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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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2 Die Kreuzfahrer

Zweites Kapitel

Die Kreuzfahrer

Da gellte der Ton eines Hifthornes von der Landstraße herüber, die von Augsburg nach Ulm führte. Und nach einigen Minuten war an dem näherschallenden Geschmetter deutlich zu erkennen, daß der Verursacher dieser Töne nicht mehr auf der Straße sich befinde, sondern den Flurweg zwischen den Ufererlen flußaufwärts betreten habe, auf welchem buschigen Pfade man schnurgerade zum Hammer des Meisters Netter gelangte. Der ehrliche Hans erschrak sehr heftig, weil er aufs neue eine Ankunft ungebetener Gäste befürchtete und tat der Hausfrau seinen Unmut in den heimlichen Worten kund: "Du hättest heute morgen den armen Ziegenhirten von Bärenbach, der dir dein verirrtes Lämmlein zurückstellte, nicht unbeschenkt von dir weisen sollen, Nun haben wir Unglück bis in die späte Mitternacht. Heilige Maria von Einsiedeln, was soll das für ein neuer Lärm sein in Netters Hause!"

Nun eilte er auf die Hausflur, um durch die halbgeöffnete Tür behutsam zu lauschen, was da kommen werde. Aber bald ward es ihm klar, da er von verschiedenartigen Stimmen das damals beliebte Liedlein hörte:

"Wir wandern nach Palästina fein;
der Türke muß getötet sein.
Und ziehen wir in Jerusalem ein,
da schlagen wir recht tapfer drein.
Und ist erobert das Heilige Grab,
dann nehmen wir den Pilgerstab
und reisen wieder zur Heimat ab -
da finden wir glücklich lieb Weib und Hab."

Unterdessen hatte sich Fußvolk und Reiterei in dem Hofraume von Hans Netters Hause eingestellt, ein ungeordneter Zug von besoldeten Schwärmern, die das Land auf und nieder streiften, um die Mißmutigen oder Begeisterten im Schwabengebiete zu einem Kreuzzuge aufzufordern. Pechstangen loderten da und dort in die Höhe, enthüllten die sonderbar gestalteten Gruppen der Ankömmlinge und eröffneten die schaurige Aussicht auf die schwarzen Tannen des Karrenberges. Bald brannte lichterloh ein Feuer unter der großen Linde vor dem Hammer. Und Meister Hans samt seinen Gesellen, sowie Ritter Siegmund mit den Reisigen von Schwabeck, die alle eilends sich aus dem Hause gemacht hatten, um das Schauspiel mit anzusehen, ja sogar Frau Elsbeth mit der schwäbischen Hausdirne durch das Fenster hindurch, konnten in dieser Beleuchtung mit Muße den Schwarm der Kreuzfahrer besichtigen.

Der geistliche Anführer des Zuges, der durch seine strengen Kreuzpredigten die Tapfersten im Volke zur Befreiung des Gelobten Landes aneifern sollte, war ein alter Eremit in schwarzbrauner Kutte. Und den kostbaren Muscheln an seinem Brustmäntelchen nach zu schließen, mußte er selbst schon einmal in Palästina gewesen sein. Dieser trat zu dem größten Manne in der geharnischten Schar und redete ihn an: "Hier wollen wir übernachten, Hauptmann Peter von Jenkendorf! Schwabeck, an dessen Burgherrn meine Aufträge gehen, liegt wohl noch sechs Stunden von hier entfernt; und keiner von uns ist des krümmungsreichen Weges durch die uralten Buschwälder kundig. Hier am warmlodernden Feuer mögen sich unsere Männer gütlich tun mit Milch und Butter, womit die Frau vom Hause solch christliche Gäste und ehrenhafte Kreuzfahrer freundlich begaben wird. Auch das Pöckelfleisch mag euch wohl munden, das ihr dem groben Fleischhacker in Burgau abgenommen. Doch bevor ihr euch sammelt zu einem lustigen Gelage, wollen wir, wie es frommen Kreuzrittern geziemt, dem lieben Herrgott die Ehre geben und ihn bitten um seinen Segen für die kriegerische Pilgerfahrt."

Nachdem der Mönch dies gesagt, schnürte er ein kleines, nußbaumhölzernes Kreuzlein aus seinem Lendenstricke, küßte es dreimal mit scheinbarer Andacht, und ohne darauf zu achten, ob der Kriegerschwarm seinem Beispiele folge oder nicht, kniete er in die Mitte des Hofraumes und betete mit lauter Stimme: "Großer Gott, wie erbärmlich sieht es aus in Palästina, das doch ein auserwähltes Land ist! Die frechen Türken haben dein schönes Jerusalem zerstört und deinen heiligen Tempel entweiht. Willst du das länger dulden? Nein! Schütte deinen gerechten Grimm über dies gottlose Geschlecht! Laß es zunichte werden! Erleuchte dein rechtgläubiges Volk und segne seine Waffen, daß es siegreich die Fahne deines heiligen Kreuzes aufpflanze auf den Mauern von Zion!" Hier hielt der begeisterte Mönch inne und sah sich um, mit dem Köpfe nickend, zum Zeichen, daß nun das Gebet zu Ende und ein jeder sich gütig tun möge. Allein da und dort hatten sich schon Kriegsmänner auf Strohbündel niedergelassen und aßen und tranken und schäkerten. Viele beschäftigten sich noch mit ihren ausgehungerten Rossen und Maultieren; andere, die der Tagesmarsch ermüdet hatte, schliefen bereits unter ihren Schildern, unter deren Wölbung der feuchte Herbstnebel des Mindeltales nicht eindringen sollte. Die meisten aber hatten sich um einen fröhlichen Minnesänger gelagert, der sich für einen geringen Tageslohn vom Anfange schon zum Zug beigestellt, um bald durch süße Miene, bald durch kräftige Kriegslieder das Herz und den Mut der christgläubigen Wanderer aufrecht zu erhalten.

Während dies Völklein im nachtlichen Gewirre sich erlustigte, da Meister Hans vollauf zu tun hatte, sein Weib und die Magd zur schnellen Bewirtung der ungeladenen Gäste aufzumuntern, damit allenfalls kein harter Strauß mit ihren Wurfspießen, Piken und Hacken zu bestehen sei; und nachdem sich auch die Hammerknechte unter dem Kriegsschwarm verloren hatten, kauerte sich der graubärtige Mönch dem staunenden Ritter Siegmund näher und gab ihm ein Zeichen, er möge ihm folgen hinter das seitwärts gelegene Weißdorngehege. Und als der Ritter vor der schwarzbraunen Kutte stand, fiel diese von den Schultern des Mönches und Siegmund erkannte höchlich überrascht seinen Verbündeten, den Veit Knall, gemeinhin der "Fischveit von Costnitz" genannt. Ersterer wollte in fast zu lauter Rede seine Verwunderung zu erkennen geben. Aber der verschmitzte Knall wies auf den Schwarm am Feuer, dem man sich nicht verraten dürfe und fiel ihm ins Wort: "Hab ich meine Sache nicht gut gemacht, Herr Ritter? Ihr werdet mit mir zufrieden sein! Euer Wunsch, des Grafen Wernher von Schwabeck los zu werden, soll in Erfüllung gehen; dafür haft ich mit meinem Kopfe! Allein ich erwarte auch mit Recht einen großen Lohn von Euch, wie Ihr mir auf Euer Ritterwort schon zehnmal habt versprochen. Nun hört kurz meinen abenteuerlichen Plan und wie ich ihn bisher durchgeführt." Er kauerte sich näher an den Ritter und fuhr fort:

"Nach der Unterredung, die ich mit Euch gepflogen, worin Ihr mir Eure Neigung zu der schönen Frau auf Schwabeck offenherzig gestanden und ich Euch geschworen, zu deren kostbarem Besitze Euch verhilflich sein zu wollen, kehrt ich nach Costnitz zurück, Tag und Nacht an einem Plane brütend. Da traf ich eines Morgens in der Fischerherberge am Bodensee meinen vertrauten Spießgesellen Peter von Jenkendorf. Der ist seines Leichtsinnes wegen ein armer Teufel geworden und war auf dem Sprunge, der Stadt Ulm als Landsknecht seine Dienste anzubieten. Denn die Ulmer meinte er, könnten einen tapferen Degen wohl brauchen in dieser mißlichen Zeit, da sie so schimpflich belagert werden. Ich aber hielt ihn davon ab und lenkte sein Augenmerk auf eine bessere Aussicht. Du mußt das rote Kreuz nehmen, Freund Peter; so sprach ich zu ihm. In Palästina gibts viel Ehre und Geld; und obendrein kannst du im heiligen Kampfe deine Jugendsünden abbüßen und dir eine Stufe in den Himmel bahnen. Das ging dem dummen Peter gar rührend ans Herz. Er weinte so herzlich, wie ers tat, wenn im Würfelspiel sein blankes Silber Stück für Stück aus der Tasche verschwand! Wir machten uns sogleich auf den Weg nach Augsburg. Dort ist mir der Schwarzkünstler Matthä Dampf gar wohl bekannt. Der gab uns den wohlweisen Rat, ich sollte mich in einen Mönch verkleiden. In dieser Maske fänden wir Tausende der Anhänger. Gesagt, getan. Er klebte mir einen falschen Bart ins Gesicht und beschmierte mir Mund, Wangen und Stirn mit unkenntlich Zügen. So fing ich an, das Kreuz zu predigen. Und Peter Jenkendorf an meiner Seite schwang, zum Auszug begeisternd, den blanken Wurfspieß in die Höhe, daß es eine Freude war. Zum Kreuz! Zum roten Kreuz, hieß es an allen Orten. Und nun sind kaum vier Wochen vorrüber - da seht den gewaltigen Kriegshaufen mit dem roten Kreuze." "Alles recht!" versetzte Ritter Siegmund; "allein wie soll dein abenteuerlicher Zug mit unserm Plane zusammenhängen? Und wann steht endlich das Ziel vor mir, das stündlich zu erreichen ich so sehnlich wünsche?"

"Laßt mich nur machen!" fiel Knall dem Fragenden in die Rede und hüllte sich wieder in seine falsche Kutte. "Matthä Dampf hat mir verschiedene Urkunden zugestellt, falsche Briefe von dem Papste, Aufforderungen an Ritter und Grafen im Schwabenlande und freundliche Einladungen vom Bischof von Augsburg zur Annahme des roten Kreuzes. Morgen schon treffen wir auf Schwabeck ein. Da sollt Ihr die Beredsamkeit des Fischveits von Costnitz kennen lernen. Denn ehe zweimal zweiundzwanzig Stunden dahin sind, ist Graf Wernher für den Kreuzzug gewonnen. Bis dahin gehabt Euch wohl! Unsere Unterredung hat schon zu lange gedauert. Wir dürfen auf unserer Hut sein. Peter von Jenkendorf darf den Plan wegen der Beredung des Grafen nicht erfahren; er ist ein Schwätzer. Noch weniger aber soll das betrogene Kriegsvolk den Spuk des falschen Mönches wittern. Sonst hat der wichtige Kreuzzug sein höchstes Alter schon erreicht. Lebt wohl und gedenkt in Ehren des versprochenen Lohnes!"

Der Mönch ging und drängte sich.in die lustige Gesellschaft am Feuer. Siegmund Gäßler aber gab den Reisigen von Schwabeck das Zeichen zum Aufbruch. Denn sein unruhiges Gewissen wollte ihn nicht mehr länger in Hans Netters Hause dulden, wo er aus dem Munde des alten Weibes vom Karrenberge so derbe Wahrheit vernommen. Auch hatte Fischveits Rede sein Herz noch mehr verworren und heiß gemacht und er wollte es abkühlen in der feuchten Herbstluft der Tannenwälder, die er zu durchstreifen gedachte, bis er am Morgen die gastwirtliche Burg von Schwabeck erreichen könnte. Hans Netter war froh, des Ritters und seiner Reisigen los zu sein. "Die Kreuzfahrer" sagte er zu seinem Weibe, "mögen wir gern dulden." - Und indem er sich. von dem scheinbar ehrwürdigen Mönch am Feuer den Segen erholte, legte er sich ruhig und zufrieden zu Bett mit der Gebetsformel: "Beim wundertätigen Bilde von Maria Einsiedeln, Gott gnade uns und unser Haus:"