Ein Muli habe ich mir schon immer gewünscht. Lange Ohren, die vor mir im Rhythmus des Trabs wippen...

Und irgendwann passiert es dann... völlig zufällig stolpern wir über eine Verkaufsanzeige...

  

Hoch im Norden lebt der Bursche, dort wo Häuser mit Reet gedeckt sind. Und wie das bei uns immer so ist: hat der Gedanke erst einmal konkrete Formen angenommen, kann uns nichts mehr bremsen, keine Entfernung, keine Vernunft...

Dieser junge Mann soll es sein. Er lebt hier in einer Herde mit zwei Eseln und drei weiteren Mulis, die allerdings alle deutlich kleiner sind.

Oben: Bacardi und Wichita - ein Heunetz ist scheinbar kein ernstzunehmendes Hindernis für ein Muli.

Unten: Bacardi (im Hintergrund) in seinem alten Zuhause mit seiner Herde: die Eselinnen Wichita und Elvira, die Mulis Marlene, Mulani und der kleine Luigi.

Wir fahren am Freitagabend von Bayern nach Schleswig-Holstein und sehen zu, daß wir dort im Auto noch ein paar Stunden schlafen können. Nach liebevoller und besorgter Einweisung in den Umgang mit Mulis durch Bacardis Vorbesitzerin, brechen wir am Samstag am frühen Nachmittag auf. Bacardi steigt brav in den Hänger und fährt die lange Strecke ohne Protest. Als wir Ammerfeld erreichen, ist es schon tiefe Nacht. Die Pferde sind auf der Koppel, Bacardi darf seinen neuen Stall beziehen und sich erst mal in Ruhe von den Strapazen der Fahrt erholen.

Als wir am Sonntagmorgen schauen, liegt da ein gepunktetes Muli in unserem Stall! Wo kommt das denn bloß her?

Unser Plan sieht vor, Rufus und Emmeram auf der Koppel zu lassen und nur Gilette an den Stall zu holen. Sie ist die Herdenchefin und mit Sicherheit diejenige, die einen Neuzugang am wenigsten akzeptieren wird.

Und es kommt wie erwartet bzw. befürchtet: Quietschen, Schlagen, Zurückschlagen, Auseinanderrennen. Bacardi weicht aus, so gut es geht. Gilette schreit nur ganz aufgeregt nach ihren Söhnen. Rufus und Emmeram antworten von der Koppel aus, man hört es laut und deutlich bis zum Hof. Bert geht die beiden lieber holen, bevor sie aus der Koppel ausbrechen und alleine nach Hause zu Mamas Unterstützung eilen.

Jetzt ist dann Rufus an der Reihe, das Public Relations Pferd zu spielen, während Gilette und Emmeram provisorisch mit einer alten Litze abgetrennt werden. Emmeram ist mächtig neugierig und lehnt sich vor - das hält die Litze nicht aus. Und schon rennen die Jungs auf Bacardi zu, was ich gerade noch mit einem Schnappschuß festhalten konnte, bevor ich hinzueilte, um zu helfen, die Streithähne wieder zu trennen.

Tja, da stehen die drei Fibis erst mal wieder "hinter Gittern", während Bacardi frei umherläuft und nach Eßbarem sucht.

Den ganzen Sonntag haben wir uns mit ihnen beschäftigt, die Pferde immer wieder abgelenkt, damit sie sich einzeln mit Bacardi vertraut machen und nicht alle auf einmal. Rufus ist schon recht freundlich.

Bacardi ist auf jeden Fall sehr anhänglich. Er will partout zu dieser Herde hin, egal wie sehr die sich aufführen. Seine hartnäckige Freundlichkeit fängt an, die Pferde zu zermürben.

Während der ersten drei Tage haben wir Bacardi nachts getrennt von den Pferden in einer Box untergebracht, damit er unbelästigt schlafen kann. Seitdem ist alles offen und es klappt gut. Bacardi hat ein sehr gut entwickeltes Sozialverhalten. Er weicht aus, wenn es erforderlich ist, geht aber auf die Pferde zu, sobald sie es zulassen.

Beim Füttern bekommt er sein Heu extra, die Pferde wie üblich am Heulager. Manchmal versucht auch Bacardi, dort einzuparken und seinen Kopf in das Heulager zu stecken, aber das geht nur ein paar Momente gut, dann wird er von den Pferden hinauskomplimentiert. Gleich am ersten Tag konnte ich Bacardi übrigens schwer beeindrucken, indem ich mich vor ihn gestellt habe und ihn und sein Heu vor den Pferden verteidigt habe.

Zur Koppel hinaus und zurück führen Bert und ich je zwei Tiere. Bacardi kann problemlos mit Rufus oder mit Emmeram geführt werden. Nur mit Gilette zusammen geht es nicht. Auf der Koppel ist Bacardi deutlich frecher als am Hof, da greift er Gilette auch schon mal an, wenn sie sich wälzen will und am Boden liegt.

Im Auslauf am Hof ist inzwischen weitgehend Ruhe eingekehrt. Gilette droht ihm zwar immer noch, aber Bacardi weicht einfach eine Handbreit zur Seite und damit ist es OK.

Bacardi ist sehr gut erzogen. Wir üben Führen auf unserem kleinen Reitplatz, manchmal gehen wir draußen im Gelände spazieren oder führen ihn sogar hinter der Kutsche. Longieren funktioniert allerdings nicht, da Bacardi gelernt hat, auf ein Deuten mit einem Stock mit der Hinterhand zu weichen. Wenn ich ihn nun antreiben möchte, dreht er stattdessen seine Hinterhand von mir weg und kommt auf mich zu.

Überhaupt kommt er ausgesprochen gerne auf mich zu. So ein menschenbezogenes verschmustes Muli ist wirklich ein Schatz (obwohl meine Pferde ja genauso sind).

Am 8. November - vier Wochen nach Bacardis Einzug - ist im Nachbarort Kienberg der Leonhardiritt. Rufus soll vor unseren Karren eingespannt werden und Bacardi am Halfter hinterherlaufen. Zwar sind wir eigentlich nicht so gläubig, aber es ist ein schöner Brauch.

Bruder Langohr läßt sich brav die Mähne einflechten und mit Blumen schmücken. Unsere Nichte Luisa ist völlig entzückt vom Neuzugang, weil er sich so bereitwillig kraulen läßt. Die Zuschauer sind ebenfalls begeistert, natürlich auch weil wir uns so fein gemacht haben. Bacardi wiehert ein paar mal nach den anderen Pferden - vor allem nach den Ponies - aber er läßt sich brav führen. Er würde nur lieber neben Rufus gehen statt hinterher. Bei der Segnung läßt er es sich nicht zweimal sagen, daß er nach vorne kommen soll.

Wir sind sehr stolz auf unser tolles Muli!

Eigentlich ist Bacardi inzwischen ganz gut integriert. Zuweilen machen die Pegmuda (Patriotische Equiden gegen die Mulisierung des Ammerfelds) noch ein bißchen Front - vor allem, wenn es vielleicht ein Äpfelchen geben könnte. Unsere drei Freiberger - Mutter und zwei Söhne - sind halt eine eingeschworene Gemeinschaft.

Aber die Front bröckelt langsam. Gilettes Aufmerksamkeit ermüdet, manchmal kriegt sie es gar nicht mit, daß Bacardi gerade an ihrem Hinterteil schnuppert. Oder sie läßt es sich zumindest nicht anmerken. Außerdem gibt es da gewisse subversive jugendliche Elemente (Emmeram, 2 1/2 Jahre alt), die sich trotz wiederholter mütterlicher Ermahnung einfach mit dem Feind verbrüdern.

Gilette zeigt zwar immer noch die Giftzähne, aber mit Klein-Emm als Puffer juckt das Bacardi nicht im Geringsten.

Emmeram und Bacardi stehen jetzt sehr oft beisammen...

... und suchen sich einen gemeinsamen Zeitvertreib. Beim Spielen bewegen sie sich leider zu schnell, um ein scharfes Bild zu schießen, aber als Hobby-Nagetiere kann man sie gut ablichten.

Sogar Gilette beteiligt sich an der Aktion - man beachte (unten) das dritte Paar Beine ganz im Hintergrund.

Hier noch mal das Beweisfoto von vorne.

Ist das nicht eine schöne Vierer-Herde?

Titelbild: Lilienfeld, Österreich, Stiftsbibliothek: Codex 151, fol. 157v, um 1350

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