Rauch aus dem Kamine, der bekundete, daß Frau Elsbeth ihrem Manne und den Gesellen, den Abendbrei zubereitet, wirbelte in einer Purpursäule gerade aufwärts, zum frohen Zeichen, daß ein kühler, aber ätherisch reiner Morgen zu erwarten sei. Die Kapelle am Eichbühl, deren innere und äußere Wandung der fromme Pächter vor wenigen Monaten hatte erneuern lassen, blickte mit ihrem blendenden Weiß im freundlichen Abendscheine, wie eine silbergeschmückte Braut, im Tale umher und die bebuschten Hügel gegen Osten flimmerten in ihren bunten Farben. Nur im Westen begegnet dem zarten Auge eines empfindsamen Beschauers eine schauerliche Gruppe. Es waren die Riesen schwarzer Tannen, die an der Schlucht empor mit. ihren dunkelgrünen, nie verwelkenden Stacheln, wie böse Geister, in die freundliche Abendszene herab sich neigten, als wollte sie die Anmut ihrer Nachbargegend feindlich zerstören.

Aber siehe, aus der schwarzen Wölbung der Tannen trat ein alter Mann. Er schleppte mühsam auf der Schulter eine fast zerbrochene Harfe. Seine gerollten Haupthaare, halb schwärzlich, halb weiß, glichen der Asche einer ausgeglühten Eichenkohle. Ja, so schien es, eine Eiche mußte der starke Mann gewesen sein. Aber die Glut schwerer Ereignisse des äußeren und inneren Lebens hatte die Kraft des Holzes verzehrt und die Asche war auf dem alten Haupte zurückgeblieben. Der lange Kinnbart samt der Schnurre war von der Farbe des frischgefallenen Schnees. Braune Falten übten ihre Herrschaft über die hohe Stirn, verzogen den Mund zu einem seltsam wehmütigen Lächeln und verbargen fast den Blick der Augen. Die mageren Hände zitterten samt dem Wanderstabe, auf den sich von Zeit zu Zeit der ermattete Körper stützte. Aber die Brust, wenn sie Atem holte, hob sich gewaltsam unter dem schwarzen Wams, das mit einem silbernen Gürtel um die Lenden gebunden war. Eine abgenützte, aber milchweiße Halskrause bedeckte den gelblichen Nacken. Und der einfache Kopfschmuck war ein braunfarbenes Barett mit einer Reiherfeder, das der Alte soeben abgenommen, um den kalten Schweiß von der Stirn zu trocknen.

"Gott seis gedankt," sprach der Greis mit freudig zitternder Stimme, indem er sich zu einer weiblichen Gestalt umwandte, die mit ängstlichen Schritten, schluchzend, ihm auf der Ferse folgte: "Gott seis gedankt! Schwinhilde, er hat unser Gebet erhört. Wir dürfen nicht, wie gestern, in der schauerlichen Schlucht des Waldes übernachten. Ich erkenne die Gegend, wo wir uns befinden. Siehe, dort am Fuße des waldigen Hügels steht ein Haus. Hörst du die dumpfen Schläge? Es ist der Hammer des ehrlichen Pächters Hans Netter, eines Mannes, den ich wohl kenne aus der Zeit, deren ich mit Schmach und Reue gedenke. Wir wollen Herberge suchen. Er ist zu mildtätig, als daß er sie uns versagen könnte. Wird er mich wohl erkennen? Nein, dies Sorgenhaupt, dies Gesicht mit Runzeln tausendfältiger Gewissensbisse und Leiden mag jedes Fünkchen der Erinnerung in ihm vertilgen. So ists mir lieber, bis ich vielleicht erfahren habe, was dir, Schwinhilde, zum Heile dienen könnte."

Das weibliche Wesen hinter dem alten Manne antwortete nicht, sondern seufzte nur und ging, wie ein zartes Lämmlein, dem Führer nach, wohin er es auch leiten möge. Vom Hammer aber ertönte durch Tal und Schlucht das Lied der Gesellen taktmäßig zu den wiederhallenden, dumpfen Schlägen:

"Ein Ritter zog in das ferne Land,
hoi auf, hoi auf, von Weib und Kind.
Was willst du, Ritter, im fernen Land?
Oh weh! Oh weh! Kehr um geschwind!"
- Und als der Ritter die Stimme vernahm,
da wieherte sein treuer Rapp!
Und eilends kehrt er um und kam,
hoi, klapp, klapp, klapp! -
Und ritt an einem Hammer daher:
"Hoi auf, hoi auf! Wer rief. mich hier?"
"Das ist das Schwert, mein lieber Herr!
Ho je, ho je, das schmieden wir!
Ihr habt es bestellt zu Wehr und Schutz,
für Euer eigen Weib und Hab!
Nun bietet es Euch männlich Trutz,
hoi, klapp, klapp, klapp!" -
"So schmiedet Gesellen, das Schwert mir fein,
hoi auf, hoi auf, es ist mir lieb!
Ich folge der Stimme und reite heim!" -
Hipp, hipp! Hopp, hopp! - Und sieh er blieb,
am stillen Herde bei Weib und Kind!
Juchei, juchei! In edler Weise häuslich gesinnt!"

Das Lied der Gesellen war noch nicht zu Ende, da hatte der alte Wanderer mit seiner verschleierten Reisegefährtin die Schwelle von Netters Hause erreicht. Als der gastfreundliche Hans den Alten vor der Tür gewahrte, trat er ihm sogleich entgegen, und wollte ihn, ohne weitere Aufklärung zu verlangen, in die warme Stube einführen, wo Elsbeth soeben den fertigen Brei auf den reinlichen Tisch stellte. Allein der Wanderer wünschte die Nachtherberge nach herkömmlicher Weise zu verdienen, richtete seine Harfe zurecht und winkte, der schüchternen Begleiterin, sie möge ein Gleiches tun mit ihrer Laute. Allsobald nahm sie diese zur Hand, stimmte die Saiten, und sang, während Elsbeth aus der Stube und die Gesellen vom Hammer herbeieilten, mit anmutiger, zarter Stimme:

"Gott verläßt die Menschen nicht,
wenn sie fromm auf ihn vertrauen,
kindlich stets nach oben schauen!
Gott verläßt die Menschen nicht,
auf die Nacht folgt Morgenlicht!
Drücken Leiden, dich und Nöten -
Einer kann dich ja erretten!
Auf die Nacht folgt Morgenlicht!
Wenn es dir an Trost gebricht,
oh, so denke still ergeben:
Ihm gehört mein Sein und Leben!
Gott verläßt die Menschen nicht!"

"Ihr habt uns mit Eurem Gesange eine herzliche Freude gemacht!" sagte der Pächter zu dem alten Harfner, als das Lied zu Ende war. "Kommt nur immer herein und tut Euch gütlich in Hans Netters Behausung." - Und Elsbeth nahm die Sängerin am Arme und führte sie eilig in die Stube. "Ach, du mein Gott!" jammerte sie, "wie das arme Ding zittert vor Frost! Die zarten Gliedlein sind nicht geschaffen, den rauen Herbstwind, der durch die Tannen pfeift, so tapfer auszuhalten, wie unsereins! Ich bedaure Euch wohl von Herzen, lieb Mägdlein! Aber Ihr sollt am warmen Kamine und bei der nahrhaften Suppe die Unbill vergessen, die Euch der kalte Herbstwind angetan!" Und die mildtätige Elsbeth sputete sich, einstweilen Brot und Ziegenkäse aufzutischen und dem alten Manne ein Glas erwärmten Apfelmostes, dem Mägdlein aber eine Schale mit süßer Milch darzureichen. Dann bereitete sie eine kräftige Eiersuppe und einen schmackhaften Hammelbraten, der besonders dem grauen Harfner sehr gut bekam.

Am eichenen Tische, wo zu oberst die fremden Gäste, daneben der Pächter mit seinem Weibe, zu unterst aber die Hammergesellen vertraulich untereinander saßen, wurde unter der Mahlzeit viel geplaudert von Kreuzrittern und heiligen Pilgern, von Klöstern und Ritterburgen und vorzüglich von der glücklichen Wiederkehr des Grafen Wernher von Schwabeck, der in einer Waldschwesternzelle zu St. Gallen seine edle Gemahlin wiedergefunden.

"Ihr seid gerade recht gekommen," sagte Hans Netter, sich an seine Gäste wendend. "Am Feste des heiligen Michael, das wir heute über acht Tage feiern, gibt der Graf zu Ehren seiner gesegneten Heimkehr ein Freudenmahl in der neu erbauten Feste. Ihr sollt den Tag verherrlichen, ihr lieben Leute! Und so es euch gefällt, lad ich euch ein, die kurze Zeit mit Netters Kost und Wohnung zufrieden zu sein. Und zur bestimmten Stunde wollen wir gemeinschaftlich über Hügel und Tal nach Schwabeck ziehen."

Das ernste, wehmütige Gesicht des alten Harfners erheiterte sich zusehends, zum Zeichen, daß sein Herz bei der Rede des Pächters mit willkommener Freude erfüllt oder durch irgend eine süße Hoffnung belebt worden. Er sagte der Einladung seines gutherzigen Wirtes gern zu mit deutschem Handschlage und ermunterte das Mägdlein mit der Laute, nicht so trüb drein zu sehen, sondern froh zu werden ihrer jugendlichen Tage. Vom Kloster Ursberg tönte die Glocke zur friedlichen Nachtruhe. Sie beteten gemeinschaftlich ein frommes Abendgebet. Die Lautenspielerin ließ sich noch einmal hören im heiligen Liede, wodurch die weichherzige Elsbeth bis zu Tränen gerührt ward. Dann suchte jedes sein Ruhelager, mit dem herzlichen Wunsch einer guten Nacht.

Aber der Harfner hatte keine gute Nacht. Als das Mägdlein frühmorgens vor sein Bett trat, ihn mit ihrer Silberstimme zu wecken, erschrak es, daß es an Händen und Füßen zitterte. Denn der Harfner lag da in heißer Fieberglut. "Mir hat die Reise in kalter Herbstluft schlecht bekommen, armes Kind!" stotterte er zu der Weinenden. "Und wenn mir nicht baldige Hilfe wird, mag ein gefährliches Ende mich erwarten." Eilends ging die Holde und erzählte den Hausleuten das Unglück unter schmerzlichem Jammer. "Das dürfen wir nicht versäumen!" entgegnete Hans Netter voll Teilnahme. "Doch seid getrost! Da kann ja geholfen werden! Gertrud vom Karrenberge hat viele Heilkräuter und Wunderwurzeln. Ich will sogleich zu ihr schicken und sie bitten lassen, daß sie den Kranken besuche. Gertrud kommt gewiß! Sie läßt nicht umsonst sich bitten! Gertrud ist gar ein gutes dienstfertiges Weib! - Betet indes, lieb Dirnlein! Das Gebet ist die beste Arznei. Und der gütige Herrgott der beste Arzt!" Und getröstet kehrte die arme Lautenschlägerin zurück zum Krankenbette des alten Harfners.