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Sehnsüchtig erwarten wir unsere Zugpferde, die am frühen Morgen mit einem großen roten LKW angeliefert werden.

Der Besitzer Monsieur Ridelle lädt drei Ardenner mit Araberblut aus: die Wallache Kiss Me und Lugano werden den Planwagen ziehen, die fünfjährige Naiade soll als Reitpferd für einen Landwehrmann eingesetzt werden. Naiade ist sehr nervös und bereitet ihrem Reiter einige Schwierigkeiten.

Die mit schwerem Tornister, Muskete, Feldflasche und weiteren Utensilien bepackten Männer und die voll beladenen Fuhrwerke setzen sich mit etwas Verzögerung in Bewegung. Die Feldwege, die wir einschlagen, haben tief ausgewaschene Rillen, die leider ein wenig zu weit auseinander stehen für die Spurbreite unseres Karrens. Rufus soll also nicht in der Wegmitte, sondern unten in einer Spurrinne laufen. Damit steht der Wagen zwar schief, aber wenigstens werden die Räder nicht auseinander gedrückt. Es kostet etwas Überredungskunst, Rufus in der unbequemen Rille zu halten.

Die rustikalen Wege fordern schon bald ihren Tribut – die hinteren Wagenräder des großen Fuhrwerks nehmen Schaden, der Besitzer Joachim läuft mit einem Hammer nebenher und versucht ständig, die durch das Rütteln verschobenen Elemente wieder an ihren Platz zu klopfen. Eine Speiche bricht, die Bogensegmente werden mit Keilen auf Spannung gehalten, damit die Räder nicht auseinander brechen. Da wir Ersatzräder in einem der Trossfahrzeuge mitgeführt haben, beschliessen wir, bei nächster Gelegenheit die Räder am Planwagen auszuwechseln, so lange die antiken Originalräder noch zu retten sind.

Wir halten im kleinen Örtchen Marbisoux und warten auf unser telefonisch verständigtes Trossauto.

Die Anwohner von Marbisoux sind äußerst hilfsbereit und hellauf begeistert, daß Waterloo sozusagen direkt zu ihnen kommt. Ein Bauer fährt seinen schweren Manitou-Stapler aus der Maschinenhalle und hebt das große Fuhrwerk einfach hinten hoch.

Wie beim Formel 1 Boxenstopp werden im Akkord die schweren Holzräder ausgewechselt, zum größten Spaß der Ortsbewohner und der Landwehrmänner, die sich bei der Dorfbevölkerung noch mit einem Lied und einem donnernden „Mit Gott – Für König und Vaterland“ bedanken. Frisch bereift, quietschend aber glücklich, geht die Fahrt weiter durch endlose Getreidefelder.

Die wohlverdiente Mittagsrast halten wir im Schatten der großen Bäume vor der Ferme de Geronvillers, einem alten Vierseithof, der wohl schon zu Napoleons Zeiten hier abgelegen auf den weiten Feldern stand.

Wir spannen aus, tränken die Pferde, die Soldaten üben das Erkennen der diversen Hornsignale mit lustigen Merkversen („Kartoffelsupp, Kartoffelsupp, die ganze Woch' Kartoffelsupp Supp Supp Supp“ - Das Signal zum Aufbruch) und sammeln Kräfte für die verbleibende Tagesetappe.

Ein nettes kleines gestelltes Gefechtsfoto im Weizenfeld hält einen belgischen Autofahrer auf, der schon zum dritten Mal an diesem Tag wegen uns einen Umweg fahren muß und deshalb etwas ungehalten ist. Die Situation entspannt sich aber schnell und unsere Wege trennen sich mit einem Lächeln.

Der weitere Weg führt durch einen schmalen Hohlweg mit extrem tiefen Spurrinnen, wie wir von unserer Scouting-Tour vor einem Monat wissen. Dieser Weg ist uns zu schwierig, wir haben Angst um die Wägen - und außerdem berichteten die Jäger der Avantgarde (Vorhut) von verdächtigen Bewegungen französischer Truppen. Die Pferde trennen sich also hier von den Fußsoldaten und die Fuhrwerke nehmen lieber den Umweg über die schmale aber sichere Asphaltstraße.

Die Straße führt uns direkt in den kleinen Ort Mellery, wo wir auf einen kleinen Trupp entkräfteter Franzosen treffen, die ebenfalls von Ligny nach Waterloo marschieren. Es ist eben jener Trupp, der unserer Einheit auf dem Weg auflauern wollte. Ihnen war unterwegs das Wasser ausgegangen und sie hatten noch 5 km zu marschieren bis zu ihrem Nachtlager. Wir lassen natürlich die historische Feindschaft beiseite und füllen den Männern ihre Feldflaschen aus dem mitgeführten Wasservorrat vom Planwagen wieder auf. Der französische Offizier bittet uns, auch noch einen am Fuß verletzten Soldaten auf dem Karren bis zu unserem Nachtlager mitzunehmen, wo ihn dann ein Auto abholen kommt.

Also führen wir jetzt einen vergnügten französischen Gefangenen mit, der eigentlich Katalane ist. Reenactment verbindet europaweit...

Als wir die Farm von Sartage in der Gemeinde Court St. Etienne erreichen, sind unsere Truppen noch unterwegs. Wir versorgen die Pferde mit Wasser und Heu, heute bleiben alle gemeinsam auf einer großen Koppel. Vor allem die junge Naiade zeigt sich an unserem feschen Fribi interessiert, was dem Chef Lugano überhaupt nicht paßt. Er knallt Rufus ordentlich eine vor den Latz, aber zum Glück nur dahin, wo unser Pferd gut mit Muskeln abgepolstert ist. Rufus hält sich nach Luganos Abreibung ein wenig abseits von den anderen Pferden, aber er ist froh, mit ihnen zusammen zu sein. Lugano läßt ihn in Ruhe, so lange er sich Naiade nicht nähert.

Als die Wehrmänner einmarschieren, richten sie das Lager für die Nacht auf der zweiten Koppel ein, direkt bei den Pferden. Unterdessen errichten die Marketenderinnen eine große Kochstelle mitten im Hof von Sartage. Der Proviant für die Abendmahlzeit wird kontrolliert.

Die Jungs drängen sich um die Feuerstelle, um ihre Rationen zuzubereiten, einige rösten Zichorien, um sie dann zu mahlen und als Kaffee zu trinken.

Schaulustige aus der Umgebung besuchen den Bauernhof, um uns zu sehen. Unser Abenteuer mit dem Radwechsel in Marbisoux hat sich schon herumgesprochen. Die Leute sind alle sehr neugierig und wir sind stolz, wenn uns gesagt wird, man fühle sich durch uns tatsächlich um 200 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Außer den Westfalen lagern hier noch die Badischen Jäger, Mitglieder der Sächsischen Leichten Infanterie, ein paar Leute der KGL (Kings German Legion), einige Lützower, zwei churhessische Jäger und ein Nassauer aus dem Regiment Nassau-Usingen. Auch ein Trüppchen Franzosen trifft noch ein und schnorrt sich durch.

Manch junger Wehrmann hängt seinen Gedanken nach und sehnt sich nach seiner Liebsten zu Hause.

Wer ist sonst noch da

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