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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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12 Die Zigeunerbande

Zwölftes Kapitel

Die Zigeunerbande

Die Erzählung der merkwürdigen Ereignisse aus jener ritterlichen Zeit führt uns in ihrer voranschreitenden Entwicklung wieder hinein ins romantische, stille Mindeltal im Schwabenlande und zwar an einen Punkt, wo die Natur viel des Wechselnden und Schönen bietet. Wenn der gemütliche Wanderer, der seine Freude hat an malerischen Landpartien, im Marktflecken Thannhausen beim goldenen Engel, beim schwarzen Adler, oder beim goldenen Stern mit kräftigem Gerstensaft sich gelabt - so besteige er die Spitze eines blumenreichen, mit einzelnen Eichen aus alter Zeit und einigen jungen Schleedorngehegen ausgestatteten Hügels, den man den Eichberg nennt. Dort oben angekommen, schaut er fast senkrecht unter sich die reinlichen Häuser, weiten Straßen und zahlreichen Gärten des ansehnlichen, gewerbereichen Marktes. Und wenn nun eben ein heiterer Sommerabend das Tal umdämmert - da wird man so seltsam träumerisch ergriffen von der holden Anmut und zarten Feier, mit der in ihren wechselnden Tinten die verschiedenen Naturgemälde leuchten. Jenseits am Ufer der Mindel ragt Ursberg empor aus dem üppig grünenden Wiesengrunde, die ehrwürdige Abtei, noch frisch und jung mit ihrem himmelragenden Turme - das festgebaute Kloster hat den rauhesten Zeiten getrotzt.

Von dem Standpunkte aus, der oben beschrieben worden, eröffnet sich nun die Aussicht über das Tal in meilenlanger Strecke; stromabwärts über die waldbewachsenen, mit Dörfern und Burgen bestreuten Grenzhügel ergeht sich das scharfblickende Auge bis in die weite Fläche des Donautales; stromaufwärts aber verliert es sich, nachdem diesseits und jenseits an den Klöstern, Weilern und Kirchtürmen, die über die Buchenwälder ragen, Gespenstern freier Natur, den ewig mit Schnee bedeckten, ewig dämmernden Alpen. In jener mittelalterlichen Zeit aber war an solche anmutig überraschende Aussicht von der gerühmten, hügeligen Stätte aus gar nicht zu denken. Denn damals erstreckten sich vom Lech und der Wertach über alle Berge herüber bis an die Mindel die uralten, unwirtlichen Tannen- und Eichenwälder, die nur dann fast unbemerkbar gelichtet wurden, wenn ein freigebiger Burgherr seine Nachbarn an der Donau und die hochwürdigen Klosterpröpste der Gegend mit Bauholz beschenkte, oder auch, wenn die Schutzfeuer gegen Hochwild, von den Besitzern der zerstreut liegenden Meierhöfe angelegt, durch den Windzug gestöbert den Urwald erreichten und ihre Flammen Laub, Blätter und Gras versengend, stundenweit sich durchs Gehege schlängelten. Wo jetzt der gewerbereiche Markt am Hügel sich ausdehnt, stand damals unter andern weniger bedeutenden Söldnerhütten, das große, hölzerne Gebäude eines reichen Meiers mit einer Herberge für Reisende. Hochragende Tannenbäume umgrenzten das Meiergut und von daher will man den Namen Thannhausen leiten bis auf die jetzige Stunde.

Der sechste Frühling nach dem unglücklichen Brande auf Schwabeck jenseits über den waldigen Höhen hatte sich im Mindeltale angemeldet. Es war die Zeit der Fasten vorüber. Und das lauwarme Aprilwetter lockte die irrfahrenden Zigeunerbanden, die der Winter in ihre Schlupfwinkel und Höhlen eingesperrt hatte, wieder ans Tageslicht.

In der großen Scheune, worin der Meier von Thannhausen das Stroh und Heu zur Fütterung seiner Kuhherden und Ziegen aufgespeichert, ging es bunt und lustig durcheinander. Zinken rauschten, Tamburine schnurrten und ein zerflissener Dudelsack brummte naseweise dazwischen. Auch ein Triangel ließ sich hören, die ganze Zigeunermusik übertönend und folterte jedes Ohr, dessen Nerven nicht faustdick waren, wie die von Meiers Oberknecht, der, während sein großes, vierschrötiges Gesicht im ausgelassensten Lachen sich verzehrte, mit weit aufgesperrtem Maule und durch rohe Gebärden mit Händen und Füßen die zügellose Bande ermunterte, das Ding noch lustiger zu treiben. Jetzt fingen Männer und Weiber, Buben und Dirnen, alle in ein Gemisch von spanischer, welscher und deutscher Tracht gekleidet, zu tanzen an. Und bald mengten sich des Meiers Dienstknechte und viele Leibeigene von Kloster Ursberg, die die Langeweile des Feiertages nach Ostern über die Mindel herübergelockt hatte, in die saubere Gesellschaft.

Aber auch von der Augsburger Straße, wohin das wilde Gejauchze tönte, war ein fremder Wanderer durch das Dickicht der jungen Tannen und Hagebuchen unvermerkt herangekommen; ein Mann, blaß und düster von Angesicht, aber mit keckem, durchdringendem Blick, den er pfeilschnell herumwarf, als ob ihm ja nichts entgehen dürfte. Er trug ein Wams von aschgrauer Farbe, am Arme einen ledernen Schlauch, über dem Rücken eine längliche Butte, mit geräucherten Fischlein gefüllt aus dem Bodensee. Langsam trat er näher und näher, dem Zigeunergetriebe zuzusehen. Als der dickleibige Meier seiner gewahr wurde, rief er ihm lachend zu: "Siehe da, Veit Knall von Costnitz! Wahrhaftig, der lustige Fischveit darf bei solchem Gelage nicht fehlen! Nun immer heran! Es gibt der sauberen Dirnen genug in der Scheune! Eine wird wohl noch übrig sein, mit dem Costnitzer den spanischen Reigen zu schlingen!" - Aber der Fischveit ermahnte mit aufgehobenem Zeigefinger den voreiligen Schwätzer zum Stillschweigen, stand mit einem leichten Sprung vor ihm und flüsterte ihm geheimnisvoll ins Ohr: "Sachte, sachte und nicht so vorlaut, mein lieber Meier! Ich wünsche nichts so sehr, als daß mein Name verborgen bleibe vor der Zigeunerhorde! Wißt Ihr denn nicht, daß ich der Spürhund der großen Herren und Ritter bin? Nennet mich nur Veit geradhin, wenn Ihr mir einen Dienst erweisen wollt!"

"Auch recht," erwiderte gutmütig der Meier. "Aber wollt Ihr denn nicht, Veit von Cost - oder Veit geradehin, einen Tanz loslegen bei dem lärmenden Geschnurre der Tamburine? - Weiß Gott, so allmunter gehts nicht her, wenn der blinde Bänkelsänger von Mindel-heim im Herbstmonat den Erntereigen hält vor dem Hause des Meiers von Thannhausen. Geschwind hinein in die Scheune, sag ich Euch! Seht nur, dort auf dem Gebälk sitzt noch eine allerliebste Tänzerin frei und frank, als ob sie auf Euch gewartet hätte. Das Dirnlein hat wohl kaum ihr zehntes Lebensjahr hinter sich; allein was tuts? So ists umso besser! Ein junges Reh überspringt nicht selten den griesgrämigen alten Bock." - Diesen groben Witz begleitete der Meier mit einem gellenden Lachen. Allein der Fischveit ließ sich den Spott gern gefallen. Denn er konnte in diesem Augenblicke schnurgrade in das Gesicht des Mädchens blicken, das seinen Schleier gehoben hatte, um die vom Luftzug verstalteten blonden Locken in Ordnung zu bringen. Die freudige Überraschung bei ihrer Entdeckung malte die runzligen Wangen des Fischhändlers bald mit dunklem Rot, bald verfärbte sich dessen ganzes Gesicht zu einer schaurigen Totenblässe.

Da sah ihn der Meier mit großen Augen an und schrie wieder: "Beim heiligen Christoph, meinem Namenspatron, Ihr habt ja das kalte Fieber! So rat ich Euch aufs neue, vertreibt es mit lustigen Sprüngen! Ich habe einen Preis ausgesetzt für den gewandtesten Tänzer, einen großen Humpen würzhaften Apfelmostes. Sonst ward Ihr doch. immer der erste, sich ein solch Bestes zu gewinnen! - Oder seid Ihr während der Zeit, als ich Euch zum letztenmal gesehen, frömmer geworden? Dann geht hinüber zu den ehrwürdigen Vätern von Ursberg und betet mit ihnen die Vesper und Mette!"

Der Fischveit aber bekräftigte den Meier in der kurz vorhin gefaßten Meinung und versicherte, er sei wirklich nicht recht bei guter Kraft; das Schneegestöber vor zwei Tagen habe ihn auf offener Straße überrumpelt; und seitdem spuke es in seinem Leibe herum, als wollte ihn eine Krankheit zu Bette werfen.

Nun war der Meier, doch ein gutherziger Mann, zufrieden, reichte dem Fischhändler ein Glas vom besten Moste und hieß ihn Platz nehmen unter der großen Tanne. Inzwischen hatte das Gedudel der Zigeunerhorde sein Ende erreicht. Und der Fürst des braunen Völkleins zog sich jucheiend in die Wohnstube des Meiers, um zu zechen. Wer Füße hatte, folgte ihm; selbst der Meier blieb nicht zurück. Und war kurz vorhin die Musik in der Scheune kaum anzuhören, so war jetzt das Geschmause und Gebrause in der Stube innen unausstehlich.

Nur das zehnjährige blonde Dirnlein war zurückgeblieben. Es saß so einsam und verlassen auf dem morschen Balken und spielte mit den Blättern einer halbverwelkten Frühlingsblume, bald lächelnd, bald weinend. Dann hob es den schönen, anmutsvollen Blick seitwärts an den heiteren Lenzhimmel und flüsterte: "Oh Gott, hilf mir armen, verlassenen Kinde!"

Der Fischveit kauerte sich hinter den dicken Stamm der alten Tanne und betrachtete das Mädchen in stummem Entzücken; und je länger er hinsah, desto mehr erheiterte sich sein Gesicht. "Sie ists! Sie ists," flüsterte er leise vor sich hin. Endlich einmal nach so vielen Jahren unsteten Forschens könnt ich sie entdecken! Oh Gott, oh Gott, wie gut bist du! Der alte Fischveit darf sich wieder freuen! - Damals, als ich vom Ritter Siegmund schied, als ich reuevoll im Wiesengrunde bei Mickhausen kniete und hinauf flehte in deinen Himmel um Verzeihung meiner Sünden - damals flog der Gedanke durch meine Seele: Veit, wenn du Schwinhilde findest, sei es dir ein Zeichen, daß dir Gott vergeben! Schon wollt ich verzweifeln - aber ich betete. Und siehe, heute wird mir das Glück zuteil - Gott hat mir vergeben!"

Und als er aufs neue hineinblickte in die Scheune, da sah er das Mägdlein auf dem Boden knien. Und er hörte das kindliche Gebet von ihren Lippen tönen:

"Schutzengel, den mir Gott gegeben,
zu leiten meinen Erdenlauf,
verlaß mich nie in diesem Leben,
und führe mich zu Gott hinauf!"

Diese Worte waren mit solcher Anmut und Lieblichkeit, im Ausdruck so reiner Unschuld über des Kindes rosenroten Mund gegangen, daß heilige Rührung dem alten Fischveit Tränen aus den Augen preßte. Er schlich vor aus seinem Versteck und stand unvermerkt vor dem Mädchen, das noch auf der Erde kniete. Dieses erschrak heftig und wollte entfliehen. Aber Veit Knall milderte durch ein gefällig Lächeln sein bärtiges Angesicht, so gut er konnte, hielt das Mädchen sanft beim Arme und redete es an: "Fürchte nichts, du kleine Beterin, und bleibe! Bei der Unschuld deiner Seele, es geschieht dir ja kein Leid! Du hast mich gerührt, du holdes Engelkind, in deiner reinen Andacht. Und ich kann mich nicht genug wundern, daß in der wilden Zigeunerhorde ein solch frommes Wesen zu finden!" Die leutselige Rede des Fischhändlers drang ermutigend in das Herz des Mädchens. Es blieb stehen und schaute dem Mann prüfend ins Gesicht. Dann sagte es: "Meinst du das Gebetlein zum lieben Schutzengel? Hats dir gefallen, Mann? Oh, es ist schön und stammt noch aus goldener Zeit! Lieb Mutter hat es mich gelehrt; soviel weiß ich noch und ich mußte es täglich vor ihr beten. Aber seit ich kein Mütterlein mehr habe, muß ich nur beten, wenn meine Leute mich nicht hören. Sie lachen mich aus, oder schimpfen gar. Das ist ein hartes Leben." Und das Mädchen fing zu schluchzen an. Da tröstete es der Fremde, streichelte freundlich seine Wange und fragte: "Willst du denn immer bei diesen Leuten bleiben, armes Kind?" - Die Kleine lächelte mitten unter ihren Tränen: "Weißt du was Besseres für mich, du lieber Mann, ei so sag es nur geschwind!"

"Komm mit mir!" entgegnete Veit Knall. Da zauderte das Mädchen. "Mit dir? Warum nicht gar! Ei, ich entsinne mich - so ein Mann, so ein grauer wars, der mich hinweggetragen und mich verkuppelt an die Zigeunerhorde! Laß mich fliehen! Du hast nichts Gutes vor!" Aber der Mann mit der Fischbutte wandte all seine Redseligkeit auf, das Mädchen zu gewinnen. "Tu nicht so scheu und spröde!" sagte er, "du sollsts gewiß gut bekommen. Hier hörst du nur Fluch und Schimpf und schamlose Reden. Du vergissest am Ende den lieben Gott - und deine Unschuld geht verloren, du armes Kind! - Wohin ich dich aber führen will, dort wird es dir Wohlgefallen. Dort lernst du immer mehr und mehr den gütigen Gott erkennen und lieben; und viele schöne Sprüchlein und Gebete, wie jenes, das dich Mütterlein gelehrt, sollst du inne werden. Auch manche schöne Arbeit wird deiner fleißigen Hand entkommen; und so magst du zum braven, anmutigen Fräulein erwachsen, wies der liebe Herrgott haben will und es die Menschen freut. Komm nur, Ich bringe dich zu den ehrwürdigen Frauen eines Klosters!"

Das Antlitz des Mägdleins ward immer klarer und freundlicher; der aufrichtige Plan des Mannes tönte gar einladend in das weiche Herz, das unter der wilden Horde schon so oft gejammert und geweint und sich weit in die Fremde, in einen edleren Menschenkreis, gewünscht. Aber auf einmal durchschwirrte ein anderer Gedanke das blonde Köpfchen und wehmütig bittend flüsterte die Kleine zu dem Fischhändler: "Lieber guter Mann, warum willst du mich nicht zur Mutter führen?" "Ach, könnt ichs nur, du holde Kleine," erwiderte dieser und trocknete sich eine Träne von der Wange, "wie gern wollt ichs tun! - Allein, ich weiß ja nicht, wo deine Mutter zu finden! - Doch tröste dich, armes Kind! Kommt Zeit, kommt Rat! Endlich wird es doch noch geschehen können! - Aber horch, nun wirds ruhig in der Stube drinnen! Die Horde hat ausgetobt. Die betrunkenen Zigeuner werden herauskommen, um hier über den Strohbündeln ihren Taumel zu verschlafen. Es ist höchste Zeit! Willst du, so spute dich - sonst kann es nimmer geschehen und du bist verloren auf ewig!"

Da sah das Mägdlein dem beredten Manne, dem es sogar sehr um die Flucht der Holden zu tun war, kindlich fromm ins Auge und fragte mit klarer Stimme: "Darf ich dir trauen, Mann?"

"So wahr ich Barmherzigkeit bei Gott erhoffe!" entgegnete der Fischveit aufrichtig und kurz und bekräftigte die Wahrheit seiner Rede mit einem feierlichen Blick zum Himmel. "Nun denn," sagte das Mädchen entschlossen, "so übergeb ich mich dir und meinem heiligen Schutzengel, zu dem Mütterlein mich beten gelehrt. Nimm das arme Waislein, lieber Mann, und führ es zu guten Leuten."

"Komm nur! Komm!" flüsterte Veit Knall und ging voran. Ihm folgte das Kind, eine kleine Laute unter dem Arme. Forschend steckte der Führer den Kopf ins Freie. Und da er den Vorplatz unter den Tannen leer sah von Verdacht, trat er aus der Scheune, bog sich, indem er die Kleine nachzog, pfeilschnell um das Gebäude und mit hundert Schritten hatte er den gefährlichen Ort hinter sich und stand in der Nacht des Urwaldes, dessen Schluchten und Nebenwege er zur günstigen Fortsetzung der Flucht genau kannte. Das Mägdlein betete halblaut hinten drein: "Schutzengel, den mir Gott gegeben, zu leiten meinen Erdenlauf, Verlaß mich nie in diesem Leben, und führe mich zu Gott hinauf!"

Nach ein paar Wochen, während deren der Fischveit, um jede Spur seiner und des Mägdleins Flucht unkenntlich zu machen, da und dort an den Ufern des Lechstromes sich verborgen - stand er frühmorgens vor dem Frauenkloster Diessen im Bayernlande und zog die große Portalglocke. Die Schwester Pförtnerin erschien verschleiert am Eisengitter vor der Tür und fragte den Wanderer:

"Was begehrt Ihr?" - "Ich bitte nur, Ehrwürdige!" war die Antwort. Da lächelte die Nonne freundlich unter ihrem Schleier und nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß sie der Bitte gewärtig sei. Veit Knall aber fuhr zu reden fort: "Man sagt, dies Kloster sei der Zufluchtsort der Leidenden und Bedrängten! Manch sturmbewegtes Gemüt habe hier schon seine Ruhe gefunden und die zerknirschte Seele ihren Frieden! - Auch seien die Frauen dieser Einsamkeit gar mildtätig und barmherzig mit armen Witwen und Waisen. Wenn dem so ist, oh dann stoßt mich nicht unerhört von dieser Pforte. Seht her, ehrwürdige Schwester, hier steht ein armes Rittertöchterlein, eine verlassene Waise. Das Mägdlein ist unschuldig wie ein Täubchen und rein wie eine Lilie. - Aber wie leicht könnte es vom Strudel der bösen Welt gepackt und hinabgerissen werden in den Abgrund des Verderbens. Darum möcht ich es anvertrauen der sorgsamen, heiligen Obhut dieses Klosters. Nehmt es auf in eure stillen Zellen und erziehet es Gott wohlgefällig, bis ich in der Zeit des Glückes und süßer Hoffnungen wiederkommen und Gott lobend und euch dankend es heimholen werde zum langersehnten Mutterherde."

Nach einigem Bedenken entgegnete die Nonne Pförtnerin: "Tröstet Euch kurze Zeit - ich will Eure Bitte zu den Ohren der Äbtissin bringen." - Und alsobald eilte sie durch den langen Klostergang, die Treppe hinan, zu der hochwürdigen, milden Frau. Diese betete die Matutin, da sich die Schwester an der verschlossenen Tür meldete. Und als sie nun öffnete, und den Bericht der Pförtnerin vernahm, lächelte sie hold und freundlich und entgegnete: "Es ist immerhin billig, Schwester Agatha, daß wir dem Wunsche des Mannes willfahren! Das Mägdlein sei aufgenommen in unserem Kloster! - Mein Gelübde soll pünktlich und genau vollzogen werden. Du erinnerst dich ja, was ich schon einmal unter Dank gegen Gott, den Allbarmherzigen, dir erzählt! - Damals, als die Heimatburg lichterloh brannte, als ich jammernd und um Hilfe rufend die weiten, schaurigen Schloßhallen durchlief, und über mir die brennenden Balken prasselten - damals hab ich gelobt in meinem Innern, so ich noch einmal das Leben freundlich grüßen dürfte, mich zu weihen dem Dienste des Herrn in einem Frauenkloster, und alle weiblichen Waisen, jede bedrängte Witwe, die sich melden würde, mütterlich aufzunehmen. Der Gott der Güte hat mich gnädig erhört und ließ mich ein Pförtlein offen finden, durch das ich in die Schloßkapelle und von da mit einem leichten Sprunge durch ein kleines Fensterlein ins Freie mich flüchtete, ehe das gleich darauf niederstürzende Gewölbe mich begraben konnte. Aber, ach Gott, wie es meinen Lieben auf Schwabeck ergangen, ich wußt es nicht - und hab es auch bis auf diese Stunde nicht erfahren. Mein Leid und meine Sehnsucht trieb mich von der Stätte des Unglücks hinweg und hinan nach dem Ziele geistlicher Seelenruhe. Als Pilgerin verkleidet, erreichte ist dies Kloster, gab mich zu erkennnen und wurde mit Freuden aufgenommen. Ich hatte das Glück, von den ehrwürdigen Frauen geachtet, geliebt zu sein - und mußte nach Jahren wohl wider meinen Willen, die Würde, aber auch die Pflichtenlast und einstige Rechenschaft der Äbtissin auf mich nehmen. So ists ergangen, liebe Schwester Agatha! - Nun spute dich, das Töchterlein in das Kloster aufzunehmen. Was Fräulein Gisela von Schwabeck in jenem Augenblicke der schrecklichsten Gefahr versprochen - das hält auch genau und gewissenhaft die Äbtissin vom Nonnenkloster am Ammersee."

Die Schwester verneigte sich und eilte hinab zur großen Pforte. "Der Herr segne deinen Eintritt, liebes Töchterlein!" sagte sie, als sie draußen stand über der steinernen Treppe und dem Mädchen freundlich winkte, heranzukommen. Die ehrwürdige Frau Äbtissin hat es gern erlaubt, um was ich in deinem und deines alten Begleiters Namen sie gebeten. Darfst nicht weinen, lieb Kind! Es soll dir gewiß nicht schlimm ergehen; wirst an der liebenswürdigen, edlen Frau eine Mutter finden." Bei diesen Worten küßte Schwester Agatha das Mädchen schmeichelnd auf die Stirn, und nahm es treuherzig in den Arm. Nun war es Zeit, daß der Fischveit Abschied nahm von der kleinen Wiedergefundenen, die er denn doch, obwohl er sich freute, sie so sicher bewahrt zu wissen, mit gerührtem Herzen und weinenden Augen verließ.

"So lebe denn wohl, liebe Schwinhilde," sagte er zum letztenmal. "Bilde dich zur liebenswürdigen Jungfrau in den heiligen Klostermauern und lebe der süßen Hoffnung, daß ich nach Jahren, wenn ich Mutter oder Vater oder sonst einen Freund gefunden, wieder vor dieser Pforte erscheinen werde, um dich abzuholen."

"Dominus tecum! Der Herr sei mit dir!" gab Schwester Agatha dem Costnitzer den Scheidegruß und schloß die große Klosterpforte. Nonne und Mädchen standen innerhalb der heiligen Mauern.

"Dominus tecum! Der Herr sei mit dir!" wiederholte Veit Knall langsam, gegen die verschlossene Pforte gewendet, und ging endlich wehmütig gestimmt seiner Wege.