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Nun also zum "Reise-Tagebuch":

Nach einem vergnügten Start am Freitagabend dem 7.12.2018 von München nach Lissabon müssen wir bei der Landung in Portugal feststellen, daß unser für die Nacht vorgesehener Langstreckenflug Lissabon-São Paulo auf Grund technischer Probleme abgesagt wurde. Auf Kosten der Air Portugal dürfen wir eine kurze Nacht in einem Hotel in Lissabon verbringen. Zum Glück startet unsere Maschine ohne weitere Schwierigkeiten am nächsten Morgen und wir erreichen São Paulo am späten Samstagnachmittag.

Ein Taxi bringt uns vom Flughafen nach Embu, wo wir im Hotel "O Garimpo" unsere Zimmer beziehen. Ein charmantes kleines Hotel - kein Luxus, aber saubere Zimmer, gutes Frühstück und mit Liebe und Gefühl für Ambiente eingerichtete Räume. Und der Clou: es ist unser ehemaliges Nachbarhaus!

Den Samstagabend und den Sonntagmorgen verbringen wir auf unserem Sítio in São Lourenço da Serra - das ist der einzige Besitz, den wir noch in Brasilien haben.

Das Grundstück steht dem Umbanda-Tempel Ogum Beira-Mar zur Verfügung und wir nehmen dort an den Giras (Gottesdiensten) teil. Am Abend findet zum Jahresabschluß eine Gira de Elegbara statt und wir begrüßen den Exu Sr. Sete Porteiras. Am Sonntag folgt dann noch eine Gira mit Anjo da Guarda, Pretos Velhos und Caboclos, um nach der Virada (Jahresabschluß bzw. -wechsel) frisch gereinigt und gestärkt ins neue Jahr zu gehen.

Die restliche Zeit in Embu widmen wir dem Treffen mit alten Freunden.

Embu ist ein kleines Städtchen vor den Toren von São Paulo. Ursprünglich nannte man den Ort Mboy, wohl aus der Guarani-Sprache "mboî'y" , was "Fluß der Schlangen"  bedeutet. Im 17. Jahrhundert war Mboy ein großes Landgut (Fazenda), das Fernão Dias Paes Leme (1608-1681, Onkel des gleichnamigen berühmten Bandeirante) und seiner Gemahlin Catarina Camacho gehörte. Das Paar stiftete die Fazenda mit der dazugehörigen Kirche Virgem do Rosário den Jesuiten in São Paulo. Noch heute beherbergt die vom Orden erbaute Rosario-Kirche aus dem Jahr 1690 das Museum für sakrale Kunst der Jesuiten.

1959 wurde Embu zum eigenständigen Munizip erhoben, der Ort ist heute vor allem bekannt als Künstlerkolonie und stellt ein beliebtes Ausflugsziel dar, vor allem sonntags, wo ein großer Kunsthandwerk-Markt die erholungssuchenden Paulistas anzieht.

Am Dienstag unternehmen wir einen Ausflug in die Innenstadt von São Paulo. Mit dem Taxi fahren wir von Embu zur Markthalle, dem Mercado Municipal de São Paulo, von den Paulistas liebevoll "Mercadão" genannt. Im Jahr 1933 fertiggestellt, beherbergt das Untergeschoß Dutzende Marktstände, während die Galerien mit Restaurants bestückt sind.

Unmöglich, an den Obstständen vorbei zu kommen, ohne zu einem Probierhappen genötigt zu werden. Vor allem die Kombination Erdbeere + Dattel liegt offensichtlich gerade sehr im Trend. Wir essen uns satt, während wir durch die Stände schlendern und das appetitlich zur Schau gestellte Obst und die anderen Waren bewundern.

 

Zu Fuß spazieren wir durchs Zentrum von São Paulo.

Über die Ladeira Porto Geral gelangen wir zur Keimzelle der Millionenstadt, dem Pateo do Collegio.

São Paulo wurde am 25. Januar 1554, dem Fest der Bekehrung des Apostels Paulus, von den Padres Manuel da Nóbrega und José de Anchieta, zwei jesuitischen Missionaren, bei ihrem – nach dem örtlichen Fluss benannten – Missionsstützpunkt Piratininga gegründet.

Die Jesuiten zimmerten auf dem Plateau von Piratininga im 16. Jahrhundert erst einmal nur eine einfache Hütte mit einem Dach aus Palmwedeln oder Stroh. 1556 wurde von Pater Afonso Brás ein besserer Kirchenbau aus Lehm (taipa de pilão) gebaut. Die steinerne Kirche wurde erst 1653 errichtet und diente als Jesuitenkolleg, bis 1759 die Jesuiten aus Portugal und seinen Kolonien - somit auch aus Brasilien - vertrieben wurden.

Das Gebäude wurde von 1765 bis 1912 als Regierungssitz genutzt. Fortwährende Umbauten im Laufe der Jahre zollten der neuen Nutzung als Verwaltungsgebäude Tribut. Die Gouverneure von São Paulo gestalteten ihren Palast nach dem gerade herrschenden architektonischen Geschmack um. Das stilistische Flickwerk verfiel Ende des 19. Jahrhunderts zusehends, die Kirche Igreja do Bom Jesus mußte wegen Einsturzgefahr schon 1898 abgetragen werden, der Gouverneurspalast und die weiteren Gebäude wurden 1953 vollständig abgerissen.

In Vorbereitung zum 400. Stadtjubiläum 1954 beschloß man im Jahr 1953, das Baudenkmal wieder aufzubauen. Als Auftakt wurde das Grundstück den Jesuiten zurückgegeben mit der Auflage, die Gebäude wieder zu errichten. Dank erhaltener Abbildungen ist es gelungen, das Pátio do Colégio im Jahr 1954 und die Kirche bis 1979 in der kolonialen Gestalt aus dem 17. Jahrhundert wieder herzustellen.

Heute ist das Pateo do Collegio wieder im Besitz des Jesuitenordens und beherbergt ein Museum. Aus der Gründungszeit haben sich Fragmente einer Wand aus dem Jahr 1585 erhalten. Der Innenhof mit dem kleinen Cafè ist eine Oase der Ruhe in der turbulenten Großstadt.

Auf dem Weg zur Praça da Sé besichtigen wir das Solar da Marquesa de Santos, das Domizil der Geliebten des Kaisers Dom Pedro I. aus der Mitte des 19. Jahrhundert. Das Gebäude ist das letzte erhaltene Wohngebäude dieser Epoche in São Paulo und beherbergt ebenfalls ein Museum, in dem noch einiges an zeitgenössischem Mobiliar zu sehen ist.

Nach der Besichtigung streben wir quer über den zentralen Platz der Kathedrale von São Paulo zu. Die Praça da Sé markiert das geographische Zentrum, also den "Nullpunkt" der Stadt, von hier aus zählen alle Kilometerangaben der Autobahnen und staatliche Entfernungsangaben.

Direkt am Platz steht die Catedral Metropolitana da Sé, also die Kathedrale von São Paulo. Der Bau wurde 1913 im neugotischen Stil begonnen. Die Sé ist die größte Kirche der Stadt, sie faßt 8000 Personen, bei einer Grundfläche von 110 auf 46 Metern. Die Türme erreichen eine Höhe von 92 m, werden aber inzwischen von den Hochhäusern der Stadt weit überragt.

Zum Abschluß des Tagesausflugs geniessen wir noch ein leckeres japanisches Essen im asiatischen Viertel der Stadt, der Liberdade (Freiheit). Liberdade gilt als die weltweit größte japanische Gemeinde außerhalb Japans.