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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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17 Der Pilger und die Waldschwester

Siebzehntes Kapitel

Der Pilger und die Waldschwester

Die Dämmerung des ersten Morgens vom Frühling 1145 umflorte die ehrwürdigen Türme der Abtei von Sankt Gallen, als deren herrliches Geläute schon so früh, majestätisch zur Andacht einladend,. durch das von grünenden Hügeln umkränzte Tal hinaus tönte. Die christlichen Bewohner kamen scharenweise dahergegangen, unter den ehrwürdigen Hallen der großen Klosterkirche ihr Morgengebet zu verrichten. Auch die Klausnerinnen an der Sankt Mangkirche verließen, das Angesicht in einen dichten Schleier verhüllt, paarweise ihre Zellen und wandelten, den geistlichen Morgengruß flüsternd, langsam und ehrerbietig, wie fromme Geistergestalten, in das nur für sie bereitstehende Klosterchor.

Aus einer Zelle aber tönte noch wehmütiges Schluchzen und das leise, tränenvolle Gebet war vernehmbar:

"Höre Gott, an diesem Tage
meines Herzens letzte Klage.
Ende, Heiland, meine Leiden!
Nimm mich auf zu deinen Freuden,
daß ich an des Gatten Brust,
lobe dich in Himmelslust!
Lieber Heiland, gnädiglich,
schau herab und höre mich!"

Das Gebet heiliger Sehnsucht, und stiller Trauer kam aus Ludmillas Herzen. Nach einem schweren, inneren Kampfe mit der Hoffnung dieses Lebens hatte sie sich endlich in die Trösterarme gänzlicher Ergebung in den Willen Gottes geflüchtet. In den ersten Jahren ihrer Verborgenheit, da von Zeit zu Zeit der alte Simon, der ehemalige Schloßvogt von Schwabeck, an das Fensterlein ihrer Zelle gekommen, und mit allerlei freundlichen Nachrichten, die er freilich nie verbürgen konnte, und, wie es schien, nur zu ihrer Belebung ersonnen hatte, den Funken der Hoffnung in dem zarten, leichtgläubigen Frauengemüte anfachte, hingen ihre Gedanken noch immer an den Bildern einer gesegneten Zukunft. Nun aber, seitdem wie sie zufällig erfahren, der Schloßvogt bei seinen Verwandten am Bodensee zu Grabe gegangen und jede trostreiche Nachricht ausblieb, hatte sie, um innere Ruhe zu gewinnen, nach mancher schwerdurchweinten Nacht, nach manchem in der Klosterkirche mit herzlichem Gebete zugebrachten Tage, endlich sich freiwillig der Entsagung irdischen Glückes hingegeben, um die kurze Zeit ihres Lebens ungestört und heilig dem Herrn allein weihen zu können.

Die Klosterglocken waren verstummt. Über dem Tale lag ein feierliches Schweigen, während der Chor der Betenden aus den ehrwürdigen Hallen tönte. Da wankte auch die Waldschwester Ludmilla aus ihrer Zelle der Kirche zu. Und als der Kreis der Andächtigen sie aufgenommen, begannen die dumpfen, feierlichen Orgeltöne zu einem vollständigen, ernsten Choralgesange. Inzwischen hatte sich ein fremder Pilger im langen, schwarzbraunen Muschelrocke vor der verschlossenen Kirchentür eingestellt. Zwei gepanzerte, mit dem roten Kreuze gezierte Waffenknechte, die seine Begleiter zu sein schienen, waren beschäftigt, in aller Eile eine Bude aufzuschlagen. Und nach einer Viertelstunde hatten sie voll Emsigkeit und frommen Eifers allerlei Reliquien und Schätze aus dem Gelobten Lande ausgepackt, als da waren: Geweihte Erde vom Heiligen Grabe, fein aufbewahrt in silbernen Kapseln; kleine Partikel vom Kreuze Christi, umwunden mit goldenen Fäden und eingefaßt in wertvolle Perlen; Korallenkügelchen an seidenen Schnüren zur leichteren Abbetung der Psalmen und anderer Andachtsformeln; verschiedene Bilderchen, gemalt und gezeichnet von orientalischen Mönchen; kleine Statuen der Fürsten und Ritter, die sich im heiligen Kampfe ausgezeichnet, verfertigt aus bräunlichem Asphalt vom Toten Meere; und noch manch anderes Zeug, dessen Ankauf oder Besitz dem fromm einfältigen Sinne des andächtigen Landvolkes entsprach.

Alles war niedlich gereiht und geordnet auf einem mit türkischem Teppich bedeckten Tische. Daneben stand der Pilger mit dem großen Muschelhute im Gesichte. Rechts dehnte sich der einer der Waffenknechte auf einer steinernen Bank und spielte mit einem Falken; links summte der andere, auf das Kreuz seines Schwertes gestützt, ein Freudenlied heimkehrender Rittersleute. Dumpfer tönte die Orgel aus der Klosterkirche; feierlicher schallten die Stimmen der Andächtigen, als man das Trauerlied vernahm:

"Herr, laß ihn ruhn im Frieden!
Laß leuchten ihm dein Licht!
Was ihm gebrach hienieden,
das fehl ihm dorten nicht!
Und tröste die im Kummer,
die um den Gatten weint.
Bis einst der Grabesschlummer,
sie dort mit ihm vereint!"

Und die Klosterväter schlossen den Gesang des Volkes mit ihrem frommen, lateinischen: "Requiem aeternam!" Dann herrschte eine Totenstille.

"Was war dies für ein trauriger Gottesdienst?" fragte der Pilger vor seiner Reliquienbude den Sakristan, der die Tür der Kirche öffnete. Und dieser erwiderte: "Es wurde die Seelenfeier abgehalten für den edlen Grafen Wernher von Schwabeck, der im Gelobten Lande als heiliger Kämpfer den Tod gefunden. Die Gemahlin des Verstorbenen, die fromme Klausnerin Ludmilla, die Ihr sogleich aus der Kirche werdet hier vorbeiwandeln sehen, hat diesen alljährlichen Gottesdienst gestiftet zum Frommen ihres Gatten und zum Troste ihrer eigenen Seele."

Kaum hatte der Sakristan dies gesagt, verschwand er unter der herausströmenden Menschenmasse. Der Pilger aber hob in seltsamer Bewegung des Herzens den Blick zum Himmel, rang zur Verwunderung aller, die ihn sahen, lächelnd und weinend die Hände, befahl den Waffenknechten, die Reliquien unentgeltlich unter das Volk zu verteilen und stellte sich dicht an die Kirchentür. Das Gedränge war vorüber. Paarweise erschienen, wie vorher, die Klausnerinnen und Waldschwestern. Vorwitzig und fast unartig hatte der Pilger einer jeden der stummen Frauen unter den Schleier geguckt, diesen wohl hie und da ein wenig gelüftet, als wenn es von ungefähr geschähe; aber was er zu suchen schien, immer noch nicht gefunden. Und mißmutig wollte er sich entfernen, als die letzte der Waldschwestern schluchzend aus der Kirchenpforte trat, den Blick an der Erde, für alles tot, was um sie im Gewühle der Menschenmasse vorging. Da erkühnte sich der Pilger, von freudiger Ahnung angefeuert, den Schleier vom Gesichte der schwarzen Frau zu heben. Diese fuhr mit einem Schrei des Entsetzens zusammen und viele aus dem Volke eilten herbei, die Frechheit des scheinbar verschmitzten Pilgers zu strafen. Im Augenblicke aber fiel von dessen Schultern der Muschelrock, aus seinen Händen der Pilgerstab, vom Haupte der Hut mit der breiten Krempe.

"Ludmilla!" rief der Mann und drückte der Waldschwester einen feuerigen Kuß auf die blassen Lippen. "Wernher! Mein Wernher!" war ihre Erwiderung und ohnmächtig lag sie in den Armen ihres Gatten. Das Volk, das größtenteils bisher seine Aufmerksamkeit der Reliquienbude geschenkt, hatte jetzt neugierig die Gruppe des Wiedersehens umringt. Und da man endlich den wahren Grund dieser ungewöhnlichen Umarmung erfahren, erhob sich im Klosterhofe ein allgemeines Lobpreisen der Güte und Erbarmung Gottes. Graf Wernher nahm die blasse, in freudiger Überraschung hingesunkene Gattin unter die Arme und trug sie beim vollen Freudengejauchze der Menge in die niedere Zelle an der Sankt Mangkirche. Hier endlich gelang es ihm, durch den wohlbekannten Ton seiner Stimme, durch die süßen Worte herzlichen Willkomms die Ohnmächtige wieder zu sich zu bringen. Jetzt erst flossen auf seine geharnischte Brust die silbernen Tränenperlen des Wiedersehens in wonnevollen Strömen.

Und endlich lagen beide auf ihren Knien, durch ein inniges Gebet die Empfindungen ihrer entzückten Herzen zu entbinden. Freundlicher Leser, erlasse dem Erzähler die Schilderung dieser süßesten Augenblicke. Was die Lippe nicht aussprechen, was die Feder nicht zu geben vermag - das ist allein den Gefühlen der reinen, frommen Menschenbrust zu fassen aufbewahrt. Und je weniger die stille Feier geschildert wird, desto schöner entfaltet sich ihr inneres Empfindungsleben.

Aber bald wurde die erste Stunde des Wiedersehens getrübt durch die Erzählung der Ereignisse, zu der Ludmilla von dem düster horchenden Grafen aufgefordert worden. Wehmütig schilderte sie das Unglück auf Schwabeck, das Verschwinden des Knaben Ulrich, den gewissen Tod der Schwester Gisela, die im Schutte der letzten Trümmer der Burg begraben liege. Gäßlers Betragen, den der Graf als zuverlässigen Schutzherrn statt seiner zurückgelassen, suchte sie voll milder Christenliebe in einem nicht zu grellen Lichte darzustellen und meinte, daß mit Matthä Dampfs Schwarzkünstlerei das Unglück über das edle Geschlecht von Schwabeck hereingebrochen. - Sie tröstete den betrübten Gatten mit der Hoffnung, daß das teure Söhnlein, jetzt vielleicht zum schlanken, braven Ritter emporgewachsen, doch wieder zu finden sei. Habe sie ja nie mehr daran gedacht, den treuen Gatten auf dieser Erde noch einmal zu sehen.

Am allerwenigsten konnte Graf Wernher begreifen, wie der Fischveit von Costnitz zu der Schärpe gekommen und zürnte in gerechter Weise dem Siegmund Gäßler, der dieses Zeichen mißbraucht, um die Nachricht von seinem Tode in Ludmillas Herzen zu bekräftigen. "Wenn, wohl gar," sagte er tief vor sich hinsinnend, "die Flucht des Mönches von Straßburg mit dem Raub der Schärpe und der falschen Kunde von meinem Tode zusammenhänge, dann müßt ich glauben, daß eine meineidige Verschwörung wider mich im Gange war, deren üble Folgen der Allmächtige zum Teil nun schon glücklich abgewendet." Hierauf erzählte er seine jahrelange Gefangenschaft, in der er aller Hoffnungslosigkeit hingegeben war, und endlich seine fast wunderbare Rettung durch den unbekannten Ritter.

Aufs neue flossen die Tränen der Freude, der Rührung und des Dankes zum Gott der Güte. Ob auch Ludmilla die Einsamkeit der Zelle liebgewonnen, so ging sie doch an der Hand des wiedergefundenen Gatten so innig gern wieder zurück in die häuslichen Freuden des Heimatherdes, wohin die ewige Vorsehung sie aufs neue gnädiglich gerufen. Und kaum war Graf Wernher mit seiner Gattin und den Waffenknechten Kuno und Jenkendorf an den Ruinen von Schwabeck angekommen, so erscholl das Gejauchze herrlichen Willkomms unter den Bewohnern im Mindel-, Schmutter- und Wertachtale. - Der Propst von Ursberg mit den Chorherren übergab feierlich die gewissenhaft gepflogene Verwaltung der gräflichen Güter. Hans Netter vom großen Hammer kam mit seinen Gesellen und Tausende der Grenzbewohner boten sich an, Frondienste zu tun beim Wiederaufbau des Schlosses von Schwabeck. Noch denselben Sommer erhob sich ein stattliches Gebäude aus den öden Trümmern. Und bald blickte eine neue schöne Burg ins Tal hinab mit hohen metallbe-kuppelten Türmen.

Die gräflichen Ehegatten betraten hocherfreut ihr Eigentum und suchten im brünstigen Gebete zum Himmel die Hoffnung eines vollständig wiederkehrenden Familienglückes festzuhalten.