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Thomas Krauß
2019-07-11 19:57:00
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13 Der blanke Ritter

Dreizehntes Kapitel

Der blanke Ritter

"Gott zum Gruß!" redete das Weiblein vom Karrenberge die Gesellen von Nettershausen an, als es mit seinem zum starken Jünglinge herangereiften Pflegesohne in die dampfende Esse eintrat, wo soeben der schwerste Hammer mit furchtbarem Schlage das Roheisen schmiedete. "Mögt ihr mir sagen, ihr wackeren Burschen, wo Meister Hans zu treffen? Ich habe eine Waffenbestellung bei ihm zu besorgen, die ihm, so sie nach Wunsch ausfällt, blanke Münzen in die Tasche liefert."

Da trat der hinkende Heinz, der Fürst vom Gebläse, mit der rußigen Mütze unter dem Arme vor die gefürchtete Hexe und entgegnete: "Der Meister ist hinüber nach Ursberg, den alljährlichen Pachtschilling gewissenhaft dort zu entrichten. Denn die hochwürdigen Herren vom Kloster haben die Verwaltung der Einkünfte und Güter von Schwabeck übernommen, bis der Graf vom Morgenlande oder ein rechtmäßiger Erbe sich zeigen wird, selbst wieder davon Besitz zu nehmen. Doch so Ihr Euch gedulden wollt, lieb Wunderweiblein, mögt Ihr Euch auf die Tonne setzen dort im ruhigen Ecke. Hans Netter wird jeden Augenblick zurückerwartet."

Gertrud nahm Platz am besprochenen Orte und während ihr junger Begleiter gedankenvoll in die sprühende Flamme schaute, summte sie das Sprüchlein vor sich hin:

"Ist die Arbeit mit Gott begonnen,
endet der Tag nicht nutzlos zerronnen!
Wollet ihr drum am Abend Glück,
hebet am Morgen nach oben den Blick!

Juchu!
Hammer schlag zu!,

Schmiede dem wackern Rittersmann,
fest und geschmeidig die Rüstung an!"

Bald darauf trat Meister Hans in die Esse und staunte nicht wenig über den frühmorgigen Besuch vom Karrenberge. "Ihr seid schon zeitig genug aufgestanden!" redete er Gertrud an, die ihm entgegentrippelte. "Die Vöglein vor Eurer Hütte singen auch gar zu früh und die Klosterglocke, wenn die Väter von Ursberg zur Mette gehen, weckt Euch mit ihrem einladenden Widerhall jedesmal zum Morgengebete."

"Wie es einer gutgläubigen Christin wohl ansteht!" entgegnete das Wunderweib und machte ein großes Kreuz von der Stirn bis auf die Brust. Unwillkürlich taten der Meister und die Gesellen wie bezaubert das nämliche. - Nach einer Pause unheimlichen Stillschweigens fragte endlich der Pächter: "Was ist Euer Begehr in Hans Netters rußiger Esse?"

Und Gertrud entgegnete kurz und schnurrig: "Waffen sollt Ihr mir schmieden, ehrbarer Hammermeister!" - Da wurden die großen Augen des schwarzen Mannes noch viel größer. Und mit weit aufgesperrtem Munde dehnte er halb neugierig, halb erschreckt die Frage auseinander: "Waffen? Waffen und für die He - Gott helfe mir, wollt ich sagen, für Gertrud vom Karrenberge?" Das braune Gesicht des Weibes verzog sich in einem launigen Lachen: "Was fällt Euch ein, Hans Netter vom Eisenhammer? Ist nicht mein Pflegesöhnlein groß gewachsen? Da seht den handfesten Buben. Es ist Zeit, daß er ein anderes Handwerk treibe, als mit dem alten Kater zu spielen und die Raben vor der Hütte zu füttern. Zwar hat er sich schon längst ein Schwert geschnitzelt aus derbem Eichenholz und eine Lanze gebrochen vom jungen Birkenstamme; die Decke des Edelhirsches, den er als erste Wildbeute erlegt, hat er gegerbt und dreimal übereinander genäht zum undurchdringlichen Schilde und die zähen Wurzeln des Eppichs und der Hagebuche zusammengestrickt zum biegsamen Panzerhemde. Ich wette zwei blanke Silbergroschen an nichts, jeder Eurer rußigen Gesellen wird von meinem kecken Knaben besiegt im Handgemenge. - Aber was soll dies heißen? Fort muß der Junge, fort mit stählernen Waffen! Soll er verkümmern in der schaurigen Einsamkeit des Karrenberges? Nein, das soll er nicht! Die alte Trude weiß nur zu gut, daß ein edles Blut in den jugendlichen, starken Adern rollt!"

Die Herausforderung des Wunderweibes hätte die Hammergesellen fast verdrossen und murrend rotteten sie sich zusammen, das Faustringen instand zu setzen. Da sie aber gegenüber die schlanke und nervige Gestalt des Burschen vom Karrenberge vor sich sahen, der in der Erwartung eines willkommenen Kampfes in ihren Augen fast zum Riesen ward - brummte Heinz den ändern zu: "Beim großen Hammer, die Alte kann es hexen!" Und gutwillig zogen sie sich zurück. Gertrud hatte die Bewegung der Gesellen wie ihren Rückzug genau bemerkt und wohlgefällig lächelte sie auf ihren Pflegesohn. Dann aber sprach sie zum Meister:

"Laßt den Hammer kräftig fallen,
schmiedet flink und tapfer drein!
Soll ich Euch mit Silber zahlen,
muß auch gut das Eisen sein!
Schwert und Helm und Schild und Lanze,
Bügel, Panzerhemd und Sporn!
All dies Zeug gehört zum Tanze,
heißer Schlacht, samt Jagdenhorn! -
Schmiedet drum, ihr Rußgesellen!
Seid ihr fertig vor der Zeit,
soll der Lohn euch auch nicht fehlen,
Gertrud hält ihn schon bereit! -
Hammer auf und Hammer nieder,
morgen sehen wir uns wieder!"

Und kaum daß der Meister stillschweigend das Maß nehmen konnte an der regelmäßigen Körperform des Jungen, war das Wunderweib mit diesem auch schon aus der Esse hinaus und schlug den Hohlweg ein, nach dem Karrenberge.

Unter den uralten Tannen, aus deren Dunkel man hinübersah zu den silbernen Schlangenkrümmungen der erlenbekränzten Mindel - hielt sie an, und redete zum Pflegesohn: "Mein lieber Ulrich, bald stehst du nun fertig da in der blanken Rüstung eines wackeren Ritters und der Augenblick des Ausrittes aus den Knabenjahren, auf den du dich schon so lang gefreut, erscheint mit der Frühsonne des morgigen Tages. Du wirst sechzehn Jahre voll, wie der Denkzettel, den ich in einem goldenen Büchslein auf deiner Brust gefunden, mir es geoffenbart. Allein die Zeit der Freude, in der ich dich nun nach wenigen Tagen als stählernen Mann mit Schild, Schwert und Lanze sehen will, bringt auch ein hartes Leid mit sich. Wir müssen uns trennen, liebwertes Rittersöhnlein. Die einsame Weiberstube auf dem Karrenberge ist keine Herberge mehr für den starken Körper, der mit dem Feinde es aufzunehmen imstande ist, kein rühmliches Ziel für den unternehmenden Geist, der sich nach großen Taten sehnt. Anfangs hatte ich den Plan, in den Dienst eines edlen Ritters dich zu bringen und hättest du dich unter seiner Leitung zum würdigen Knappen gebildet, wollt ich dich selbst zum Ritter schlagen lassen auf dem berühmten Turniere zu Augsburg. - Allein ich hatte Furcht, dein weiches Herz und dein gutes Gewissen möchten im Schwarm der lustigen Gesellen einer Ritterburg groben Schaden leiden - und ich behielt dich an meiner pflegemütterlichen Seite in der unschädlichen Einsamkeit unserer Berghütte. Nun aber ist es Zeit! Du mußt hinaus, hinaus in ferne Lande! Palästina ruft jeden tapfern Kämpfer! Von dort her winkt das Kreuz des Erlösers! Von dort her flattert die heilige Fahne! Auf, Söhnlein, auf! - Was du bei irgend einem Turniere nicht geworden, dazu sollen dich kühne Taten stempeln. Und es ist mir lieber und deiner würdiger; in der Schlacht für den Glauben an den Heiland der Welt erhalte den Ritterschlag!"

Stolz und kräftig stand der Pflegesohn vor der alten Trude, als er diese Worte hörte. Das Feuer jugendlichen Mutes blitzte aus seinen funkelnden Augen. Dessen freute sich das Weib gar inniglich und küßte zärtlich seine bräunliche hohe Stirn. Dann sprach sie weiter: "Ich habe, lieber Ulrich, an dir getan, soviel nur immer in meinen Kräften stand. Und erntest du einst in goldener Zukunft die süßen Früchte, wirst du auch gerne eine Träne des Dankes mir zollen über der Gruft des vermoderten Wunderweibes. - Da du noch ein Kind warst, belebte ich mit guten Sprüchlein und Grundsätzen die Liebe zu Gott und den Menschen in deinem zarten Herzen. Ich lehrte dich beim frühesten Erwachen deiner Vernunft das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Ich beschäftigte deine Einbildungskraft, wie deinen Körper, mit allerlei Dingen, die dir einst nützlich werden könnten. Als du zum lebensfrohen, gesunden Knaben emporgewachsen, schickt ich dich zu den ehrwürdigen Chorherren von Ursberg Sie unterrichteten dich unverdrossen in manchem, was du zu deiner und fremder Wohlfahrt brauchen kannst. Freigiebig ließen sie dich hineinschauen in die Geheimnisse der Natur; du lerntest die verborgenen Kräfte derselben kennen. Du betrachtetest in andächtiger Wißbegierde die Sterne der klaren Mitternacht. Dein Forschen drang in die ewigen Bahnen, die ihnen der Unendliche vorgezeichnet. - Ulrich, lieber Pflegesohn! Heute sag ichs dir mit heiterbewegtem Herzen, du hast mir viel Freude gemacht. Und wenn du heimkamst aus der Klosterschule - dann harrten andere Künste und Beschäftigungen deiner, daß sie von dir erlernt und betrieben würden zum Vorteile.deiner Zukunft. - Was hat sich die alte Trude nicht Mühe gegeben? Jedes Kräutlein, die kleinste Wurzel, Blumen, Früchte und Rinden, in denen eine wunderbare Heilkraft verborgen, hat sie dir zehnmal und zwanzigmal gezeigt, bis du ein jedes erkannt und die Anwendung in den Krankheiten der Menschen genau erlernt. - Außerdem hast du, was du so gern tatest, den jungen Körper abgehärtet im brennenden Sonnenstrahl, wie im stürmischen Gewitter, im kalten Schneegestöber, auf der wilden Jagd im Eberforst, im Faustringen und Preiskampfe bei den ländlichen Festen der Talbewohner. - Und vor allem hast du dir bewahrt die Zierde eines ehrenfesten Jünglings, die Krone aller klugen Reden und edlen Taten, den christlichen Sinn im rechtgläubigen Herzen. - So magst du immerhin von mir scheiden, mein teures Söhnlein! Ich kann mich vom ersten Augenblick des Abschieds an auf den freundlichen, süßwillkommenen Tag der Zukunft freuen, da du die alte Pflegemutter Gertrud wieder besuchen wirst als ein wackerer, schwäbischer Ritter!" Hier schwieg sie und betrachtete wohlgefällig den Jungen, der dankbar ihre runzlige Hand an sein hochroten Lippen drückte.

Dann stiegen sie nebeneinnander den struppigen Berg hinan. Und während die Alte dem aufmerksamen Pflegling noch manche gute Lehre erteilte, gelangten sie, als die Vormittagssonne über die dunkelgrünen Gipfel der Tannen hinaufstieg, an die einsame Hütte.

Die nächstfolgenden Tage kletterte Gertrud noch oft hernieder zum Hammer von Nettershausen, bestellte allerlei, womit sie den Jungen -beim Abschiede überraschen wollte und ermunterte die Gesellen mit einigen Silbergroschen, das Waffenzeug fix und fertig zur bestimmten Stunde bereit zu halten. Und da Hans Netter ihr eines Morgens die Kunde zuschickte, der stählerne Ritter stehe blank in der Esse, lenkte sie eilends ihren Fußtritt auf den Feldweg nach Thannhausen. Sie hielt auch wirklich am dortigen Meierhofe, um dem dickleibigen Christoph einen jungen, mutigen Schimmel abzuhandeln. Der Knecht des Meiers sollte das Pferd am anderen Tage in aller Frühe den Karrenberg hinanleiten und zugleich die Rüstung vom Hammer, an dem ihn der Weg vorbeiführe, mit sich bringen. Gertrud konnte die ganze Nacht nicht schlafen. So sehr war sie ergriffen vom wehmütigen Vorgefühle der nahen Trennung. Und doch freute sie sich selbst wieder auf den schönen Augenblick, da sie den starken Jungen vor sich sehen konnte als geharnischten Ritter.

Kaum daß das Grauen der tieföstlichen Dämmerung sich heimlich hindurchstahl durch die Ritzen der Bäume, hatte sie ihre Binsenmatte verlassen, weckte den Pflegling und trat mit ihm hinaus in die frische Morgenluft. "Heute also müssen wir scheiden, lieber Ulrich!" sagte sie tiefgerührt, "wohl nur eine Stunde noch - und du hast das freundliche Mindeltal, die stille Hütte auf dem Karrenberge und deine alte, weinende Pflegemutter weit hinter dir gelassen. Kurz sag ich dir noch den Inbegriff aller Lehren, die ich dir von Kindheit an gegeben! Behalte sie in deinem Gedächtnisse und handle danach - und du wirst selbst in den Tagen der Drangsal die innere Ruhe, den Frieden deiner Seele nie verlieren. - Fürchte Gott und halte seine Gebote! Liebe deine Mitbrüder! Hasse das Unrecht, fliehe die Versuchung! Bewahre deine Unschuld! Kämpfe zu Gottes Ehre! Sei ein Löwe in der Schlacht, ein Lamm im Frieden! Verficht das Recht der Witwen und Waisen! Schütze die Reinheit edler Jungfrauen vor den Nachstellungen böser Ritter! Und - höre mich wohl - vergiß das Gebet nicht! Morgens und abends und so oft dir sonst während der Tagzeiten ein guter Gedanke beifällt, sei er dem lieben Heiland geweiht, dessen heiliges Grab das Ziel deiner Kreuzfahrt ist! - Oh dann, Söhnlein, wenn ich dich wiedersehe, wenn ich alte Trude den jungen, stattlichen Ritter in meinen Armen habe, dann möge mir Gott der Herr den Stolz verzeihen, weil ich dich Pflegekind schelten darf. - Kommst du aber zurück und findest Gertrude vom Karrenberge nimmer in der Tannenhütte, dann wandle seufzend hinaus ins Mindeltal; du weißt ja das Plätzchen an der kleinen Kapelle im Eichbühl, das ich mir auserkoren zur letzten Ruhe. Wandle hinaus, segne meine Asche - Söhnlein, herziges Söhnlein und schenke mir eine Träne kindlicher Dankbarkeit!" Hierbei schwammen dem Wunderweibe manche Wermutsperlen um die bräunlichen Augenlider. Ulrich aber weinte laut und lang, daß eine Zähre die andere verdrängte aus den feuchten Wimpern.

Endlich stieg der Knecht mit dem Schimmel und der Rüstung den Berg hinan. Und da sie ihn kommen sahen, erheiterten sich auf eine Viertelstunde die trüben Blicke. Das feurige Roß wieherte von weitem, seinen jungen, ehrenwerten Reiter zu begrüßen. "Oh treues Pflegemütterlein, wie habt Ihr so trefflich für mich gesorgt!" rief der Jüngling und herzte die Alte fast wonnetrunken. Diese aber ließ ihn nicht weiter zum Worte kommen, eilte hinzu, lud den Panzer samt allem Zugehörigen vom Rücken des Schimmels und schickte sich an, dem jungen Auswanderer das stählerne Kleid anzuschnallen. Ei, wie glänzte die Freude in ihrem Angesichte! Alles paßte so fest und nett; und wer in dem Augenblicke den Pflegling der Hexentrude gesehen hätte, der wäre in der Verwunderung so weit gekommen, ihn für den ersten Ritter im Schwabenlande zu halten.

Nun wischte sie ihm mit einer Schale voll Morgentaues den bräunlichen Saft des Schöllkrautes aus dem Gesichte. Und schneeweiß glänzte die Stirn des Jünglings. Seine Wangen glühten im natürlichen Rot, wie seine Lippen;

und über die Schultern rollte das schwarze Lockenhaar. Die sorgsame Pflegemutter hatte bald da, bald dort noch eine Schnalle anzuziehen, oder eine Spange locker zu machen, wiewohl diese Geschäftigkeit ganz überflüssig war.

Darauf reichte sie dem Geharnischten Schwert und Lanze und endlich den Schild. Der war eigens schön geformt von Meisters Hand und die Ursache des oft wiederholten Ganges der Alten nach dem Hammer gewesen. In erhabener Arbeit war über seiner Wölbung eine altertümliche Burg zu sehen, aus deren Bogenfenstern rötliche Flammen leckten und schwarze Rauchwolken in die bläuliche Luft wirbelten. Darunter stand mit goldenen Buchstaben in arabischer Zeichnung die rätselhafte Inschrift: "Der Unbekannte."- Gertrud spielte auf die traurigen Schicksale aus der Kindheit ihres Pfleglings an und sagte: "Sei von heute an Ulrich, der Ritter von der brennenden Burg! Und wer immer dir in den Sandsteppen irgend einer Wüste begegnet, oder in der Abendherberge entfernter Städte mit dir trinkt, heiße dich willkommen unter dem Namen des Unbekannten. Den Denkzettel aber im goldenen Büchslein, der Auskunft gibt über dein echtritterliches Geschlecht, bewahre ich sorgfältig unter meinem Mieder, bis du wiederkommst. Und geh ich während der Zeit zur Grabesruhe ein, findest du ihn vergraben unter der großen Tanne hinter der Hütte. Nun steige zu Roß, du edler Ritter! Zieh hin im Schutze des Allmächtigen! Die alte Trude vom Karrenberge wird täglich für ihr Söhnlein beten!"

Ulrich hatte die Pflegemutter geküßt und saß flink auf dem mutigen Schimmel. Das Schwert klirrte an seiner Linken, hoch flatterten die weißen und roten Federn über dem Helme und die Lanze stak rechts in der Scheide am ehernen Bügel.

Der Augenblick des Scheidens war gekommen. Der Blick der Alten ruhte gar schmerzlich auf dem frischen Antlitz ihres Lieblings. Und noch einmal nahm sie das Wort und sprach: "Ich habe dir hinten am Sattel des Pferdes einen langen, schwarzen Talar aufgepackt, mein Söhnlein, und dazu ein Kistchen mit Heilkräutern, Rinden, Wurzeln und stärkendem Balsam! In der Zeit der Not, da dir die Kunst des Arztes und die Ausübung heilsamer Wissenschaft mehr Vorteil bringt, als das Handwerk des Ritters, magst du dies Zeug umtauschen gegen Lanze,Schild und Panzer. So reite hinaus in Gottes Namen! Und wenn dir im fernen Lande deutsche Ritter begegnen, laß sie nicht an dir vorüber, ohne das du sie genau betrachtest! Dein Vater trägt auf der Wölbung seines Schildes das ungarische Wappenfeld und den polnischen weißen Adler! - Fahre wohl denn, Söhnlein! Glück zu, Ritter von der brennenden Burg! Glück zu, tapferer Unbekannter!"

Bei diesen Worten, die durch ihr Schluchzen oft unterbrochen wurden, gab sie ihm den letzten Handschlag und zeichnete ein Kreuz auf seine geharnischte Brust. Er aber schlug, um die Träne des Scheidens zu verbergen, das blaue Visier ins Gesicht, spornte den Schimmel - und hinweg war er zwischen den hohen Gesträuchen. Langsam trat Gertrud zurück in die Hütte und betete den ganzen Tag hindurch unter mütterlichem Schluchzen.