Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.
(Antoine de Saint-Exupery: Der kleine Prinz)


Das ist Kassandra. Am 1. März habe ich sie in unserem Hof gefunden.

 


Sie war nichts als ein Häufchen Elend, halb erfroren, dehydriert, ein unterernährtes Nichts aus Haut und Knochen, die Augen und Ohren vereitert und völlig orientierungslos. (rechts schon mit vom Tierarzt gesäubertem Gesicht)

Wo kommt sie her?
Ich weiß es nicht.
Sie hatte keine Scheu vor mir, hat keine Abwehr versucht, als ich sie hochhob, also kannte sie Menschen.
Oder aber sie war zu schwach, um Widerstand zu leisten.
Sie lag am Vormittag im Pferdeauslauf, ich hielt sie im ersten Moment für einen schimmligen Pferdeapfel.
Erst auf den zweiten Blick wurde mir klar, was für ein Elend ich da erblicke...

Ich bin mit ihr zum Tierarzt gefahren - zum Einschläfern...
Während die Spritze schon vorbereitet wurde, lag das räudige kleine Ding schnurrend in meinen Händen.
Da habe ich beschlossen: ich muß es wenigstens probieren.
Augen reinigen, Ohren ausspülen, Antibiotika für die nächsten Tage, hochwertige "Astronautennahrung" zur Kräftigung...
Und nein, das ist keine Jungkatze, sie ist schon erwachsen.
Körperlich total zurückgeblieben wegen Krankheit/Unterernährung/Verwahrlosung.

Zu Hause ging Kassandra erst einmal ans Wasser. Kein Wunder, die Pfützen sind ja alle zugefroren - wo sollte sie wohl Trinkwasser finden?
Die Flüssignahrung gibt es alle paar Stunden mit einer Spritze ins Maul.
Hündin Frieda ist begeistert und schleckt das Kätzchen hingabevoll sauber, bis tief hinein in den vereiterten Gehörgang.
Kassandra scheint das zu geniessen. Sie hält still und begrüßt Frieda mit Kopfstößchen.
Ansonsten viel Schlaf - im Badezimmer mit Fußbodenheizung, Katzenklo und weich mit Schaffell ausgepolstertem Katzenkorb.
Wenn ich Zeit habe, zum Beispiel abends vor dem Fernseher, hole ich sie herbei, sie liegt auf meiner Schulter und schnurrt.

Von Tag zu Tag wird Kassandra ein kleines bißchen kräftiger.
Nach etwa 3 Tagen sehe ich, daß sie sich wieder selbst zu putzen versucht.
Nach einer knappen Woche fängt sie wieder selber an zu fressen.

 


Gut, jetzt ist sie übern Berg!
Jeden Abend schaut sie mit uns Fernsehen. Die kleine Glückskatze ist eine richtige Schönheit mit ihren knallgrünen Augen.

 


Frieda und Kassandra hängen total aneinander.

 

 

Es ist uns klar, daß Kassandra nicht bei uns bleiben kann.
Durch die gravierende Ohrenentzündung ist der Gleichgewichtssinn gestört - wenn sie sich schüttelt, fällt sie um.
Überhaupt läuft die Katze etwas unsicher, springen geht fast gar nicht. Sie käme hier als Freigängerin bestimmt irgendwo unter die Räder.
Eine Freundin bietet an, sie als Wohnungskatze zu übernehmen, nachdem ihre alte Katze kurz vor Weihnachten gestorben war.
Wir sind begeistert - Katze und zukünftiges Frauchen sind in unseren Augen wie füreinander geschaffen.

Wenn nur nicht die nachdenkliche Miene des Tierarztes wäre...

Gut zwei Wochen ist Kassandra jetzt bei uns und scheint sich unter der Wirkung des Langzeit-Antibiotikums zusehends zu erholen.
Eine Blutuntersuchung liefert dann aber die niederschmetternde Diagnose:
Kassandra ist sowohl FIV ("Katzen-Aids") als auch FIP (infektiöse Bauchfellentzündung) positiv.

Daher ist sie körperlich dermaßen zurückgeblieben, daß sie aussieht wie ein halbjähriges Kätzchen.
Daher bekommen wir auch den Katzenschnupfen trotz massiver Gabe von Antibiotika nicht richtig in den Griff.

Unter diesen Umständen können wir es nicht verantworten, Kassandra zu vermitteln.
Schweren Herzens beschliessen wir am 16.3., von unserem liebgewonnenen "Verreckerle" Abschied zu nehmen.

 


Heute am 17.3.2023 ist die kleine Kassandra in der Praxis von Dr. Schneemeier in Neuburg friedlich eingeschlafen.
In ihrem kurzen Leben hat sie wenigstens noch zwei Wochen Liebe und Geborgenheit kennengelernt.

Was hätte man tun können?
Ich weiß es nicht - FIV und FIP (und Leukose) sind unter freilaufenden Katzen leider weit verbreitet.
Je größer die Population, desto größer die Ansteckungsgefahr untereinander.

Es wäre auf jeden Fall hilfreich, wenn unsere Bauernhofkatzen weitgehend sterilisiert wären.
Wie viele verwilderte Katzen in Ammerfeld herumlaufen, die überhaupt nirgends hin gehören und langsam vor sich hin siechen, darüber mag ich gar nicht nachdenken.

Und, Leute, schaut bitte nicht einfach weg!
Wenn ein Kätzchen vereiterte Augen hat, wenn ein struppiger Kater bis zum Skelett abgemagert durch die Wiese streift, schaut nicht einfach weg!
Ein Tierarzt kann vielleicht helfen. Bei einer Fundkatze meines Wissens auch kostenlos.
Und wenn der Tierarzt nicht mehr helfen kann, wird er dem Tier wenigstens zu einem schmerzfreien schnellen Tod verhelfen.


Bitte schaut nicht weg.

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