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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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4 Der Schwarzkünstler

Viertes Kapitel

Der Schwarzkünstler

Hier unten gab es gar viel zu schauen und zu hören. Friedliche Waffenspiele wurden gehalten um den Preis eines künstlich geschnitzelten Spießschaftes. Die Weidmänner schössen in die Wette um eine Silbermünze, die ein an einer hohen Stange befestigter Steinadler im Schnabel hielt. Und auf dem Walle übten sich die Stärksten im Faustringen. Die Dirnen vom Lande eilten den Schloßberg herauf, mit großen Körben auf ihren Köpfen, um für ein paar Pfennige Dutzende von Birnen und Äpfeln, von Gerstenbroten und Ziegenkäsen den Kauflustigen freundlich anzubieten.

Der größte Schwarm von Menschen aber drängte sich zum Schloßtore, durch das soeben ein Schwarzkünstler mit einem schwerbepackten Eselein einzog. Das welsche Tier wollte vorüberschreiten; aber der Künstler, der sich von dem Freudenlärm des Menschengedränges einen guten Markt versprach, zog sein Langohr hinter sich über die Fallbrücke zum Tore hinein. Der sonderbare Aufzug des Mannes erregte große Neugierde und Bewunderung unter der Masse von Leuten, die sich herbeidrängten. - Und traun, es war ein seltsamer Auftritt, der allerdings die Schaulust auf das Höchste steigern konnte. Der Meister Schwarzkünstler selbst, ein Mann von großer hagerer Statur, mit langen, schneeweißen Haaren und Augenwimpern und einem ebenso weißen, bis über die Brust herabfließenden Barte, hatte mit seinem wallenden, schwarzen Talare und dem quer über die Schultern hängenden, mit dem Himmelszeichen beschriebenen, feuerroten Gürtel ein schaudererregendes Aussehen. Ein häßlicher Affe kauerte sich auf dem Rücken des Eseleins., auf dessen Kopfe regungslos ein aschgraues Käuzlein saß. Und über der großen Reisegruppe flog eine zahme, schwatzhafte Elster, die sich bald auf den Hutdeckel ihres Meisters setzte, bald zum Schrecken der Gaffenden unter die Menge flatterte und die halbverzehrten Birnen und Äpfel und Käse aus ihren Händen stahl. - Der Künster schlug seine Werkstätte nächst am Tore auf; und wenn er der Zuschauer überdrüssig war, mußte ein schwarzer Pudel, der ihm zur Seite lief und seine Augen wie Feuerkugeln drehte, mit bleckenden Zähnen und verdrießlichem Knurren die Menge auseinanderjagen.

In dem Augenblick tönte das dumpfe Horn des Turmwächters. Und der Burgvogt kam gesprungen zum Grafen mit der Nachricht, es nahe dem Schlosse ein bedeutender Zug bewaffneter Kriegsmänner, man wisse nicht, im friedlichen Sinne, oder in der Weise eines unwillkommenen Feindes. Der Graf gab sogleich den Befehl, die Fallbrücke aufzuziehen, bestieg den Wall, stieß eine gewaltige Lanze in die Erde, das Zeichen zur Unterredung und erwartete in stolzer Stellung die fremden Ankömmlinge.

Bald aber hatte man erfahren, welch ein wichtiger Zweck den Schwarm von bewaffneten Menschen hierher führe; und der Graf ließ. sogleich das Tor wieder öffnen und gab dem Burgvogt ein Zeichen, daß er die Fallbrücke herablasse.

Die Kreuzfahrer, die sich in aller Frühe von Netters Hammer aufgemacht, zogen zum Tore herein. Meister Hans hatte ihnen einen seiner Gesellen zum Wegweiser mitgegeben. Sonst wären sie durch die struppigen Wälder hindurch wohl nicht in so kurzer Zeit auf Schwabeck angelangt. Graf Wernher bewillkommte die Gäste aufs freundlichste und lud sie ein, an dem Feste seiner Knappen und Reisigen teilzunehmen, und wohl einige Tage darüber auf dem Schlosse zu verweilen und auszurasten bei stärkenden Erfrischungen, die er ihnen mit Freuden bescheren wollte. Der Mönch an der Spitze des Zuges trat hinan und segnete die Bewohner der Burg von Schwabeck mit den Worten: "Die Hand des Allmächtigen, die das deutsche Panier aufgepflanzt auf den Mauern von Jerusalem, möge dieses Schloß bewahren vor jedem Unfalle und den edelmütigen Grafen Wernher erleuchten, daß er, das rote Kreuz auf der Brust, sein starkes Schwert der heiligen Sache weihe. Beim Schlüssel des großen Apostel Petrus, es bedarf solcher Männer, wie Ihr seid, Herr Wernher "um das Gelobte Land den Saracenen gänzlich zu entreißen. Wahrlich, wahrlich, es ist die höchste Zeit, daß die Grafen und Ritter vom Schwabenlande dem Rufe der deutschen Fürsten, den Predigten der begeisterten Bischöfe und Mönche, und vor allem dem väterlichen Schreiben des Papstes folgen. Oh Schrecken und Jammer! Wie sieht es aus in dem gottgeweihten Palästina! Ist dies das Land, das sich der Allerhöchste auserlesen? Die Juden hat er vor vielen Jahrhunderten hinausgetrieben mit feurigem Schwert, wie einst Adam und Eva aus dem Paradiese, damit der rechtgläubige Christ Besitz davon nehme. Und nun hauset der Türke darin, ärger als der Jude. Hunderte von Pilgern aus dem Heiligen Lande ziehen allenthalben umher und schildern die schreckliche Not unserer Brüder, die sich bald vor der Wut der Feinde nicht mehr zu schützen wissen, wenn sie nicht täglich und stündlich von Frankreich, Deutschland und England Zuwachs erhalten für ihre durch Krankheit und Krieg zusammengeschmolzene Mannschaft. Balduin II., König von Jerusalem, schreit nach Hilfe. Er hat, außer den geistlichen Ritterorden vom heiligen Johannes und vom Tempel Salomons, keine einzige Stütze, und auch diese muß zerfallen, wenn nicht ein großes Heer vom Abendlande mit erneuter Streitkraft vor Jerusalem sich sehen läßt. Auf, ihr mächtigen Grafen und Ritter vom Schwabenlande! Sammelt eure Scharen von Reisigen und Knappen um euch! Der heilige Vater hat jedem. einen Ablaß von allen Sünden versprochen, der das Schwert zieht zur Eroberung des auserwählten Landes! Oh Freude und Jubel, wenn eure Standarten ruhen am Grabe unseres göttlichen Erlösers! Auf, Graf Wernher, zum heiligen Kreuzzuge! Beim Schlüssel des großen Apostel Petrus, wir wollen weder essen noch trinken, bis Ihr versprecht, unser Anführer werden zu wollen! - Ihr Männer von der heiligen Pilgerschaft, betet mit mir, daß der Allmächtige das Herz des Grafen erleuchte! Pater noster!"

Allein anstatt zu beten, rief Peter von Jenkendorf und warf den Speer in die Höhe: "Hallo, es lebe Graf Wernher von Schwabeck und Balzhausen, die Zierde der Ritterschaft, der Held aus dem Schwabenlande, der uns siegreich führt vor die Mauern von Jerusalem!" - Und die volle Schar der Kreuzfahrer ahmte das Geschrei des langen Peter nach.

Doch der Graf beschwichtigte sie und schützte vor, es bedürfe wohl einige Tage, um in solch gewichtiger Sache einen festen Plan fassen zu können. Während dieser Zeit sollten sie sich gütlich tun bei Spiel und Sang, bei Getränken und Speisen, die ihnen reichlich aus der gräflichen Vorratskammer würden gereicht werden. Die fahrenden Kriegsleute ließen es sich nicht zweimal sagen. Sie mengten sich lustig unter die Knappen der Burg. Und das Gejauchze der verschiedenartigsten Gruppen erfüllte den Schloßhofraum, daß die nachbarlichen Tannenhügel davon widertönten. Der Graf mit seiner Familie und dem Ritter Gäßler von Ulm war bereits zum gastlichen Herde über die Wendeltreppe zurückgekehrt, nachdem er vorher auch den ehrwürdigen Mönch eingeladen, dahin zu folgen. Dieser aber blieb einige Minuten zurück, trat leise und geheimnisvoll zu dem Schwarzkünstler am Tore und grüßte ihn mit einem Handschlage, indem er ihm in die Ohren flüsterte: "Willkommen, Herr Matthä Dampf, innerhalb der Mauern von Schwabeck! Ihr kennt doch den Fischveit von Costnitz? Seid bereit, wenn ich Eurer bedürfen sollte." - Der Künstler nickte bejahend mit dem Kopfe und der Mönch eilte fürbaß mit der gräflichen Familie zum warmen Kamine.

Dort wurde unter Minnegesang und heiterem Spiele dem edlen Rheinwein tapfer zugesprochen bis zum späten Abend. Dann fing der verkappte Mönch aufs neue an, den Grafen zur Teilnahme am gottgefälligen Kreuzzuge aufzumuntern, packte die falschen Urkunden und Schreiben vom Heiligen Vater auseinander und legte besonders großen Wert auf einen Brief von dem Bischofe Konrad von Augsburg, der an den Grafen Wernher von Schwabeck also schrieb: "Wir haben mit Freuden vernommen, wie großmütig Ihr die Propstei Ursberg und das Frauenstift Odilstetten erbauet und mit welch reichen Pfründen Ihr beide ausgestattet. Allein wollt Ihr diesen christlichen Werken die Krone aufsetzen, so unternehmet zur Ehre Gottes und zum Frommen Eurer bedrängten Brüder im Morgenlande einen heiligen Zug nach Palästina, wozu wir Euch, vom göttlichen Geiste getrieben, eifrig und väterlich ermahnen. Wir erflehen für Euch den Schutz des Allmächtigen, so Ihr dieser Ritterpflicht getreulich nachkommt und versichern Euch der Huld und des Segens des päpstlichen Stuhles für Euch und Eure Enkel auf Schwabeck und Balzhausen." Der Graf saß in tiefen Gedanken da und blickte lautlos in die knisternde Flamme des Kamins. Aber Ludmilla, den kleinen Ulrich auf dem Schoße, zerfloß in stillen Tränen; und Gisela rang wehmütig die Hände. Siegmund Gäßler senkte den Blick zur Erde, als wenn er freundschaftlich teilnähme an dem Schmerze der Edlen von Schwabeck. Sein Inneres aber ward durchwühlt von einer grimmigen Schadenfreude. Endlich erhob sich Wernher und trat mit fester Entschlossenheit vor den Mönch, der sich seines Sieges gewiß zu sein schien. "Seht auf mein Weib," rief er und eine Träne fiel in seinen schwarzen Bart; "seht auf mein Söhnlein und auf meine Schwester! Soll ich diese edlen Seelen einsam und verwaist zurücklassen auf Schwabeck? Soll ich die Wehrlosen preisgeben jedem feindlichen Angriffe, ja, wohl der Lüsternheit fahrender Wüstlinge? Entbietet dem ehrwürdigen Bischofe von Augsburg meinen ritterlichen Gruß und sagt ihm, Graf Wernher von Schwabeck sei zur Leistung jedes christlichen Dienstes wohlgeneigt; nur möge man ihn freisprechen von der kriegerischen Wallfahrt nach dem Morgenlande!" "Wie Ihr wollt, Herr Graf," erwiderte der Mönch mit scheinbarer Freundlichkeit, "doch werdet Ihr Euch bei dem hochwürdigen Konrad nicht sonderlich empfehlen. Was aber die Schutzlosigkeit der Damen und des Erbsöhnleins von Schwabeck betrifft, da wüßte ich beim Schlüssel des heiligen Peterus Euch guten Rat. Rühmt sich nicht Ritter Siegmund Gäßler von Ulm der Freundschaft des edlen Grafen Wernher? Gebt dem Ritter Gelegenheit, daß er Eure Großmut erwidere! Er mag Schutzherr von Schwabeck sein, bis Ihr aus Palästina wiederkehrt."

"Siegmund," entgegnete der Graf, "hat selbst Weib und Kind und wird nach wenigen Tagen in die Heimat zurückziehen!"

"Nicht doch!" versetzte der Mönch, "Ritter Gäßler hat seit gestern keine Heimat mehr, denn Ulm ist in den Händen Lothars, seines grausamen Belagerers, wie mir ein Flüchtling aus jener Stadt bei Ritterehre versicherte. So mag auch Frau Edeltrude von Gäßler mit ihrem Töchterlein noch manche Woche in Straßburg bleiben. Und hat sie endlich Sehnsucht nach dem liebwerten Gemahl - ei, da ist bald beholfen. Die Wallfahrt nach dem Gelobten Lande führt uns an Straßburg vorüber. Ich nehme die Pflicht auf mich, die edle Frau von dem Aufenthalte ihres Gemahls zu benachrichtigen und sie mit sicherem Geleite hierher auf Schwabeck bringen zu lassen. Die edle Markgräfin von Österreich wie Fräulein Gisela werden die gute Frau von Wernhers Freunde herzlich willkommen heißen; und der kleine Ulrich wird an Gäßlers holdem Töchterlein eine liebe Jugendgespielin finden. So wäre denn der Stein, der den Grafen von Schwabeck drückte, mit einem Male hinweggeräumt. Und der Weg ins Gelobte Land stände uns offen, wie ins Himmelreich!" Wernher zog eine Falte auf der Stirn zusammen und erwiderte halb spottend und halb freundlich: "Ihr habt eine vortreffliche Rednergabe, das Schwert zum heiligen Kampfe aus der Scheide zu locken. Und fürwahr, der Bischof von Augsburg hätte eine Sünde begangen, wenn er Euch nicht ein solch wichtiges Amt anvertraut. Allein gebt Euch nicht ferner Mühe! Es ist umsonst! Ich kann mich nicht bescheiden! Wir wollen darüber schlafen! Gute Nacht!"

Der Mönch war betroffen, verneigte sich und ging. Auch Gäßler konnte seinen Unmut kaum verbergen und beurlaubte sieh bei der gastfreundlichen Familie. Ludmilla aber legte sich unter heißen Tränen und Bitten an des Gemahls Brust, er möge sie samt ihrem geliebten Kinde nicht verlassen. "Edler Wernher," sprach sie schluchzend, "so du von dannen gehst, wird das Unglück Platz nehmen auf Schwabeck. Und eine bange Ahnung sagt mir, das ganze edle Geschlecht des Grafen Wernher, am meisten aber seine Gemahlin, wird unsägliches zu dulden haben. Bleibe, bleibe zurück am häuslich stillen Herde!" - Und der kleine Ulrich, von der Mutter unterrichtet, umklammerte Wernhers Knie und lallte: "Vater, wer wird den großen Schimmel mich tummeln lehren, wenn du gegen die Türken ziehst? Und wer wird mir zeigen, wie ich das Schwert handhaben soll, wenn ich einsam herumirre in den leeren Hallen dieser Burg? Väterlein darf nicht fort, muß bleiben!" - Nun trat auch Gisela hinzu, die viel besorgte Schwester. Und vereint ließen sie nicht ab, zu bitten, bis Graf Wernher feierlich ausgesprochen: "Der häusliche Herd mit meinen Lieben ist der nächste, den ich zu schützen habe. Ich bleibe!" - Sie dankten einstimmig dem lieben Gott, baten um Segen für Wernhers Entschlossenheit und begaben sich ruhig und befriedigt in die weichen Arme ihres süßen Schlummers.

Mitternacht war schon vorüber und bald verkündete das Hifthorn des Turmwächters die erste Stunde des nächsten Tages - da klopfte es unheimlich und zitternd an die Tür des Gemaches, worin der Mönch in behaglicher Ruhe schnarchte. Dieser erwachte endlich, nachdem das Pochen sich mehrmals wiederholt, erhob sich, schlich zu der Tür und schob behutsam den eichenen Riegel auf die Seite, Siegmund Gäßler trat hinein. "Ihr seid wohl ein Nachtwandler geworden auf Schwabeck," lächelte ihm der Mönch entgegen, "und bei der lieben Frau vom Schnee, ich mags Euch auch verzeihen! Ein heißes Blut, wie das Eure, findet keine Rast! Nur schade, daß Ihr es nicht in die Adern Eures Gastfreundes zaubern könnt! So würde er sicher gegen die Saracenen pilgern!"

"Daß er es nicht tut," entgegnete unmutig Ritter Gäßler, "dies eben ist es, warum ich den Schlaf vermisse. Dein Plan war gut, verschmitzter Veit, aber an des Grafen festem Willen ist er zuschanden geworden." "Nicht so vorlaut, edles Herrlein!" knurrte der verkappte Mönch von Costnitz. "Habt Ihr nicht gesehen, Matthä Dampf ist im Schlosse! Der muß uns helfen. Versprecht mir den dritten Teil von den Einkünften auf Schwabeck - dann legt Euch ruhig zu Bette und haltet einen sanften Morgenschlummer, damit der wilde Griesgram Euer schönes Gesicht nicht so jämmerlich verunstalte. Beim Schlüssel des heiligen Peterus, seht Ihr nicht aus wie ein armer Sünder, der dem Galgen von Ulm entsprungen? Geht, geht und schlaft, armer Ritter, ich will für Euch wachen, so wahr ich der Fischveit bin."

"Du sollst den Anteil haben, den du begehrt!" versetzte der Ritter und entfernte sich leise, wie er gekommen, durch das Gemach. Da rief ihm die falsche Kutte von Costnitz nach: "Noch eins, Herr Gäßler! Von Eurem Weibe, das Ihr vor einem halben Jahre verstoßen, habe ich keine weitere Kunde. Man sagt wohl, die Unglückliche habe den Weg über die Iller genommen; und im Mindeltale will man sie zuletzt gesehen haben. Ich meine, der bittere Gram hat die zärtliche Frau wohl schon zu Grabe gelegt. Das Töchterlein der Frau Edel-trude aber habe ich zu einer alten Zigeunerin nach Württemberg gebracht. Ihr wolltet zwar, ich sollte es untertauchen in den Wellen der Donau. Allein beim Schlüssel des heiligen Peterus, das niedliche Engelsköpflein hat mir das Herz mürbe gemacht. Ich konnte es unmöglich dem nassen Wellentode übergeben. Die Zigeunerin wird es auferziehen im unsteten Wandeln von Ort zu Ort. Und vielleicht mag einst das Kind seinem Vater wahrsagen, seinem Vater, der es aus den Armen der verstoßenen Mutter gerissen." "Schweig, Elender!" murrte der hinwegeilende Ritter. Und sein Gewissen entsetzte sich bei dem dumpfen Gelächter des Mönches, das ihm noch lang durch den Schloßgang, wie der Hohn eines Gespenstes, nachtönte.

Veit Knall von Costnitz aber mummte sich in seinen Bart, warf die Kutte über die Schulter und schritt langsam und leise durch das schwarze Gewölbe zu einem Seitenpförtchen, das ihm den Austritt in den weiten Hofraum gestattete, wo ihm die kalte Morgenluft mit einem feuchten Nebel entgegenwehte. Er gelangte zu einer kleinen Wartstube am Schloßtore, in der der Künstler von Augsburg samt Esel, Affe, Käuzchen, Elster und Gerätschaften sein Nachtlager genommen. Auf ein besonderes Zeichen wurde der Mönch sogleich eingelassen und verweilte bei Matthä Dampf in einem langen, geheimnisvollen Gespräche, bis der Tag von den östlichen Wäldern emporgraute. Da aber die Turteln gruheten auf den uralten Linden im Burghofe und vom nachbarlichen Wasserfalle aus den dunklen Hagebuchengebüschen die Kehlen der Amseln schmetterten, trat er aus der Stube und stellte sich dicht an die große Schloßtreppe, um in ein Gespräch mit dem Grafen sich einlassen zu können, wenn dieser herabkäme, den Reisigen und Knappen den Tagesbefehl zu erteilen. Inzwischen hatte sich das muntere Leben von gestern im Burghofe wieder eingestellt. Den Kreuzfahrern gefiel es bei Spiel und Minnegesang so ungemein wohl, daß sie mit trübseliger Miene der Stunde gedachten, da sie abziehen sollten. Als aber Graf Wernher in den Burghof eintrat, steckten sie zur Begrüßung ihre Partisanen in die Erde. Und Peter von Jenkendorf, in dessen Kopfe der alte Rheinwein sich eingenistet, wollte das Kreuzfahrerlied beginnen:

"Wir wandern nach Palästina fein, der Türke muß getötet sein!"

Aber der Mönch eilte herbei und verwies seinen Leuten ihr vorlautes Betragen. Dann schlug er ein großes Kreuz in den Lüften und betete über den Grafen das klösterliche "Benedikat", worauf dieser mit dem ehrwürdigen Pater unter den Linden lustwandelte. Unterdessen aber hatte der Schwarzkünstler am Tore seinen Markt aufgeschlagen. Und das Geschrei der Elster forderte die Bewohner des Schlosses auf, dem seltenen Meister zugunsten zu gehen. Reisige und Knappen und Kreuzfahrer strömten herbei und selbst der Graf wollte, wie es im wohlberechneten Plane des Mönches lag, den Zauber mit ansehen.

Matthä Dampf stand auf einem mäßig hohen Gerüste, das mit einem schwarzen Tuche voll wunderlicher Zeichen und Buchstaben behangen war. Sein Esel saß auf den zwei hinteren Beinen neben dem Meister; Käuzlein und Elster flatterten auf dessen beiden Schultern; und über dem Zaubertische mühte sich das Äfflein, eine harte Walnuß aufzuknacken. Am Boden lagen Totenköpfe und Menschengebeine, Schildkrötenschalen, Schlangengerippe, vertrocknete Salamander, samt den Gerätschaften von Tigeln, Gläsern und Scherben, deren der Künstler zu seinen geheimnisvollen Arbeiten bedurfte. - Nachdem er verschiedene Zaubereien und wunderbare Stücke durchgeführt, wobei die gaffende Menge bald voll Verwunderung die Hände über den Köpfen zusammenschlug, bald in ein lautes Beifallgemurmel ausbrach, wandte er sich auf einen Wink des Mönches, der nur von ihm allein bemerkt wurde, an den Grafen von Schwabeck und forderte ihn auf, einen Beweis seiner Kunst von ihm zu verlangen, was er immer für einen wollte. Der Mönch flüsterte dem Schloßherrn in die Ohren: "Er möge Euch auf dem Wege der Schwarzkunst die Wahrheit eines Umstandes kundgeben, der Euch bisher noch verborgen lag und dennoch von größter Wichtigkeit für den Frieden Eurer Seele und für die glückliche Zukunft Eures Geschlechtes sein dürfte." Dem Grafen gefiel der Vorschlag und Matthä Dampf wurde zur Ausführung des Zaubers aufgefordert. Er schnitt anfangs ein gar finsteres Gesicht, machte verschiedene Bewegungen mit Kopf, Händen und Füßen und endlich, nachdem er die größtmögliche Ruhe anbefohlen hatte, nahm er die Zauberrute und strich sie derb über den haarigen Rücken des Affen auf dem Tische. Das Zotteltier fing jämmerlich zu heulen an und winselte solang, bis aus seinem aufgesperrten Rachen zwischen den Zähnen hindurch ein großer Herbstschmetterling flatterte, der seinen Weg durch den Zauberdunst nach dem großen Lindenbaume nahm. Kaum aber hatte die Elster den bunten Luftsegler erblickt, als sie ihm auch schon unter großem Geschrei nachjagte und in den buschigen Ästen verschwand. Die neugierigen Blicke der Zuschauer mußten lang auf die Wiederkehr der Schwätzerin warten; endlich flog sie hernieder, ein schwarzes Ei in ihrem Schnabel. Sie zerhackte die sonderbare Beute, zog ein beschriebenes Stück Papier hervor, flatterte damit schnurgerade auf den staunenden Grafen zu und legte es unter lächerlichen Gebärden in dessen Hände.

Dem christlichen Herrn von Schwabeck wollte es ganz unheimlich werden und doch verlangte ihn in verzeihlicher Neugier, den Inhalt des Zettels zu erfahren. "Wenn ich lesen könnte!" sprach er halblaut für sich hin und wandte das Blatt bald rechts, bald links in seinen Händen. Der Mönch aber entgegnete: "Da kann ich aushelfen!" und zog den Grafen, der ihm unwillkürlich folgte, mit sich hinaus aus dem Gedränge der gaffenden Menschenmenge. Matt has Vorstellungen waren zu Ende und auf einer anderen Seite des Hofraumes ertönten die Lieder der Minnesänger, die nun die Aufmerksamkeit der Knappen und Kreuzfahrer für sich verlangten.

In einer Vertiefung des Walles an dem entlegensten Orte, wohin kein Lauscher drang, stand der Mönch mit dem Grafen und las ihm mit gräßlichem Nachdruck den Inhalt des Zauberpapiers wie folgt: "Seht Euch wohl vor, Herr von Schwabeck und Balzhausen, daß Euer häuslicher Friede und die glückliche Ehe mit der edlen Frau Markgräfin von Österreich nicht zerstört werde. Ein undankbarer Bube, der durch Schmeichelei Euer Herz gewonnen, arbeitet im Stillen, Schande und Schmach in Euer adliges Haus zu bringen und sich mit dem gräflichen Geschlechte von Schwabeck zu vermischen. Der jugendliche, schöne Knappe Kuno wirft ein lüstern Auge auf Wernhers tugendhafte Gattin. Und so Ihr Euch nicht rächet, folgt Euch der Fluch Eurer Enkel in die Grube nach."