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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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16 Die Beduinen

Sechzehntes Kapitel

Die Beduinen

Fünf Stunden von Jerusalem und drei von dem Toten Meere entfernt, in der grausenhaften und doch majestätischen Wüste Mar-Saba, wo in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt die frommen Einsiedler von Palästina sich die Felsenzellen heiliger Andacht ausgehöhlt - lagen ringsumher zerstreut und in den nächtlichen Schluchten lauernd, die Vorposten des abendländischen Heeres.

Ritter Siegmund Gäßler, der Anführer einer Kreuzfahrerrotte, hatte sich an dem Felsenbette des Kidron, der nur zur Zeit der Winterregen durch die Tiefe des engen Schauertales strömt, sonst aber vertrocknet liegt, mit seinen Leuten gelagert. Er sollte von hier aus die Saracenen zurücktreiben, wenn sie vom Salztale und den Ufern des Toten Meeres kämen, einen Einfall auf das von den Christen wiedereroberte Heilige Grab zu wagen. Der Ritter hatte, seitdem er das Morgenland betreten, manches gefahrvolle Abenteuer bestanden und um die Schandflecken der Vergangenheit abzutilgen, keinen einzigen Laut eines Mißmutes vernehmen lassen bei all den Mühseligkeiten, denen er unter Hunger und -Durst, unter fast täglicher Lebensgefahr sich preisgegeben fühlte. Sein edler Sinn strebte nach immer neuen Taten; und wo er das Unglück mildern, den Leidenden trösten, den Gefangenen befreien, den Unschuldigen schützen konnte, da tat ers mit wahrhaftig ritterlicher Kraft und herzlicher Christenfreude.

Er saß gedankenvoll unter einer alten Pinie und schien mit einer schmerzlichen Erinnerung aus den Tagen seiner Jugend beschäftigt zu sein. Tränen fielen aus den braunen Wimpern auf sein Panzerherz. Und endlich löste sich sein Gram in folgendem Selbstgespräch: "Wenn dir, oh Gott, auf dessen Barmherzigkeit und Gnade ich hoffe, wenn dir angenehm und wohlgefällig ist, was ich in deinem Heiligen Lande Ritterliches getan, oh, so gib mir ein sicheres Zeichen deiner Huld! Laß mich endlich zurückkehren in die Heimat, und meine Gattin, die ich so schändlich und ungerecht verstoßen zum stillen Leben meiner alten Tage wiederfinden! Segne die Schritte des Costnitzer Fischers, meines Sündengenossen, und sein Gelübde, das er beim Abschiede von mir feierlich abgelegt, führe zum freudenvollen Ziele. Schwindhilde, mein Töchterlein, möchte ich dereinst unschuldig und sittsam, eine stillgedeihende Klosterblume, an meinem väterlichen Herzen sehen, möchte der klagenden Mutter sie vorführen in entzückender Umarmung. Allbarmherziger, ich wollte dir kindlich dafür danken durch all die Tage meines Lebens, die deine Huld mir noch bescheren mag auf dieser Erde!"

Er schwieg mit einem Blick zum Himmel und trocknete sich die Perlen innigen Gebetes vom feuchten Auge. Nach einer Weile fuhr er fort: "Was mag wohl aus dem Knaben von Schwabeck geworden sein, den die Hexe vom Karrenberge mir einst aus den Armen gerissen? Oh schreckliches Ungeheuer, das ich war! Ich hab ihm seinen Vater, seine Mutter, seine Base geraubt! - Und wenn er nun als wilder Zauberer, als gottloser Zigeuner die Welt durchschwärmt, wenn seine Seele verloren geht, bin ich der Schuldige. Dieser Schreckensgedanke zermalmt mich noch mehr, als mein eigenes Unglück. - Seliger Geist der unschuldigen Ludmilla, die ich so schwer beleidigt, wo du herniedersiehst aus den ewig gesegneten Fluren des Himmels, oh, so umschwebe deinen Sohn, wo er auch wandeln mag; beschütze du, von dem Heiland zu seinem Engel erwählt, den verwaisten Jüngling vor jeder Gefahr des Leibes und der Seele; und im Falle sein Vater noch verschont geblieben von den Mühseligkeiten der Kreuzfahrt, wenn ihn das Schwert der Saracenen noch nicht getötet, so führe beide zusammen und laß sie die traurige Vergangenheit in seeliger Umarmung vergessen! Ich aber, wenn es mir als Strafe bestimmt ist, mein Weib, mein Kind nicht mehr zu sehen auf dieser Erde, will in der Einsamkeit einer heiligen Klosterzelle unter Gebet und Bußtränen das Grab erwarten, das Ziel meiner selbstverschuldeten Leiden!"

Nach diesem Gespräch erhob er den Blick, um in der fernen Bläue des Himmels Trost und Erquickung zu suchen. Da sah er von der Spitze eines nachbarlichen Felsens einen geharnischten Ritter herniederklettern, der seinen ermüdeten, furchtsamen Schimmel vorsichtig nach sich zog, und bald stillstehend das Falkenauge durch die schaurigen Klüfte warf, bald langsam vorschreitend mit Absicht vom Wege abschweifte, um, wie es schien, einer nahedrohenden Gefahr zu entgehen. - Siegmund Gäßler konnte sich die Bewegungen des Ritters, auf dessen Brust ganz deutlich das rote Kreuz glänzte, lang nicht erklären. Endlich entdeckte er in einem Hinterhalte jenseits des Kidronbettes einen Schwarm lauernder Beduinen, die aus dem steinigen Arabien sich herausgestohlen hatten, den Engpaß des Tales von Mar-Saba zu besetzen, Pilger und Kreuzfahrer räuberisch anzufallen und mit Beute beladen in ihre Felsen zurückzueilen. "Auf," flüsterte Gäßler seinen Leuten zu. "Dem Kreuzritter dort auf der Spitze des Gebirges drohet Gefahr! Greift zu den Waffen und laßt uns ihm flugs zu Hilfe eilen!"

Jeder hatte im Augenblick Schwert und Lanze zu Hand. Und vorsichtig jedes Geräusch vermeidend, kletterten sie seitwärts hinan, die Spitze zu erreichen, ehe der Hagel der räuberischen Pfeile den Ritter treffen könnte. Allein die Beduinen, der Felsenwege und Krümmungen des engen Tales kundig, hatten sich bald hinangekauert in die Nähe des unbekannten Ritters, der mutig und entschlossen zur Verteidigung seines Lebens bereit stand. Dutzende der feindlichen Pfeile prallten an seinem stählernen Panzer erfolglos ab und konnten nicht verhindern, daß der auf meuchlerische Art Angefallene mit vorgelegter Lanze zum Hinterhalte der Beduinen vordrang, um mit Riesenkraft einen nach dem ändern in den Abgrund zu stoßen. Da hatte unglücklicherweise ein scharfer Pfeil sich Bahn gemacht durch das Panzergelenk zwischen Brust und Oberarm. Und der Ritter schwankte ermattet, fast am Ziele eines herrlichen Sieges. Seine Faust hatte die Kraft verloren; es sank die Lanze zu Boden. Ein Blick christlicher Fassung flimmerte durch das Visier. Und ruhig sah der Überwundene dem Tode entgegen.

Mit dumpfem Freudengeheule stürzten die Beduinen hervor aus dem Hinterhalte, und der Scheik dieser Rotte war der erste, der dem Ritter das Schwert entwand und ihm mit demselben das Herz durchbohren wollte. Im Augenblick aber fühlte sich der Räuber von starken Fäusten gepackt und ward unter einem deutschen Fluch hinabgeschleudert in den Abgrund.

Siegmund Gäßler hatte sich mit seinen Leuten noch früh genug der Felsenspitze genähert und mit dem Sturze des Häuptlings die Pfeilwunde in den Brustmuskeln des unbekannten Ritters vergolten. Winselnd bei dem Verlust ihres Scheiks entflohen die Beduinen durch die schwarze Gebirgsschlucht. Gäßler aber, der keine Gefahr für das Leben des Geretteten befürchtete, gab seinen Leuten Befehl, den von der Anstrengung und Hoffnungslosigkeit ohnmächtig gewordenen Landsmann in das Zelt am Kidronbette hinabzutragen. Er selbst nahm dessen Lanze, Helm, Schwert und Schild, und folgte, den trauernden Schimmel hinter sich führend, dem Zuge.

Wunderbar bewegt betrachtete er das Zeichen auf dem Schilde des Ritters und las drei- und viermal die rätselhafte Inschrift. Er ward unwillkürlich an den Brand auf Schwabeck und die grausigen Ereignisse erinnert, die sich dortselbst zugetragen. Da die Kreuzfahrer im tiefen Tale angekommen, verband Gäßler die Wunde des Ritters, die nicht ganz bis an die Brustrippen vorgedrungen war und die Hoffnung einer baldigen Heilung gewährte. Ein dreistündiger sanfter Schlaf hatte den Körper des Unbekannten erquickt und seinen Geist gestärkt, als ob der Kampf mit den Beduinen gar nicht vorgefallen wäre. Sein erster Blick suchte den Kreuzherrn Siegmund Gäßler, den Tapfern, edlen Retter seines Lebens. Ein fester deutscher Händedruck zeigte den herzlichen Dank für die köstliche Hilfe in der höchsten Not. Gäßler verbat sich jedes weitere Lob, indem er die eiserne Hand gen Himmel erhob, von wo herab die menschliche Kraft und der schleunige Rettungsversuch so glucklich gesegnet worden.

Dann aber, um auf ein anderes Gespräch zu kommen und zum Teil seine Neugierde zu befriedigen, fragte er den fremden Ritter, was es für eine Bewandtnis mit dem Zeichen auf seinem Schilde habe. Lächelnd erwiderte der Unbekannte: "Weiß ich es ja selbst nicht recht, und nur wie eine düstere Dämmerung erscheint mir aus frühester Kindheit ein Ereignis, auf dessen traurigen Ausgang das Zeichen anspielen soll. Man hat mir gesagt, ich habe die Welt erblickt in einer schönen Burg; mein Vater aber sei fortgezogen ins Gelobte Land; inzwischen sei die Burg ein Raub der Flammen geworden; und lieb Mutter samt einer herzig guten Base sollen bei diesem Brande verschwunden sein. Den Vater aufzusuchen, nahm ich das rote Kreuz. Am ungarischen Wappenschild und am weißen polnischen Adler sollt ich ihn erkennen. Ganz Palästina durchzog ich, keine Gefahr scheuend und keine Mühe. Allein ich entdeckte kein solches Zeichen - und der Vater blieb mir fremd!"

Der Unbekannte wischte eine Träne aus dem Auge. Aber Siegmund Gäßler zitterte in sonderbarer Gemütsbewegung, sah den jungen Ritter vor sich mit wehmütigem und doch freundlichen Blicke an, und fragte wieder: "Wer hat Euch all dies gesagt? Wer hat Euch herangebildet zum schönen, stattlichen Kreuzfahrer? Oh redet und verschweigt mir nichts!" "Warum verschweigen?" war des Ritters Antwort. "Wollt ichs ja doch lieber der ganzen Welt erzählen, was meine treue Pflegemutter an mir getan! Sie ist gar ein gutes, frommes Weib! Ärgert Euch an dem Namen nicht, den sie wahrlich nimmer verdient. Sie heißt gemeinhin - die Hexe vom Karrenberge!"

"Und Ihr!" rief Gäßler und hing am Halse des hocherstaunten Jünglings. "Heißt Ihr nicht Ulrich von Schwabeck?" "Ulrich - das ist wahr. Ob von Schwabeck - das weiß ich nicht!" entgegnete der Ritter von der brennenden Burg. Aber Siegmund Gäßler fiel auf seine Knie und dankte Gott mit lauter Stimme: "Herr des Himmels, du hast mein Gebet erhört! Was ich einst Übles angerichtet, ließest du mich zum Teil dadurch gutmachen, daß ich das Leben des Jünglings retten konnte, dessen Geschlecht ich in den Tagen bösartiger Leidenschaft verderben wollte. Um wie viel leichter ists mir nun im Herzen, aus dem die Hoffnung freundlicher Zukunft fast verschwand! Neu belebt erheb ich mich zu dir, mein Gott! Du, der mir diese Freude geschickt, hast vielleicht noch manche wunderbare Bescherung bereit, deinem reuevollen Kinde zu zeigen, wie groß deine Allmacht und Vaterliebe ist!"

Nachdem er durch diesen Aufruf zum Himmel die Empfindung seines gerührten und freudetrunkenen Herzens zu erkennen gegeben, wandte er sich an Ritter Ulrich, dem man in seiner Überraschung ansehen konnte, daß er von allem nichts verstand. "Ich fühle wohl," sagte er, "daß dich junger Kreuzfahrer, dies mein Betragen befremden muß. Jetzt aber will ich schweigen und das Geheimnis, in Ehren halten, das Gertrud vom Karrenberge in ihrem Herzen verschlossen hält. Doch, so wahr ich ein deutscher Ritter bin vom roten Kreuze, ich werde keinen Schritt von dir weichen in diesem Lande der Abenteuer und Gefahren! Als ein treuer Schutzgeist will ich dich beschirmen auf allen deinen Wegen, bis wir erreicht das heimatliche Schwabenland. Ich will noch einmal mit dir ganz Palästina durchziehen und vielleicht, oh Hoffnung, du süße Trösterin der Menschen, lächle uns freundlich zu! Vielleicht begegnen wir dem ungarischen Wappenschild, dem polnischen Adler!"

Siegmund Gäßler hielt Wort. Er war der treue Gefährte des Jünglings. Beide gewannen sich in kurzer Zeit ungemein lieb. Und der jüngere ehrte die weisen Klugheitslehren des älteren, die während der Kreuzfahrt oft von großem Nutzen waren, mit wahrhaft kindlichem Gehorsam. Die Mühe und Sorgfalt aber, mit der sie das Land durchstrichen, um den Aufenthalt des Grafen von Schwabeck zu entdecken, die genauen Erkundigungen, die sie an jeder heiligen Stelle, wohin ihn die Andacht hätte treiben können, eingezogen, - alle blieben fruchtlos und ohne gesegneten Erfolg. Traurig und mit einer Träne im Auge sagte eines Tages der Jüngling zum älteren Gefährten: "Wir haben getan, was wir konnten, aber ich fürchte, der Sturm der Zeit und die Gefahren des Landes haben den ritterlichen Vater hinabgerissen in ein unvermeidliches Grab. Seine Gebeine liegen wohl schon verschüttet vom Sande der Wüste oder in irgend einer Schlucht der grauen Felsen am Toten Meere. Laßt uns, edler Ritter, zum Heiligen Grabe wallfahren, um für die ewige Ruhe seiner Seele zu beten."

Schweigend zogen sie hinan zum Ziele christlicher Feierandacht. Und kindlich flössen die Tränen des guten Sohnes in der Ehrfurcht gebietenden Kapelle des Heiligen Grabes, die Tränen der Sehnsucht nach dem Vater, den er von den frühesten Tagen der Kindheit an, wo er von ihm auf dem Schöße geschaukelt worden, aus der Erinnerung verloren; kindlich flössen die Tränen der Trauer über den Verlust einer zärtlichen Mutter, einer lieben Base, in deren Arme die alte Trude vom Karrenberge ihn zu führen oft versprochen, aber nie gehalten hatte. Er empfahl endlich getröstet und gefaßt die Seinen samt allen Menschen in den Schutz des Herrn, bat für sich und seinen Reisegefährten um eine glückliche Heimkehr und verließ, nachdem er eine Reliquie zum Zeichen, daß er dort gewesen, zu sich gesteckt, die ehrwürdige Kapelle des Heiligen Grabes.