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Von der Recherche bis zum Arbeitseinsatz: des Fuhrmanns neuer Karren.

Seit fast 10 Jahren ist unser kleiner Karren im Einsatz, quer durch die Jahrhunderte, was ihm schon den Namen "DeLorean" einbrachte (das Auto aus "Zurück in die Zukunft"). Der Karren ist relativ leicht, schmal, wendig, zerlegbar und in/an VW-Bus und Pferdeanhänger problemlos zu transportieren. ABER... wir sind einige Kompromisse eingegangen und haben Praktikabilität und Bequemlichkeit höher bewertet als Authentizität. Das ist im ständigen Gebrauch auch ganz gut so - trotzdem hatten wir seit langem den Wunsch, fürs Spätmittelalter einen wirklich rein nach den Originalen gearbeiteten Karren anspannen zu können - insbesondere für das Museum in Bad Windsheim.

Gemeinsam mit den Jungs von Anno 1476 haben wir uns schließlich ans Werk gemacht. Also, gleich vorweg unser grenzenloser Dank an (in alphabetischer Reihenfolge) Stephan "Aldi" Altenburger, Stefan "Chicken" Forstner, Martin Schumann, Martin Siennicki, Christof "Toffy" Wörösch und alle anderen klugen Köpfe und helfenden Hände, die bei Recherche und Bau tatkräftig zur Seite standen. Und ein spezielles Dankeschön geht an den Stellmacher Walter Keil aus Gymnich, der unsere Monsterräder hergestellt hat.

 


 

Die Konstruktionsgeschichte unseres Karrens hat einen langen Vorlauf. Während das Projekt noch recht vage in unseren Köpfen herum spukte, fingen bereits alle Beteiligten an, zeitgenössische und ältere Abbildungen zu recherchieren und zusammen zu tragen. In jedem besichtigten Museum wurde nach Karren und Kutschen Ausschau gehalten. Wenn die Wägen auch teilweise neueren Datums waren, blieb die Konstruktionsweise doch weitgehend unverändert. Es wurden Details vermessen und fotografiert, Konstruktionsskizzen gezeichnet und der Plan, die Erkenntnisse in die Tat um zu setzen, nahm immer konkretere Gestalt an.


Die massive Holzachse:

Bei den Mittelaltertagen in Bad Windsheim im September 2017 wurden die Arbeiten begonnen.

Als erstes mußten die Jungs Böcke bauen, denn ohne solche Hilfsmittel geht es nicht.

Die Achse des Karrens besteht aus einem massiven Stück Esche, das behauen und gehobelt wurde.

Hier also die "fertige" Achse: begradigt, auf die richtigen Maße behauen und gehobelt.

Später muß an den äußeren Enden Material abgenommen werden, um die konischen Achsstümpfe zu formen, auf welche dann die Räder aufgesetzt werden können.


Vom Birkenstamm zur Anze:

Die Anzen (auch "Schere" genannt) sind die langen Stangen, die beim einspännigen Wagen links und rechts vor zum Pferd gehen. Dadurch wird der einachsige Karren stabilisiert und kippt nicht. Das Pferd lenkt damit den Karren, indem es die Anzen mit in die Wendung drückt/zieht. Beim zweispännigen Wagen gibt es hingegen nur 1 Stange zwischen den beiden Pferden, die Deichsel.

Auf den alten Abbildungen ist zu sehen, daß die langen seitlichen Stangen den Korpus des Wagens bilden und dann bis zur Schulter des Pferds vor reichen.

Als Vorarbeit haben wir im Wald bei Ammerfeld einige junge Birken gefällt. Aus diesen Birkenstämmen wird zunächst einmal die grobe Form heraus gehauen.

Die Versuche, die Birkenstämme zu biegen, waren leider nur von mäßigem Erfolg gekrönt.

Die Stämme werden mittels nasser Lappen am Feuer stundenlang bedampft,..

... und dann mit viel Kraft über eine speziell gebaute Vorrichtung gebogen.

Leider waren sie nicht elastisch genug und sind bei stärkerer Biegung gebrochen.

Zum Glück haben wir genug Birken, um die gebrochenen Stämme zu ersetzen.


Erste Anprobe - paßt Rufus in das Gestell?

Ja, es paßt alles!

Die Einzelteile, also Anzen und Querhölzer, können jetzt mit Holzverbindungen fest arretiert werden.

Das Basisgestell ist fertig. Ein wenig kurz ist es geworden - der Wagen hätte länger sein dürfen, aber die Birkenstämme waren nicht lang genug. Wir beschließen also, die Anzen nur bis knapp über die Achse laufen zu lassen. Der Korpus des Karrens wird hinten ein ganzes Stück darüber hinaus ragen.

Ein wenig eng an Rufus' Bauch ist das Gestell auch, aber es stört ihn offensichtlich nicht, daß er nur ein, zwei Zentimeter Platz hat bis zur Holzstange. Braves Pferd!


Die Wagenräder können abgeholt werden:

Im Januar 2018 fahren wir zu Walter Keil nach Westfalen, um unsere Wagenräder abzuholen.

Walter arbeitet für das Museum in Kommern und baut auch Kanonenräder für die napoleonische Artillerie. Und das alles, obwohl er vor einigen Jahren bei einem Unfall einen Arm verloren hat. Die Werkstatt ist hervorragend auf seine Behinderung eingerichtet. Wo es einarmig gar nicht geht, springt sein Sohn kurz ein, aber im Prinzip macht er alles alleine.

Wir hatten die Räder schon ein gutes Jahr vorher in Auftrag gegeben, aber es ist eine langwierige Sache. Die Radnaben bestehen aus wuchtigen massiven Eichenklötzen. Die Eichenräder haben einen Durchmesser von 150 cm. Das entspricht in etwa der Widerristhöhe unseres Pferdes. Diese Höhe ist nötig, damit die Anzen vom Karren in etwa waagrecht vorreichen zum Pferd. Unser alter Karren war ja viel zu klein für Rufus, da mußten die Anzen extrem gebogen sein, damit sie an der richtigen Stelle am Pferd befestigt werden können. So was sieht man aber auf keiner Abbildung.

Nun also Räder im passenden Durchmesser, damit die Proportionen zwischen Wagen und Pferd stimmen.


Die Achsstümpfe:

Nun da die Räder bereit stehen, müssen die Achsstümpfe geschnitten und auf die Radbuchsen angepaßt werden, im Karrenbau-Workshop im März 2018 hier auf dem Schmarhof in Ammerfeld.

Die Räder können jetzt auf die Achse aufgesetzt werden. Ein bißchen Luft muß aber noch bleiben, denn es kommen Achsbleche auf die hölzernen Achsstümpfe, damit sie sich nicht so schnell abnutzen.


Leiterwagen:

Unter dem kritischen Blick der Schmarhofbewohner und bei eisigen Temperaturen wird beim Wagenbau-Workshop im März 2018 auch der Korb des Wagens hergestellt, also eine Rahmenkonstruktion und seitliche Leitern. Später werden dann noch Bodenbretter aufgenagelt.

Hier kann man erkennen, wie weit der Korb hinten über das Grundgestell überstehen wird. Es wäre uns zwar lieber gewesen, wenn das Gestell bis zum hinteren Rand des Karrens gereicht hätte, aber es steckt schon so viel Arbeit drin... außerdem ist es aus technischer Sicht völlig unerheblich.

Mit Grundgestell, Achse/Rädern und Seitenwänden/Leitern nimmt der Wagen langsam aber sicher Gestalt an.


Schmiedearbeiten:

Wir dürfen im März 2018 in Ammerfeld die alte Schmiede unseres Nachbarn Herrn Hanrieder benutzen.

Film 1 / Film 2 / Film 3

Im Juni 2018 werden die Schmiedearbeiten bei einem zweiten Wagenbau-Workshop weiter geführt, zum großen Teil wieder in der Hanrieder'schen Schmiede.

Es geht vor allem um die genaue Anpassung der Achsbleche...

... sowie die Herstellung authentischer Schloß-Verbindungen zwischen den hölzernen Bauteilen.

Der Karren ist jetzt im Rohbau fertig, Die Leitern stehen bereit, Achse und Gestell sind mit Metallschlössern fest miteinander verbunden, die Räder können auf die metallgeschützten Achsstümpfe aufgesteckt und mit einem Splint gesichert werden.

Inzwischen hat Bert auch eine eigene kleine Esse gebaut.

Ende August, Anfang September werden in einem dritten und letzten Workshop in Ammerfeld noch die Verbindungen für die Leitern geschmiedet.

Ebenfalls benötigen wir noch Haken zum Anschirren: für die Zugstränge, fürs Hinterzeug und als Führungsring für die Fahrleinen.


Technische Probefahrt:

Bert sucht die richtige Position für die Beschläge, die Haken werden provisorisch mit Schraubzwingen befestigt.

Nur die Führung für die Fahrleinen kann schon fest angebracht werden, da der Haken nur eingeschlagen werden muß.

Die Probefahrt absolviert Rufus mit Bravour, er läuft, als hätte er schon immer diesen Karren gezogen.

Film 1 / Film 2 / Film 3 / Film 4

Wir kommen aber schnell wieder zurück, da wir die Räder noch nicht geschmiert haben. Vor der ersten richtigen Fahrt müssen wir die Wagenräder abnehmen und dem Achsstumpf ordentlich Schmierfett spendieren.

Herrchen ist sehr stolz auf seinen Karrengaul...

... und auf die Konstrukteure: der Karren ist hervorragend ausbalanciert und ganz leicht zu heben.


Flechtwände:

Rund ein Jahr nach Baubeginn werden in Bad Windsheim im September 2018 die letzten Feinheiten erledigt: die Haken fest genagelt und niedrige Wände in den unteren Teil der Leitern eingeflochten.


Erster Check: läuft alles rund?

Sieht alles gut aus! Nur eines haben die TÜV-Prüfer zu beanstanden: die Holzräder brauchen dringend Eisenbeschläge. Leider nutzen sich auch die robusten Eichenräder bei den steinigen Böden im Museum zu stark ab.

Unsere Recherchen haben gezeigt, daß oft keine geschlossenen Metallreifen aufgezogen, sondern nur gebogene Segmente aufgenagelt wurden - genau so werden wir es auch machen.


Jungfernfahrt:

Mit einer improvisierte "Theke" hinten auf den Leitern und einem großen Bierkrug im Karren machen sich die fleißigen Wagenbauer auf den wohlverdienten Siegeszug durchs Museum in Bad Windsheim.

Ab sofort ist unser prächtiger Karren im Einsatz. Das ist der Beginn einer neuen Ärea für die spätmittelalterlichen Fuhrleute.

 

DANKE!