Die Kirchenruine im Spindeltal blickt auf eine bewegte Geschichte zurück.

Belegt ist, daß in den Jahren 1477/78 der Inhaber der markgräflich ansbachischen Hofmark Wellheim, Georg (oder Jörg) von Helfenstein, am Standort einer älteren baufälligen Kapelle in einem schmalen Seitental des Urdonautals eine Kirche im damals modernen gotischen Baustil errichten läßt und sie der heiligen Jungfrau Maria widmet.

Das Kirchlein im Spindeltal entwickelt sich bald zu einer stark frequentierten Wallfahrtstätte und zieht viele Pilger an – somit wird es zu einem interessanten Wirtschaftsfaktor. Nördlich der Kapelle, auf Graisbacher Gebiet, entsteht ein florierendes Gasthaus als Unterkunft für die Pilger.

Schon  bald streitet man sich um die Einkünfte des Opferstocks, auf der einen Seite stehen die Helfensteiner und das Bistum Augsburg, zu dem der Pfarrsprengel von Wellheim gehört, auf der anderen Seite der benachbarte Pfalzgraf Ottheinrich von Neuburg, der Besitzansprüche anmeldet, da der Standort der Kirche genau an der Grenze seiner Grafschaft Graisbach liegt.

1536 wird der Wellheimer Kirchenverwalter von den Graisbacher Amtsleuten vertrieben und diese erlangen die Aufsicht über das Kirchenvermögen. Die Einkünfte werden nun dem Pfarrer von Rögling übergeben, eine Klage der Helfensteiner wird abgewiesen.

Als Herzog Ottheinrich 1542 zum Protestantismus übertritt, läßt er die Spindeltalkapelle profanieren: die Bedachung wird abgetragen, die Kirchengeräte entfernt, die Glasfenster zerschlagen.

Das sollte eigentlich das Ende der Wallfahrt sein, aber die frommen Pilger kommen nach wie vor, obwohl man teilweise mit Waffengewalt gegen sie vorgeht.

1618 wird die katholische Konfession wieder eingeführt, die Einnahmen der Wallfahrtskirche im Spindeltal fliessen weiterhin an die Kirche in Rögling, auch wenn es im 17. Jh. Widerspruch von seiten des Pfarrers von Ensfeld gibt. Das Tal selbst wird in den Wirren des 30-jährigen Kriegs praktisch entvölkert, die Höfe von den letzten versprengten Bewohnern verlassen.

Ende 1683 wird Wellheim vom Markgrafen von Ansbach an das Hochstift Eichstätt verkauft, kirchlicher Herr bleibt jedoch das Bistum Augsburg.

Im Jahr 1727 stürzt Franz (oder Georg?) Ferdinand von Schwab, pfalz-neuburgischer Kastner zu Graisbach, in direkter Nähe zur Spindeltalkirche vom Pferd, bleibt aber auf wundersame Weise unverletzt. Aus Dankbarkeit stiftet er ein Mariengemälde. Als diese Geschichte sich herumspricht, setzen die Wallfahrten aus den Dörfern der Umgebung wieder vermehrt ein. Es gibt aus den folgenden Jahren eine Fülle von Berichten über Heilungen und wunderbare Hilfe. Über mehrere Jahrzehnte siedelten auch Eremiten im Spindeltal.

Schon bald setzen wieder Streitigkeiten um die offenbar recht ansehnlichen Wallfahrtseinnahmen ein zwischen dem Pfarrer von Rögling (Bistum Eichstätt), der 1747 über den Resten des helfensteinischen gotischen Kirchenbaus ein neues Gotteshaus errichtet, und dem Pfarrer von Wellheim (Bistum Augsburg), der sich darauf beruft, daß die Kapelle auf Wellheimer Gebiet steht. Auch der Pfarrer des benachbarten Ortes Ensfeld (Bistum Eichstätt) hat ein Auge auf die üppigen Opfergaben geworfen und würde gerne seine spärlichen Pfründe aufbessern.

Der schon aus den vorigen Jahrhunderten altbekannte, nun aber neu aufgeflammte Streit um die Spindeltalkirche zieht sich beinahe durch das gesamte 18. Jahrhundert. Angesichts der offensichtlichen Unmöglichkeit, ihn zu schlichten, sprechen sich die Ordinariate von Augsburg und Eichstätt schließlich 1781 für die Auflassung der Wallfahrt und den Abbruch der Kirche aus, um den jahrzehntelangen erbitterten Zwist endgültig zu beenden. Man verständigt sich dann aber auf eine kleinere Lösung, nämlich die Kirche nicht abzureißen, sondern sie nur zu schließen und dem natürlichen Verfall zu überlassen.

Da die Wallfahrten trotz geschlossener Kirche nicht nachlassen, wird das Gebäude dann aber 1783 in Ausführung einer Neuburger Regierungsanordnung vom Landrichter von Monheim doch bis auf die Grundmauern zerstört. Die Kircheneinrichtung wird nach Rögling gebracht, das Grundstück an eine Privatperson verkauft. Das Pilger-Wirtshaus hält sich noch bis 1811.

All dem zum Trotz kommen Immer noch hilfesuchende Pilger in die Kirchenruine.

Im Jahr 1931 unternimmt ein arbeitsloser Zimmermann aus Tagmersheim, Xaver Hiermeyer, eine Schatzsuche in dem verfallenen Gemäuer, da ein Wünschelrutengänger den Boden als erztragend eingestuft hatte. Tief unter der ehemaligen Sakristei findet er bei seiner Grabung in einem kleinen gemauerten Gewölbe eine lehmverkrustete gotische Madonna aus Sandstein, deren Hände zwar abgeschlagen sind, an deren Gewandung man aber nach der Säuberung noch Spuren einer Fassung in rot, blau und gold erkennen kann.

Die Madonna aus dem Spindeltal, eine 1,41 m hohe Figur aus Ellinger Sandstein, wird auf etwa 1340 datiert. Stilistisch ist die Mariendarstellung dem Kreis um Schwäbisch Gmünd und Rottweil zuzurechnen und sie gehörte wohl noch zur Ausstattung der helfensteinischen gotischen Kirche. Es wird vermutet, daß die Gläubigen nach der Profanierung der Wallfahrtskirche durch Herzog Ottheinrich die Heiligenfigur vergraben haben, um sie vor Plünderung zu bewahren.

Ebenfalls gefunden wurde ein heute leider verschollenes Kopffragment gleicher Machart, das darauf schließen läßt, daß es sich ursprünglich um eine Verkündigungsgruppe gehandelt haben könnte. Nach einem 6 Jahre andauernden neuerlichen Besitzstreit um die Statue findet die Madonna aus dem Spindeltal einen bleibenden Standort in der Kirche von Ensfeld – dort ist sie heute noch zu bewundern.

Die Spindeltalkirche verfällt unterdessen immer weiter, die Ruine ist von üppigem Busch- und Strauchwerk überwuchert und faktisch nicht mehr zugänglich, ein wildromantischer aber auch leicht unheimlicher Ort.

In den 60er Jahren läßt der aus Ensfeld stammende Theologieprofessor Andreas Bauch das Bruchsteinmauerwerk festigen, um die Ruine zumindest vor dem gänzlichen Verfall zu bewahren.

Die Ruine zieht so manche zwielichtige Gestalt an, zum Beispiel einen romantisch veranlagten 18-jährigen Jungen namens Albert mit einem Hang zu geheimnisvollen Orten...

1984 wird in der Ruine auf Privatinitiative hin ein Holzkreuz aufgestellt und bald auch ein Madonnenbild angebracht. Seit Mitte der 80er Jahre ist die Spindeltalkirche wieder regelmäßig Ziel von Gläubigen.

Zum Zweck der Wiedereinrichtung der Spindeltalwallfahrt entsteht 1991 der Förderverein „Freunde der Spindeltalkirche“. Trotz Bedenken des Denkmalschutzes wird die Ruinenkirche teilweise wieder aufgemauert, mit einem Schutzdach versehen, Fenster und Türen eingebaut und Bänke aufgestellt.

Im Oktober 1996 segnet der damalige Eichstätter Bischof Walter Mixa die nunmehrige Ruinenkirche „Zu unserer lieben Frau im Spindeltal“. Seit 2006 steht auch die Spindeltal-Madonna wieder in der Kirche - wenn auch nur als Kopie.

Die jetzige Kirche wird von der Diözese Augsburg als zur Pfarrei Gammersfeld gehörend betrachtet.


Aquarell der Ruinenkirche im Spindeltal: Siegfried Schieweck-Mauk, Eichstätt (aus: Wikimedia Commons)

Portrait des Pfalzgrafen Ottheinrich: Barthel Beham, 1535 (Alte Pinakothek München)

Fotos der Spindeltal-Madonna und der Ruinenkirche mit Schafherde: B. Langrehr

 


 

 

Aufsatz von Heinz Mittel zur Geschichte der Spindeltalkirche (sehr ausführlich):

www.wellheim.de/media/wellheim/bilder/Spindeltalkirche.pdf

 

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