Mit großem Stolz erhielten wir heuer erstmalig eine Einladung der Company of Saynt George, an einer Veranstaltung teilzunehmen, und zwar auf einer der ältesten und bedeutendsten Höhenburgen der Schweiz, der Lenzburg.

Rund 100 Meter über der ansonsten flachen Ebene erhebt sich diese Burganlage auf einem fast kreisrunden Molassehügel von etwa 250 Metern Durchmesser, flankiert von einem zweiten, langgestreckten Hügel, dem Goffersberg, der einen wundervollen Blick auf die Lenzburg ermöglicht.

Der Hügel kann bis unterhalb der Mauern befahren werden, dann führt vom Lieferanteneingang ein Aufzug hinauf zum Schloßhof. Wir sind froh und dankbar, daß wir unser gesamtes Gerödel nicht den steilen Aufgang herauf tragen müssen. Größere Objekte wie zum Beispiel die Kanone müssen mit dem alten Kran hinaufgezogen werden.

Etwa 100 Teilnehmer sind eingeladen aus mehr als einem Dutzend Länder.

Der militärische Bereich umfaßt zwei Dizaines Halmpartiere, eine Kanonenmannschaft sowie zwei Schützen-Dizaines, darunter einige Armbrustschützen, die anderen mit Arkebusen... und Bert mit seiner "Ungemach", unserer Hakenbüchse, die im Kontrast zu den "modernen" burgundischen Feuerwaffen recht archaisch wirkt.

Neben der militärischen Burgbesatzung bevölkert eine Vielzahl an Handwerkern Burghof und Ritterhaus: Brigandinenmacher, (Messer)schmied, Waffelbäckerin, Heiligenbäcker, Ofenkachel-Herstellerin, Töpferin, Armbrustbauer, Schneider, Goldschmiedin, Nadelmacher, Schreiber, Buchmaler, Maler, Schuster, Näherinnen, Seidenspinnerin, Lederer/Futteralmacher. Die zivile Bevölkerung wird noch verstärkt durch die Küchencrew mit ihren zahlreichen Helfern sowie den "camp followers", die Getränke reichen und Essen austeilen, wenn ein Teilnehmer während der Öffnungszeiten der Lenzburg nicht fort kann von seiner Station, seien es von Interessenten belagerte Handwerker, Soldaten beim Drill oder die Wachen am Tor oder bei der Kanonenstellung. Diese Funktion - Cantinière - ist an dem Wochenende meine Aufgabe.

Die Küche leistet Schwerstarbeit, um so viele Mäuler satt zu bekommen. Wann immer man schaut - in der Küche herrscht Hochbetrieb. Zahllose fleißige Hände schnippeln, holen Holz, tragen Wasser, rühren, waschen ab, räumen auf.

Die Company bemüht sich um eine Speisenzusammenstellung, wie sie für die dargestellte Bevölkerungsgruppe authentisch gewesen sein mag. Diesmal heißt es also weniger Schlemmen nach feinen Rezepten aus spätmittelalterlichen Kochbüchern für die gehobene Gesellschaft, sondern die Erfahrung zu machen, mit den schlichten Speisen der einfachen Bevölkerung zu leben. Es gibt viel Getreide in Form von Brei und Brot. Fleisch und Fisch sind einfach (Schweinsfüße, ganze Hühner, Karpfen), möglichst fetthaltig und sättigend. Alles wird genutzt, nichts wird verschwendet: auch die Hühnerfüße kommen in den Eintopf, die Fleischbällchen bestehen aus den Innereien (Leber und Kutteln). Resteverwertung ist angesagt: was mittags übrig bleibt, kommt abends wieder auf den Tisch. Nach dem fetten Karpfen gibt es abends Fischsuppe mit Kohlrabi, die Reste des Frühstücksbreis werden nachmittags ausfrittiert und - mit ein wenig Honig gesüßt - als kleine Leckerbissen gereicht. Außerdem gibt es noch selbstgeklautes Obst.

Eine besondere Herausforderung stellt der Freitag dar: Fastentag. Der Frühstücksbrei wird heute ohne Milch gekocht, zum Frühstück wird ansonsten nur noch Brot und geräucherter Fisch gereicht. Butter und Milch gibt es nur für Kleinkinder und stillende Mütter, diese Güter werden aber schön bei der Essensausgabe hindrapiert, so daß jeder dran vorbeigehen und verzichten muß - unter den strengen Augen des Priesters. Manch ein Vater schickt sein Kind vor, um Butter zu holen, verzehrt diese aber dann selbst.

Am Mittag des Fastentags gibt es leckeren gebackenen Karpfen. Da aber einige Leute keinen Fisch essen und mit knurrendem Magen dastehen, ist das Essen jetzt zum Streitpunkt geworden. Das führt beinahe zur Meuterei. Natürlich haben beide Standpunkte etwas für sich: Wenn man richtig eintauchen will ins Spätmittelalter, dann gehört auch diese Erfahrung der Entbehrung dazu. Andererseits sind die Akteure den ganzen Tag über dem massiven Ansturm des Publikums ausgesetzt und es erfordert reichlich gute Laune, jedem Besucher unter allen Umständen aufgeschlossen und freundlich zu begegnen und alle Fragen geduldig zu beantworten - wie abstrus sie zuweilen auch sein mögen.

Bei der Fastentagsdebatte beschwert sich zumindest keiner mehr, daß morgens so früh geweckt wird. Um 6 Uhr (oder war es gnädigerweise 6:30 Uhr?) wird draussen zum Wecken getrötet, dann wandert ein freundlich lächelnder Quartiermeister beharrlich durch die Schlafräume, so lange, bis auch der letzte Schläfer signalisiert hat, daß er jetzt bereitwillig aufstehen wird. Draussen im Hof hält der Priester die Morgenandacht, anschließend wird gefrühstückt. Wenn sich die Tore der Lenzburg dem Publikum öffnen, ist alles bereit.

Der Andrang bei den Handwerkern ist immens, aber Publikumsmagnet sind wie immer die Waffendrills: Helmbarten, Feuerwaffen, Kanone, Fechttraining mit Erläuterung historisch korrekten Schwertkampfs.

Zuweilen werden auch lustige Einlagen inszeniert wie Spiele, Ringkämpfe, Weiberdrill an der Helmbarte oder das Zerlegen und wieder Zusammensetzen der Kanone um die Wette - wobei die Schützen den Kanonieren im übrigen nur knapp unterlegen sind. Eine fiktive Gerichtsverhandlung gegen die des Kindsmords angeklagte Bäckerswitwe Käthi Pfisterin arbeitet exemplarisch einige Eigenheiten der spätmittelalterlichen Rechtsprechung heraus und sucht das damalige Rechtsempfinden sowie die gängigen Winkelzüge publikumswirksam zu vermitteln.

Am Donnerstag beim "Startschuß" der Veranstaltung ist das Schweizer Fernsehen zugegen und filmt. Der Beitrag wird wohl noch am selben Abend ausgestrahlt, daraufhin steigt die Besucherzahl schlagartig an. Allein am Sonntag wurden fast 4500 Besucher auf der Lenzburg gezählt - ein voller Erfolg für das Museum!

So weit unser "Pflichtprogramm"... Aber abends, wenn sich die Tore hinter den Besuchern schliessen, haben die Teilnehmer endlich Gelegenheit, ein bißchen zu "spielen".

Am Freitag werden ein paar Soldaten beim Glücksspiel erwischt. Als Strafe wird ihnen beim abendlichen Antreten auferlegt, am folgenden Morgen nach der Andacht nach vorne zum Priester zu kommen, bußfertig niederzuknien und reumütig das Vaterunser zu rezitieren - natürlich auf Latein - und nach jeder Zeile zu bekennen:"I shall not gamble" - zum schadenfrohen Vergnügen der versammelten Gemeinde.

Pater noster qui es in caelis - I shall not gamble - sanctificetur nomen tuum - I shall not gamble - adveniat regnum tuum - I shall not gamble - fiat voluntas tua - I shall not gamble - sicut in caelum et in terra - I shall not gamble - Panem nostrem cotidianum da nobis hodie - I shall not gamble - et dimitte nobis debita nostra - I shall not gamble - sicut et nos dimittimus debitoribus nostris - I shall not gamble - et ne nos inducas in tentationem - I shall not gamble - sed libera nos a malo - I shall not gamble - Amen.

Irgendwann im Laufe des Tages haben übermütige Hellebardiere den Schützen obszöne Zeichnungen untergejubelt. Natürlich werden die Kritzeleien entdeckt und die Schützen-Dizaine wird abends beim Appell abgeurteilt. Da die Schützen ihre Unschuld nicht beweisen können - obwohl eine (sechsjährige) Jungfrau sowie sein treues Eheweib zumindest für Bert bürgen wollen - wird die gesamte Dizaine dazu verknackt, am nächsten Morgen die Büchsen fertig zu laden, dann aber die Hellebardiere abfeuern zu lassen. Kann es eine schlimmere Strafe geben für einen Schwarzpulveraddikten? Die Schützen unterwerfen sich zähneknirschend dem harten Urteil und bieten sogar an, die Frauen vorher einen Schuß abgeben zu lassen.

Am Samstag nach dem Abendessen findet ein kleiner Markt statt, diverse Handwerker verkaufen ihre Produkte. Anschließend begeben wir uns in den oberen Saal des Ritterhauses zu Musik und Tanz. Musikalisch werden wir ohnehin verwöhnt: die hervorragenden Musiker beherrschen ein umfangreiches Repertoire an zeitgenössischen Musikstücken. Zum Abschluß des Abends trägt uns Andy im Schein der Laternen die Geschichte von Sir Gawain und dem Grünen Ritter vor.

Die Sonntagspredigt hält ein Bruder vom Franziskanerorden, da unser Priester leider abreisen mußte. Frater Harry liest uns ordentlich die Leviten, er hat nämlich genau beobachtet, wie etliche Schäflein den Fastentag mißachtet haben, sich heimlich davonschlichen, um der Gier nachzugeben, sogar ihren Kindern die Butter vom Brot stahlen. Denkt ihr denn gar nicht an euer Seelenheil? Was ist schon ein wenig Zurückhaltung gegen die Freuden des Himmelsreichs! Betretene Mienen allenthalben - nein, das wäre gelogen - breites Grinsen auf allen Gesichtern und leises Gekicher, weil er gar so genau hingeschaut hat und den Nagel auf den Kopf trifft...

Nach Predigt und Frühstück legen die Frauen kurzzeitig ihre Schürzen ab und erscheinen wie am Vorabend vereinbart bei den Schützen zum Schiessen. Alles läuft prächtig, die Mädels haben richtig Spaß und es macht ordentlich BUUUUMM! Dann laden die Schützen wieder nach, diesmal für die Helmbardiere, denn sie müssen ja - obwohl wirklich unschuldig an den anstössigen Kritzeleien - ihre Bestrafung entgegennehmen. Diesmal lassen sie aber - von den Hellebardieren unbemerkt - das Pulver weg, sie säubern die Waffen nur und schütten ein bißchen Zündkraut auf die Pfanne. Bei dem Kommando "Feuer" zünden die Hellebardiere, schön einer nach dem anderen, wie gewünscht: ein Versager nach dem anderen, nur ein klägliches "PÜFF" dringt ans Ohr. Die hinterhältigen Helmbardiere blamieren sich bis auf die Knochen - Rache ist süß...

Am Ende konnte Bert sogar noch einen der Helmbardiere bestechen, ihm den Namen des wahren Übeltäters zu verraten. Der erste Bingener Pfennig entlockt dem Judas zwar nur die Initialen, als aber die Summe verdoppelt wird, gibt er den aufschlußreichen Hinweis, daß der Name des Schandtäters auch im Namen der Company auftaucht. Möge er sich in Zukunft hüten vor dem Schützen Albert...

 

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