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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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14 Der deutsche Arzt

Vierzehntes Kapitel

Der deutsche Arzt

Da noch erst in den Tälern der Wertach, Schmutter und Mindel die Tage des Vorfrühlings sich angemeldet, brannte die Sonne des höchsten Sommers hernieder auf die sandigen Steppen der großen syrischen Wüste. Sie begrüßte aber auch die paradiesischen Hochebenen von Damaskus, der schon durch die wunderbare Bekehrung des großen Apostels berühmten, in der Folge aber von Mohammeds Nachkömmlingen, den Kalifen, beherrschten Stadt. Diese Gegend bildete mit der nahe grenzenden Wüste einen auffallenden Gegensatz. Denn da grünten die schattigen Palmen in den großen Gärten, die die große Stadt umgaben; es blühte der Ölbaum und reifte die Dattel. - Bis auf diese Stunde lobt der Muselmann vor allen Früchten die Traube von Damaskus; und das liebste Getränk ist ihm der Sorbet aus Damaszener Rosinen.

An einer sprudelnden Quelle, die die Gärten und Wiesen der Stadt bewässert, saß in dar frühesten Morgenstunde der Ritter von der brennenden Burg und betrachtete, von sonderbaren Gefühlen durchdrungen, mit herumschweifendem Blicke die ruhig liegende, orientalische Häusermasse mit den unzähligen Minarets, die in der goldenen, reinen Morgenbeleuchtung schimmerten wie festlich geputzte Herolde mächtiger Fürsten.

Und endlich nach einer langen Weile tiefen Nachdenkens und unschlüssiger Betrachtung löste er die Schleifen des Panzers und entkleidete sich bis auf das enganliegende Beinkleid. Dann öffnete er den Mantelsack auf dem Rücken des Schimmels, der unweit der Quelle das fette Gras der blumigen Wiesen sich schmecken ließ, und langte nach dem schwarzen Rocke, den die sorgsame Pflegemutter vom Karrenberge samt dem Arzneikästchen ihm auf die Wanderung mitgegeben. "Ich will den guten Rat der alten Gertrude befolgen," sagte er zu sich, "und die große Kalifenstadt, die den bewaffneten Ritter feindselig empfangen würde, als fränkischer Arzt betreten. Helm, Panzer, Schwert und Lanze sind mir liebe und treue Gefährten in der offenen Schlacht, oder wenn ich dem einzelnen Muselmann begegne in der öden Wüste. Hier aber würden sie mir nur Verdacht oder gar Sklavenketten und Verderben bringen. Der einzelne Starke unterliegt dem Angriff der Menge. Aber der deutsche Arzt ist, wie ich gehört, willkommen und geachtet unter Mohammeds Volk. So wird die Kunst selbst vom Feinde in Ehren gehalten. Lieb Pflegemütterlein, wie herzlich dank ich dir aufs neue für den geheimnisvollen Unterricht, dessen Frucht zu schmecken mir nun trefflich zu statten kommt im fremden Lande. Durch diese List begünstigt, hoff ich das christliche Heer bei Hebron glücklich erreichen und vor dem heiligen Grabe bald in Andacht knien zu können." Er hatte währenddem das stählerne Ritterzeug zusammengepackt unter dem Mantelsack und dem Rücken des Pferdes aufgeladen. Nur das Schwert hing unter dem langen Rocke verborgen an seiner Seite. Das Kistchen mit den Arzneien aber trug er unter dem Arme. Und an der Hand den Zügel, an dem er den treuen Schimmel hinter sich herführte, näherte er sich der Stadt Damaskus. In einer abgelegenen, menschenleeren Straße suchte er sich eine Herberge. Und bald ging die Nachricht von Mund zu Mund: "Ein reisender Frankenarzt bietet den Kranken in Damaskus seine Hilfe an."

Kaum waren einige Wochen vorüber, so hatte das Glück, mit dem er die geheime Wissenschaft trieb, ihn zum Wundermann erhoben. Ehrerbietig ward er gegrüßt von jung und alt und von Hunderten besucht, sie seines weisen Rates und seiner Hilfe bedurften. Da trat eines Abends ein Mann zu ihm, groß und schlank und begabt mit einem langen schwarzen Barte. Die Kleidung verriet den Türken. Aber wie staunte der Deutsche, da der Muselmann seinen Mund öffnete. Dieser nämlich redete ihn in seiner Muttersprache an: "Der Emir Abdel Meiek sendet mich zu dir und läßt dich bitten, mir zu folgen. Er ist vom Pferde gestürzt und eine schmerzhafte Wunde fesselt ihn ans Krankenlager. Die Ärzte von Damaskus schütteln bedenklich die Köpfe und wollen fast zweifeln an einem glücklichen Ausgang der Krankheit. Da hat man dem Emir deine Kunst angepriesen - und ein glänzender Lohn soll dein werden, wenn du ihm helfen kannst."

Der verkappte Ritter von der brennenden Burg besann sich nicht lang, der Einladung Folge zu leisten. Er nahm geschwind Heilkräuter und Wundbalsam und ging dem Muselmann willig und schweigend nach durch die dunklen Straßen. Nach Verlauf einer halben Stunde standen sie vor einer hohen Gartenmauer, über die die Zweige der Palmen und Äste der Robinien, wie Gespenster mit langen Armen, herab sich neigten. Der Führer des Arztes hatte den Schlüssel zum Tor und öffnete. Sie traten in den Garten und wandten sich bald rechts, bald links durch die von duftenden Gesträuchen umdüsterten Gänge. Auf einmal hielt der Deutsche vor einem alten, aus grauen Quadern erbauten Turme. Es war ihm, als sei ein Menschengeseufze aus dem Eisengitter an sein Ohr gelangt. Er horchte still auf und hatte sich nicht getäuscht. Von tiefen Männerstimmen tönte der deutsche Schmerzensruf in.die Nacht hinaus: "Oh Herr und Heiland, erbarme dich unser und rette uns!"

Der Arzt, von Mitleid ergriffen, sah seinen Führer fragend an. Und dieser erzählte: "Das Angstgebet, das Ihr soeben vernommen, tönt nun schon eine lange Reihe von Jahren aus diesem Kerkerloch. Ach, es zermalmt mir das Herz und doch kann ich nicht helfen. Ein deutscher Graf mit seinem Knappen liegt hier innen gefesselt. Er wurde gefangen während eines Kampfes mit den Saracenen in der syrischen Wüste. Ich, Peter von Jenkendorf, war sein Streitgenosse und teilte ein gleiches Schicksal mit ihm. Der Emir, dem wir als Sklaven ausgeliefert wurden, der nämliche, der nun deiner Hilfe bedarf, forderte von uns die Entsagung vom christlichen Glauben und die Annahme des Islams. Der Graf und sein Knappe widerstanden hartnäckig dieser Forderung und zogen einem mußevollen Leben den jahrelangen schrecklichen Aufenthalt in diesem Turm vor. Allein ich hielt die Drangsal nicht aus. Und dacht ich, was ist denn auch Schlimmes daran, wenn ich den Turban trage und mich Muselmann schelten lasse; im Herzen kann ich ja doch dem christlichen Glauben treu ergeben sein. Manchmal schauerts mir freilich sonderbar durchs Gewissen und eine peinliche Angst, als hätt ich unrecht getan, jagt den Schlaf der Mitternacht von meinen weichen Polstern. In solchen Augenblicken lag ich fast lieber neben dem Grafen im Turme. Jedoch die Hoffnung, es werde einmal ein Retter kommen, der die Gefangenen aus dem Kerker und mich vom Turban befreit, erwacht mit jedem Morgen in meiner Seele. Nun wißt Ihr, was es mit den Klagestimmen im Turme für eine Bewandtnis habe. Und daß ich noch ein echter Christ bin, mögt Ihr aus meiner Aufrichtigkeit gegen den Landsmann erkennen. Ich hoffe aber auch, daß Ihr die Mitteilung dieser traurigen Geschichte nicht zu meinem Schaden mißbrauchen werdet." "Habt keine Sorge," entgegnete der Arzt, als sie ihre Fußtritte auf einen breiten Pfad hinlenkten, der schnurgerade zum Palaste des Emirs führt. "Im Gegenteil werde ich alles aufbieten, das, was ich gehört, zu Eurem und der Gefangenen Vorteil zu benützen. Allein ich kann Euch nicht verhehlen, Peter von Jenkendorf, Ihr habt schlecht gehandelt, mit Eurem Glauben zu spielen, wie mit einem Kinderballe. Und ich sag es Euch derb heraus, Ihr seid nie ein guter Christ gewesen. Denn wer so mir nichts dir nichts das äußere Zeichen vertauscht bloß einer gelinderen Behandlung wegen, der ist auch bald daran, für einige Silberlinge den Heiland zu verleugnen. Pfui, das war von Euch böse getan, Peter von Jenkendorf! Und das deutsche Vaterland muß Euch verachten, wenn Ihr je dahin zurückkehren solltet."

Der große Mann im Turban sah den Franken verblüfft und fast vernichtet an. So hatte er die Wahrheit nicht gehört seit Lebenszeiten. Es war auch so gräßlich und wild die Sünde, die er leichtsinnig begangen, nie vor ihm gestanden, wie in diesem Augenblick. Zähneknirschend vor Unmut über sich selbst kauerte er sich näher an den Arzt und fragte mit bewegter Stimme: "Was ist zu machen, daß meine Seele dereinst nicht verloren gehe?" Und der verkappte Ritter von der brennenden Burg erwiderte, da er seinen Führer also weich gestimmt sah, vorsichtig um sich blickend, ob kein ungeladenes Ohr sie belausche: "Aus Eurer Rede am Turm glaub ich schließen zu dürfen, daß Ihr nicht ungeneigt wäret, Euch zu freuen, wenn der Graf mit seinem Knappen von den Ketten, Ihr aber vom Turban errettet würdet. Ich habe nun in meiner Seele den Entschluß gefaßt, dieses Wagstück zu unternehmen. Euren groben Fehler könnt Ihr aber dadurch gutmachen und Verzeihung erlangen vom lieben Herrgott, wenn Ihr mir beisteht im großen Werke, soviel es in Euren Kräften liegt. Doch weh Euch, wenn Ihr einen Verräter spielen und mich verraten wollt. Ich führe ein gutes, kräftiges Schwert unter diesem Rock. Und der erste der Muselmannen, die daran zappeln sollen, müßt Ihr sein, Jenkendorf."

Bei diesen Worten standen sie an der großen Pforte des Palastes. Die Angeln knarrten und die eine Seite der Doppeltür öffnete sich. Ein Sklave erschien stumm und ehrerbietig, den Arzt in das Innere der Gemächer einzuführen. Peter von Jenkendorf flüsterte diesem zu:

"Ich habe hier zu warten, bis Ihr das Geschäft bei Abdel Meiek abgetan, um Euch wieder durch den Garten zurückzugeleiten. Dann wollen wir uns genau darüber besprechen. Einstweilen habt Euch wohl und nehmt den Segen Gottes mit ans Krankenbett des Emirs."

Der Sklave führte den Arzt durch eine Reihe von prachtvoll geschmückten Gemächern, in denen da und dort wachhabende Eunuchen standen oder lautlos vorüberschritten, die Nachricht von dem Übelbefinden des vornehmen Türken in den Harem zu bringen. Endlich vor einem purpurroten, von dem bemalten Plafond bis auf den glänzenden Boden herabfließenden, goldbestickten Vorhange, mußte der deutsche Arzt sich bescheiden, bis der Kranke den Einlaß gestattete. Nach einer Weile wurde von innen mit einer goldenen Schnur die kostbare Hülle zu beiden Seiten zurückgezogen und der Unbekannte stand vor einem reichgewirkten Diwan, auf dem der kranke Emir, blaß und hager, mit düsterem Unmute, daniederlag. Es herrschte eine unheimliche Stille im dunkeln Gemache. Der Blick des Emirs ruhte in der Gegend von Mekka. Da aber der Leidende den hilfebringenden Deutschen vor sich sah, legte er die Hand auf das mit Diamanten besetzte Schwert, das vor ihm lag und sprach mit zitternder Stimme: "Christ, ich habe gehört, daß du die Kunst verstehst, arge Wunden zu heilen. Beim Grabe des erhabenen Propheten, ich werde dich belohnen mit der Großzügigkeit eines Emirs, wenn du mir helfen willst. Hast du aber Arges im Sinne, so soll dies Schwert sich baden im Blutstrome deines Herzens."

Der Deutsche verneigte sich kaum bemerkbar. Und dieser stolze Ernst gab seinem geheimnisvollen Anstande eine seltene Würde. Dann entgegnete er: "Fürst von Damaskus, die edle Arzneikunde fragt weder nach der Religion des Hilfebedürftigen, noch nach dem unterschied des Standes. Zeige mir deine Wunde."

Und die Sklaven, die ehrerbietig in der Ferne standen, eilten auf einen Wink des Emirs herbei, den Verband vom beschädigten Fuß hinwegzunehmen. Schweigend untersuchte der Arzt die Wunde, schweigend langte er aus dem schwarzen Talare ein silbernes Büchslein, goß Balsam auf ein kühlendes Heilkraut, legte es über den Fuß und wickelte diesen in ein seidenes Tuch. Dann träufelte er zwölf Tropfen einer stärkenden Tinktur in das Glas mit Sorbet, das in einer vom schwachen Lampenlicht durchdämmerten Nische vor dem Kranken stand. "Hier," sprach er, "trinke in der Stunde zweimal, und ehe die Morgensonne sich spiegelt in den metallenen Ziegeln der Minarets von Damaskus, wird, so der Allmächtige dich segnet, die Krankheit zum Besseren sich gewendet haben."

Er verneigte sich wieder. Und weil der Emir nichts mehr zu gebieten hatte, trat er den Rückzug an durch die fürstlichen Gemächer. Vor der großen Pforte stand Peter von Jenkendorf des Landsmannes gewärtig, ihn zurückzugeleiten durch den langen Garten, zwischen dessen Palmen und Ölbäumen die früheste Morgenstunde zu dämmern begann. Sie besprachen noch vieles miteinander und da sie schon durch die Gesträuche hindurch der grauen Mauer sich näherten, sagte der Muselmann:

"Eure Worte, ehe Ihr in den Palast einginget, und das Mißtrauen auf meine Redlichkeit hätten mich fast verdrießen können! Allein ich will Euch zeigen, das unter diesem Kaftan des Türken noch ein deutsches Herz schlägt! Verlaßt Euch auf mein Wort. Der Graf samt dem Knappen soll gerettet werden." Hierbei reichte er dem Arzte die Hand, schob ihn sanft hinaus zur geöffneten Gartenpforte und eilte fürbaß in den Palast zurück, um keinen Verdacht zu erregen.