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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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20 Der Krankenbesuch

Zwanzigstes Kapitel

Der Krankenbesuch

Eine vorsichtige Stille, zum Zeichen, daß ein Schwerkranker beherbergt werde, herrschte in der Wohnstube vom großen Hammer. Wehmütig standen Hans Netter und sein Weib in einer Ecke. Die Gesellen aber ruhten in der Esse; denn der Meister hatte, seines Gastes zu schonen, das Getriebe stehen lassen. "Schwinhilde," flüsterte der alte, blasse Harfner dem Mägdlein zu, das schluchzend vor seinem Bette kniete: "Singe mir das Trostlied von gestern! Es gibt dem lebensmüden Herzen Beruhigung!"

Und Schwinhilde nahm die Laute zur Hand und sang unter stillen Tränen gar anmutig und feierlich:

"Auf die Nacht folgt Morgenlicht!
Drücken Leiden dich und Nöten,
einer kann dich ja erretten!
Gott verläßt die Menschen nicht!"

Durch den Trost der zarten Stimme ermuntert, lächelte der Alte und faßte neuen Mut, als Gertrud vom Karrenberge in die Stube eintrat. Sie ward seltsam überrascht bei dem Anblicke der unbekannten Gäste, die Hans Netter so gastfreundlich in sein Haus aufgenommen. Und mit dem Gruße "Ave Maria" trippelte sie zum Krankenbette. Sie untersuchte vorsichtig und ernst den Zustand des alten Harfners, trat hierauf beiseite, mischte ein Tränklein von Wurzeln und Krautern, die sie an der Glut des Kamines mit Kalmuswasser ins Kochen gebracht und reichte mit segnender Miene die Arznei dem nach Labsal gierigen Manne dar. Stillschweigend verweilte sie ein paar Stunden am Bette; stillschweigend las sie in einem alten Buche, das sie mit sich gebracht; und betrachtete bisweilen, mit weiblicher Teilnahme das sittsame Mädchen, das in ein stummes Gebet vertieft zu Häupten des Krankenlagers kniete. Nach Verlauf der von ihr vorgeschriebenen Zeit, in der sie dem Leidenden Milderung des Fiebers verheißen erhob sich dieser auch wirklich mit dem tröstlichen Lächeln einer merklichen Besserung. Das Wunderweib aber kehrte sich zu ihm und hob an: "Was den Zustand Eures Körpers betrifft, so hat der liebe Gott Euch und mich gesegnet! Ihr seid der nahen Gefahr einer Zerrüttung Eurer Nerven entrönnen. Allein es sagt mir die Kunst, sowie der reine Blick der Erfahrung, daß Ihr, alter, fremder Mann, von einem schweren Leiden Eurer zitternden Seele umfangen seid. Und bald wird die Krankheit Eures schwächlichen Körpers wiederkehren, wenn Ihr nicht die Bürde des Gewissens von Euch schüttelt. Es ist mir klar! Ihr haltet ein Geheimnis verborgen in Eurem Herzen!"

Jetzt wars still in der Stube vom großen Hammer. Mitleidsvoll ruhte das Auge des Wunderweibes immer noch auf den kummervollen Gesichtszügen des kranken Harfners. Schwinhilde am Bette zerfloß in halblautem Schluchzen. Der Pächter aber mit seinem Weibe zog sich zurück. Beide waren zu bescheiden, als daß sie zu unberufenen Zeugen einer bevorstehenden Herzensergießung des kranken Gastes sich aufdrängen wollten. Da lächelte der Harfner in sichtlicher Freude über die glückliche Gelegenheit, die sich ihm darbot, den schweren Kummer, die Hauptursache seiner körperlichen Schwäche, einer mitleidsvollen Seele vertrauen zu können. Und er erwiderte: "Es erfordert die Dankbarkeit, die ich der freundlichen Hilfe, die Ihr mir geleistet, schuldig bin, daß ich Euch mein Herz eröffne mit allen, seinen innerlichen Leiden und Geheimnissen. Auch betrifft diese Mitteilung die Zukunft des stillen Mägdleins, das Ihr an meinem Bette schluchzen hört. So merket wohl und vernehmet in herzlichem Mitgefühl die aufrichtige Kunde: Ich bin der Fischer Veit Knall von Costnitz, ehemals ein verschmitzter Genosse des Ulmerritters Siegmund Gäßler, der sein Weib ungerecht verstoßen und im Verein mit mir dereinst Schreckhaftes begonnen auf der Feste Schwabeck. Das Unglück und die Gnade von oben haben uns beide zur Erkenntnis unserer Schuld und zur aufrichtigen Reue gebracht. Der Ritter nahm das rote Kreuz, seine Sünden im Kampfe für die Eroberung des Heiligen Grabes abzubüßen. Mir aber legte er, als er weinend von mir schied, die heilige Pflicht aufs Herz, Tag und Nacht zu forschen nach den verstoßenen Weibe und das arme Töchterlein, das ich in der Zeit unserer Greueltaten unbarmherzig in den Wellen der Donau ersäufen sollte, zu erretten aus den zügellosen Armen der schwarzen Zigeunerhorde, an die ich es damals, den Mordplan des zornentflammten Ritters mildernd, verkauft hatte. - Vergebens suchte ich nach der armen Rittersfrau! Ach, sie liegt wohl schon getötet von namenlosem Kummer und begraben unter dem abgefallenen Reisholz schauerlicher Wälder! - Glücklich aber ist mir das letztere gelungen! Hier, das weinende Mägdlein an meinem Bette - es ist Fräulein Schwinhilde!"

Schon während der Erzählung des Mannes mußte die alte Trude vom Karrenberge von einer gewaltigen Empfindung durchdrungen worden sein; denn ihre Gesichtszüge veränderten sich bald zu schmerzlicher Wehmut, bald zu unverhoffter Freude. Und endlich bei den letzten Worten des Harfners brach ein Tränenstrom hervor aus dem himmelwärts erhobenen, glänzenden Augenpaar. Sie rang in wechselnden Gefühlen die Hände, betete wiederholt ein inbrünstiges Ave Maria, lächelte in geheimnisvoller Wonne, eilte auf das Mädchen zu, drückte es rätselhaft begeistert an ihre Brust, küßte es auf die Stirn, auf den Mund, auf die schwach geröteten Wangen, legte die Hände segnend auf das blonde Lockenhaupt und nahm das hocherstaunte Kind, das sich fast fürchtete, immer aufs neue wieder in ihre zitternden Arme. Dann sank sie nieder auf ihre Knie und in unnennbarem Wonnegefühl betete sie die Verslein:

"Gott lächelt hernieder, da muß sichs wenden!
Die Tage des Kummers - sie müssen enden!
Was elend mir schien vor dem Augenblick,
erscheinet mir nun als mein größtes Glück! -
Drum immerhin - Mut und auf Gott vertrauet,
und all meine Hoffnung auf ihn gebauet!
Ei ja, mein Herzlein, so ist es recht!
So frommt es dem Adligen, wie dem Knecht! -
Glück auf, Glück auf! Herbei und schau,
du martervolle Rittersfrau!
Der Morgen lächelt, der Tag ist da!
Du bist der höchsten Freude nah!"

Und nach diesem Freudenruf der Alten wars in der Hammerstube so feierlich ernst und still, wie an einem frühlingsheiteren Sonntagsmorgen im Andachtskirchlein wenn ein Gesalbter des Herrn seine tief gerührte Gemeinde segnet. Keines der Anwesenden konnte sich diesen geheimnisvollen Vorgang sattsam erklären; keines wagte das Wunderweib zu fragen, das ungestört im geräuschlosen Anschauen des Mägdleins versunken bleiben wollte.

Endlich erzählte der Harfner weiter: "So innig ich darüber erfreut war, daß ich Fräulein Schwinhilde glücklich aufgefunden und der wilden Zigeunerrotte entrissen, so sehr war ich nun besorgt, was ich in Zukunft für das Wohl des Mädchens beginnen sollte. Endlich dachte ich willkommenerweise an Dießen, das ehrwürdige Nonnenkloster am Ammersee. Ich hatte früher schon einmal erfahren, die Bewohnerinnen jener einsamen Zellen seien gar mütterlich gesinnt gegen hilfsbedürftige Waisen; und man rühmte besonders die überaus fromme Art, in welcher sie den Keim einer christlichen Erziehung in die Herzen der ihrer Pflege anvertrauten Mädchen einzupflanzen wußten. Hier fand das Töchterlein der verschwundenen Edeltrude von Gäßler freundliche Aufnahme. Die Äbtissin selbst, wie ich oft hörte, vertrat Mutterstelle an der unglücklichen Waise und unterrichtete sie in allem, was einem Ritterfräulein in der Blüte seiner jungfräulichen Jahre wohl ansteht.

Erst vor wenigen Tagen kam ich wieder ans Kloster und begehrte das kostbare Kleinod zurück, das ich den frommen Frauen jahrelang zu heiliger Verwahrnis anvertraut. "Die Feste von Schwabeck," sagte ich, "hat sich aufs neue erhoben aus den schwärzlichen Ruinen, den schaurigen Zeugen einer furchtbaren Gewitternacht. Graf Wernher ist zurückgekehrt und hat seine Gemahlin fast wunderbarerweise mitgebracht aus einer Waldschwesternzelle von St. Gallen! - Gebt mir Schwinhilden! Der Graf von Schwabeck war ein Freund ihres Vaters; er wird auch die Tochter des Freundes nicht vor die Tür weisen; er wird sie aufnehmen, ihrer pflegen, sie schützen, und freudevoll an die Brust des Vaters legen, wenn dieser zurück sein wird aus dem kampferfüllten Morgenlande. Ohne Widerrede ward mir Schwinhilde zurückgegeben. Ich wollte unmittelbar vom Kloster am Ammersee gen Schwabeck ziehen; allein der tückische Lechstrom hatte bei Landsberg ein Brückenjoch mit sich fortgerissen und ein Umweg führte mich über Augsburg. Da dachte ich an Hans Netters gastfreundlichen Sinn und lenkte den Fuß nach dem Hammer. Und wie froh bin ich, daß ichs getan! Ach, ohne die Pflege des Biedermannes, sowie ohne Eure Hilfe, ehrenwerte Trude, wäre ich wohl ein Opfer der mühseligen Reise und meines drückenden Kummers geworden. Nun aber, weil ich Euch das Geheimnis mitgeteilt, ist mir wohl, recht wohl im Herzen; und ich fühle es selbst, ich werde wieder genesen, um den Gang nach Schwabeck zu vollenden und nach dieser Arbeit der Vorbereitung auf ein glückseliges Sterbestündlein mich zu widmen."

Hier schwieg Veit Knall, der kranke Harfner, und trocknete sich eine Träne von der grauen Wimper. Schwinhilde aber lächelte, beglückt durch die Hoffnung einer schnellen Wiedergenesung ihres treuen Leitmannes und ordnete emsig seine schneeweißen Haarlocken hinter den gebückten Nacken, von wo er in letzter Fieberglut, mit zitternden Händen aus dem Geflechte sie losgerissen

Die alte Trude hatte immer noch kein Auge von dem schönen Gegenstande ihrer freudevollen Überraschung abgewandt, und wie es schien, tief versunken in die Erinnerung an eine von Leiden und Schmerz gedrückte Vergangenheit, die jetzt in freundlicher Gegenwart sich verklärte, gefiel sie sich in der Entwicklung eines Planes, der die Stunde längstgehoffter Glückseligkeit herbeiführen sollte. - "Lieb Mägdlein," sprach sie endlich in lächelnder Weise und lehnte Schwinhildens Lockenköpflein mütterlich segnend an ihr schlagendes Herz; "lieb Mägdlein magst dich freuen! Gertrud vom Karrenberge weiß dir viel Glück zu prophezeien! Der Tag von St. Michael rückt heran! Der bringt das Morgenrot der Freude auf die Feste von Schwabeck. Oh herrliche Stunde! Oh süßer Augenblick! Schwinhilde soll Vater und Mutter wiedersehen!" - Dann rief sie dem eintretenden Meister, seinem Weibe und den Gesellen zu:

"Ihr alle vom großen Hammer, eilet hinüber ins nachbarliche Tal. Wenn die Glocke das Fest anläutet, wenn das Hifthorn des Turmwarts den Wonnetag verkündet! Veit Knall, der vermeintliche Harfner, mag den Zug eröffnen! Singet ein Jubellied, bis vor die Tore von Schwabeck! Auch die Hexe vom Karrenberge wird dort nicht fehlen! Das große Geheimnis wird gelöst! Die lange Nacht unsäglicher Leiden wird verscheucht durch den sonnenklaren Morgen des süßesten Entzückens! Gesegnet sei die neue Ritterburg!" Und begeistert endete sie mit den Worten:

"Graf Wernher und Ludmilla, Ulrich und Gisela, Siegmund, Schwinhilde - alle, wird mit goldenem Strahle der schöne Tag vereinen! Auch Edeltrude muß erscheinen! So haltet die Herzen erhoben, den barmherzigen Gott zu loben! Vater unser! Ave Maria!"

Und indem sie dreimal die Stirn des staunenden Mägdleins küßte, warf sie den Mantel über ihr gelbbraunes Angesicht, die rätselhaften Tränen ihrer mannigfaltigen Gefühle teilweise zu verbergen, und eilte am Krückenstabe aus der Stube des großen Hammers, die Schlucht des Karrenberges behende zu erklimmen. Ein Geselle, der dem Wunderweibe nachgeschaut, kam zurück und erzählte:

"Die Hexe habe sich hinter einem Schleedorngehege auf die Knie niedergeworfen, geweint, gelacht, geseufzt und gebetet, bis eine muntere Ziege sie aufgeschreckt, worauf sie im schwarzen Tannenwalde verschwunden." Die Ritter auf dem Karrenberge konnten sich nicht erklären, welch glücklicher Umstand eine so fröhliche Stimmung in dem sonst schwermütigen Herzen der alten Trude hervorgebracht. Sie sang in diesen Tagen muntere Lieder von seligem Wiedersehen und häuslichem Glück; sie erzählte manch erbauliches Geschichtlein, wie ein böser Ritter, der Weib und Kind verstoßen, endlich in sich gegangen und mit den Wiedergefundenen glückliche Tage verlebt; sie brachte zehnmal des Tages dem allmächtigen Gott andächtige Lob- und Dankgebete, und sprach viel von Freuden und Frieden, die das Fest des heiligen Michael bringen sollte.

Endlich erschien der Morgen dieses langersehnten Tages. Ritter Ulrich war früh aufgestanden vom weichen Mooslager, da noch eine tiefe Dämmerung die uralten Eichen und die Gespenstergestalten der hageren Tannen umdüsterte. Er hatte sich aus der Hütte gemacht, die balsamische Herbstkühlung des Morgens einzuatmen. Als er um die Hütte bog, bemerkte er, daß das Fenster von Gertruds Schlafkämmerlein offen stand und vernahm ein stilles Geräusch darin. Unwillkürlich warf er den Blick hinein - und konnte sich kaum enthalten, den Ausdruck sonderbarster Überraschung laut zu geben. Gertrud, beleuchtet von der bläulichen Flamme einer ärmlichen Nachtlampe, stand vor einem in der Holzwand verborgenen Spiegel und war beschäftigt, die schwarzen Haare in die Form eines Geflechtes zu ordnen, wie es die adligen Frauen jener Zeit zu tragen pflegten; ihr sonst gebückter Körper hatte die regelmäßigste Haltung angenommen und war äußerst geschmackvoll und niedlich von einem wohl nicht reichen, aber anständigen Kleide einer Ritterin umfangen. Sie wusch mit duftenden Wassern und mit dem stärkenden Tau der Herbstviolen die gelbbraune Farbe aus dem Gesichte und die schwärzlichen Runzeln von der Stirn. Und ihre ausdrucksvollen Züge enthüllten nun das mittlere Alter einer zarten, anmutigen Frau, die in glücklicher Jugend eine Schönheit gewesen sein mußte. Da sie mit dieser rätselhaften Beschäftigung zu Ende war, warf sie den dunkelbraunen Hexenmantel über die Schultern und verhüllte das Gesicht in einen schwarzen Schleier, der von "dem Scheitel ihres Haargeflechtes, das sie mit einem Häublein aus Marderpelz bedeckt, düster und schaurig herabfiel bis auf die Fersen. Hierauf nahm sie den Krückenstab wieder zur Hand, behauptete ihre ehweilige gebückte Stellung, bekreuzigte sich, löschte die Ölflamme und trippelte aus der Kammer.

Ulrich hatte sich kaum erholt von dem Eindrucke, den der Anblick der Vermummung seiner Pflegemutter auf ihn gemacht, als diese auch schon mit Ritter Gäßler vor ihm stand und ihn anredete mit den Worten: "St. Michael steigt herauf im freundlichen Morgenrot! In den goldenen Schalen der himmlischen Waage, die er in seiner Linken hält, wiegt er für uns einen großen Wert von glückseligen Freuden. Das Schwert des Kampfes für Tugend und Gerechtigkeit, das er in seiner Rechten schwingt, legt er nieder in die heiligen Hallen des Friedens, wohin ich euch jetzt zu führen gedenke! - So besteigt eure Rosse, ihr tapferen Streiter aus dem Morgenlande! Das Wunderweib vom Eichbühl schreitet voran und zeigt euch den Weg über die waldigen Berge! - Kommt nur, kommt! Bald ists überstanden! Juchei, ihr edlen Ritter! Lobet und danket Gott! Ulrich, mein Söhnlein! Hast du das schöne Gebet nicht vergessen? Vater unser! Ave Maria!"

Und indem die Ritter zu Roß, die alte Trude voran an ihrem Krückenstabe unter dem Abbeten der schönen, christlichen Andachtsformeln zur Wanderung sich anschickten, läuteten die Glocken vom Kloster Ursberg St. Michaels Fest ein; und die Vögel in den herbstlich duftenden Zweigen zwitscherten ihre Morgenlieder, die Freundlichkeit des Tages zu verkünden.