Nach zweijähriger Pause findet sich das Reichsaufgebot wieder in Hinterweidenthal ein, diesmal zu einer untypischen Jahreszeit: Anfang September statt Pfingsten. Innerhalb weniger Stunden entsteht auf der grünen Wiese eine ganze Stadt aus Leinenzelten, Kochstellen, Appellplatz, Taverne...

Foto: Eliane Caramanna

Die Männer werden je nach Bewaffnung auf die verschiedenen Rotten aufgeteilt: Halmpartenblock oder Schützenrotte (mit leichten Büchsen) - die schweren Hakenbüchsen bleiben mit den Kanonen im Lager zur Verteidigung zurück. Während der Halmpartenblock bei 30 Grad im Schatten im Lager exerziert und die Schützenrotte im Wald entschwindet, werden die Kanoniere zu Schanzarbeiten herangezogen und meine Jungs (Bert, Wolfram und Alex, der zum ersten Mal dabei ist) zimmern mit Hingabe einen Galgen - man weiß ja nie, ob man nicht doch einen braucht...

Drei fleissige Handwerker zimmern den Galgen


Die Temperaturen sind nicht gerade geeignet für dicke Wollschecken...

Genial die Idee unserer Nachbarn, der österreichischen Gruppe Dreynschlag: die Mädels waschen sich gegenseitig die Haare und spontan entschliessen sie sich, im Lager ein für alle zugängliches Spa zu eröffnen. Die passenden Badekleider (streng authentisch nach Abbildungen) hatten sie schon im Vorfeld vorbereitet - im Gegensatz zu mir haben sie offensichtlich die Wettervorhersage gehört.

Zum Empfang im Salon Dreynschlag gibt es einen kleinen Aperitif - es fehlen eigentlich nur noch die Modezeitschriften mit den neuesten burgundischen Schnitten des Sommers 1475 - dann werden die Haare mit herrlich eiskaltem Wasser gewaschen und ein Physiotherapeut massiert der Kundschaft den Rücken... eine Wohltat!

Wellness im Mittelalter - das Dreynschlag-Spa im Nachbarlager


Damit die schweren Geschütze auch mal ein bißchen spielen dürfen, verstärken sie am Samstag die Reihen des burgundischen Feindes. In aller Eile wird Berts Reichsaufgebot-Feldabzeichen (rotes Kreuz auf weißem Grund) umgebaut: auf die Rückseite nähe ich das burgundische Andreaskreuz. Angebracht wird das Feldabzeichen am Rüstwams, oben und unten mittig mit einem einzelnen festen Stich befestigt, so daß man es leicht umdrehen kann: ein "Wendeabzeichen"...

Solchermassen gewappnet, zieht das Häuflein Burgunder mit Kanone und Hakenbüchsen los, um sich in einen Hinterhalt zu legen. Ein versprengtes Häufchen leichter Schützen gesellt sich noch dazu - aber der Übermacht des Reichsaufgebots sind sie nicht gewachsen. Nur gut, daß Bert sein Abzeichen umdrehen konnte, bevor er gefangen genommen wurde!

Die Burgunder liegen im Hinterhalt

Dazu noch ein paar bewegte Bilder:

* HINTERHALT - Eine handvoll versprengter burgundischer Schützen lauert im Hinterhalt

* ERSTÜRMUNG - Erstürmung der burgundischen Stellung durch den Halmpartenblock des Reichsaufgebots


Der Samstagabend klingt aus mit Musik und Tanz. Ein ordentlicher Regenguß treibt die Nachtschwärmer aber frühzeitig in ihre Betten. Das angekündigte schwere Wärmegewitter mit Sturmböen zieht glücklicherweise an uns vorüber, ohne sich zu entladen.

Der Sonntag beginnt wieder ausgesprochen schwül. Nach einigen ermahnenden Worten des Feldpredigers wird der Deckenmarkt eröffnet. Nebenher findet zur Belustigung eine Lotterie statt, mit tollen Preisen: eine Laterne, ein Seidengefrens... ein Würfel, ein Heiligenbild, ein Gebet, eine Spülbürste mit Seife... Gericht wird parallel zum Deckenmarkt abgehalten, die Verhandlung wird bewußt kurz gehalten. Alle haben den Wetterbericht gehört: es soll am Nachmittag wieder kräftig regnen. Daher muß das Programm so gut wie möglich gestrafft werden.

Fotos: Eliane Caramanna

Als nachmittags um drei die Veranstaltung beendet wird, fallen gerade die ersten Tropfen. Die Lager werden bei strömendem Regen abgebaut, naß wie die Katzen fahren wir nach Hause - völlig durchgeweicht, aber glücklich!


Bildergalerie 2011:

Und ich freue mich, daß ich eine Auswahl von Eliane Caramannas wunderbaren und stimmungsvollen Bilder hier veröffentlichen darf:

 

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