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Inspiration für unser Hochzeitsgewand war ein berühmtes Gemälde: das Gothaer Liebespaar

 

Gothaer Liebespaar

Tafelbild aus der Gemäldesammlung auf Schloß Friedenstein in Gotha. Das in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (vermutlich um 1480) geschaffene Doppelbildnis wird dem Hausbuchmeister zugeschrieben. Es handelt sich um das erste großformatige Doppelbildnis in der deutschen Tafelmalerei, das eine weltliche Szene darstellt.

Bei den dargestellten Personen handelt es sich möglicherweise um Graf Philipp I. von Hanau-Münzenberg  (1449-1500) und Margarete Weißkircher, mit der er nach dem Tod seiner ersten Gattin zusammenlebte.

Das Bild zeigt zwei sich liebevoll zuneigende Personen unter zwei Spruchbändern. Die Frau hält ein kunstfertig geformtes „Schnürlein“ und eine kleine Rose als Liebessymbole in Händen. Der Text auf den Spruchbändern des Gemäldes lautet:

  • Frau (Spruchband der rechten Bildseite): Sye hat uch nyt gantz veracht Dye uch dsz Schnürlin hat gemacht (Sie hat euch nicht ganz verachtet, die euch dieses Schnürlein hat gemacht).
  • Mann (Spruchband der linken Bildseite): Un byllich het Sye esz gedan Want Ich han esz sye genissen lan. (Und billig hat sie es getan, und ich will es sie genießen lassen)

Es handelt sich um ein Treueversprechen des Paares, das – durch die Kleidung sowie die Übergabe des Schnürleins belegt – durchaus in standesgemäßer Art und Weise dargestellt ist. Der Mann versichert mit seinem Versprechen, in der gemeinsamen Zukunft für das Wohl der Frau zu sorgen.


 

 


Die Tridentinische Messe (neulat. Missa Tridentina) ist die Feier der Heiligen Messe im Römischen Ritus gemäß dem Missale Romanum von 1570 oder einer der nachfolgenden Ausgaben. Die Messe wird in lateinischer Sprache gehalten, der Priester steht nicht der Gemeinde, sondern dem Altar zugewandt.

Als Römischer Ritus wird die seit der Spätantike in Rom gefeierte Heilige Messe in der römisch-katholischen Kirche bezeichnet. Ebenfalls als römisch wird auch das zugehörige Messbuch bezeichnet, im Lateinischen als Missale Romanum.

Es gab im Laufe der Kirchengeschichte mehrmals Reformen des Messritus. Die Weiterentwicklung der Riten erfolgte jeweils mit dem Ziel, die Messordnung auf die Überlieferung der Kirchenväter („norma patrum“) zurückzuführen. Im Gefolge und im Auftrag des Konzils von Trient (Tridentinum, 1545-1563) wurde unter Papst Pius V.  das Missale Romanum als verbindliches Messbuch des Römischen Ritus für die ganze Kirche herausgegeben. Es erschien erstmals 1570. An der Stelle des Missale Romanum durften weiterhin auch die liturgischen Bücher jener Gottesdienstordnungen benutzt und gedruckt werden, die zum damaligen Zeitpunkt älter als 200 Jahre waren.

Bei der Redaktion des neuen Missale Romanum wurden die ältesten damals verfügbaren Handschriften und gedruckten Messbücher herangezogen, um eine Fassung nach der Norm der Kirchenväter und Theologen der vorreformatorischen Zeit wiederherzustellen. Inhaltlich handelt es sich bei dem von Papst Pius V. veröffentlichten Missale Romanum um eine redaktionell deutlich verbesserte Neufassung des Missale curiae. Dieses war das um 1220 zusammengestellte Messbuch der päpstlichen Palastkapelle, dessen Erstdruck aus dem Jahr 1474 datiert.

Ein Ziel der Vereinheitlichung und der verbindlichen Festlegung der Liturgie im 16. Jh. war es, Mißbräuche zu beseitigen, künftige zu verhindern und evangelische Einflüsse fernzuhalten. Der Tridentinische Ritus verstand sich als Antwort der „katholischen Reform“ (Gegenreformation) auf die evangelische Reformation. Martin Luther betonte das allgemeine Priestertum – die katholische Kirche reagierte in die Gegenrichtung und überantwortete den Gottesdienst in besonderer Weise dem Priester unter starker Reduzierung der Beteiligung der Laienchristen.

Heute wird die Heilige Messe in der Regel in der jeweiligen Volkssprache gefeiert. Seit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils in den 60er Jahren steht der Bischof oder Priester meist nicht mehr in gemeinsamer Ausrichtung mit der Gemeinde am Altar, sondern der Gemeinde zugewandt (versus populum).

Die moderne Form des Gottesdienstes haben wir für eine Mittelalterhochzeit als unpassend empfunden. Zwar sind uns die Feinheiten des Messritus heute nicht mehr geläufig und keiner von uns wüßte, welche Form der Ritus im späten 15. Jh. genau hatte. Aber eines war uns vor allem wichtig: die Messe sollte in lateinischer Sprache zelebriert werden.

Besonders pikant: beide Brautleute sind eigentlich "konfessionslos" d.h. im modernen Alltagsleben explizit aus der Amtskirche ausgetreten...

Da die christliche Eheschließung in der katholischen Kirche ein Sakrament ist, durfte uns Franziskaner Pater Ernst Martin nicht kirchlich trauen. Das Problem umgingen wir, indem der Pater eine lateinische Messe ohne moderne Trauungsformel zelebrierte - also keine kirchenrechtliche Eheschließung. Daß das Thema der Predigt trotzdem die einschlägigen Bibelstellen waren und daß er das einzeln vor ihm stehende Brautpaar segnete, lag schließlich in seinem eigenen Ermessen.

Eigentlich wäre Ernst Martin auch an das versus populum gebunden gewesen. Der Altar in der Kriebsteinkapelle ist aber aus solidem Stein und unser wohlbeleibter Pater hatte keinen Platz zwischen Altar und Mauer - daher blieb ihm keine andere Wahl, als die Eucharistie mit dem Rücken zur Gemeinde zu feiern.

Kleine Anekdote aus den Hochzeitsvorbereitungen:

Einen geeigneten Pater zu finden stellte sich als eine der größten Herausforderungen dar. Der örtliche Priester wollte keine Mittelalterhochzeit, da er es als unangemessenen Klamauk betrachtete. Eine kirchenrechtlich bindende kirchliche Trauung war ja ohnehin nicht möglich. Also starteten wir halbherzig den Versuch, einen Laien aus der Spätmittelalter-Szene mit der Aufgabe zu betrauen.

Da kam ein Anruf von Brautmutter Christa, deren Cousin Kurt ihr gerade erzählt hatte, daß sein Sohn Ernst Martin demnächst wieder zu Besuch käme. Besagter Ernst Martin (der praktisch Henrikes Vetter 2. Grades ist) stammt aus einer erz-evangelischen Region (Lahn-Dill-Kreis in Hessen, am Rande des Westerwalds), konvertierte zum katholischen Glauben, trat dem Franziskanerorden bei, ließ sich zu einer entlegenen Missionsstation im brasilianischen Hinterland versetzen -  und stand nun kurz vor seinem zweijährlichen Heimaturlaub.

Wir traten umgehend mit dem Pater in Kontakt und er war auf Anhieb begeistert von der Idee. Sein Urlaub wurde sogar um einen Monat vorverlegt, damit er zu unserem Hochzeitstermin in Deutschland sein konnte. Einige Wochen vorher schickte Ernst Martin einen mehrere Seiten langen handgeschriebenen Brief mit dem kompletten Text der lateinischen Messe. Die Stellen, an denen die Gemeinde dem Priester antwortet, waren speziell hervorgehoben. Wir sollten also fleißig üben!

Die Paramente und die wunderschön bestickte Kasel brachte er aus der kleinen katholischen Kirche seines deutschen Heimatorts Beilstein mit. Der Mesner freute sich, daß endlich mal wieder jemand die alten Sachen benutzen wollte...


Es gibt nicht allzu viele überlieferte mittelalterliche Hochzeitsbräuche, die meisten Traditionen sind neueren Datums.

Brautbecher

Der Brautbecher oder Nürnberger Hochzeitsbecher ist ein Becher in Frauengestalt mit einem zweiten drehbaren Gefäß, so daß Braut und Bräutigam mit einiger Geschicklichkeit gleichzeitig daraus trinken können. Nach der Legende des Brautbechers hatte sich ein Goldschmied in die Tochter eines edlen Herrn verliebt. Als der Edelmann davon erfuhr, ließ er den frechen Goldschmied in den Kerker werfen. Auf die Fürsprache seiner Tochter hin versprach der Vater, den Goldschmied freizulassen, wenn es ihm gelänge, einen Becher zu schmieden, aus welchem zwei zur gleichen Zeit trinken können, ohne einen Tropfen zu verschütten. Der geschickte Goldschmied gestaltete ein Trinkgefäß in Form einer Frau, deren Rock umgedreht als Becher verwendet werden kann und die mit erhobenen Händen einen zweiten, beweglichen und drehbaren Becher hält. Damit ist es für ein Paar leicht, die beiden gefüllten, miteinander verbundenen Becher gleichzeitig zu leeren. So entstand der Brautbecher, bis heute ein Symbol für gegenseitige Anpassung und Liebe.

Die Brautmutter hatte von Nürnberger Freunden solch einen Brautbecher besorgt und wir mußten ihn gemeinsam leeren.

Es heißt, daß derjenige, der seinen Becher zuerst ausgetrunken hat, die Oberhand in der Beziehung hat. Wenn aber beide Brautleute genau gleichzeitig fertig werden, wird es eine sehr harmonische Ehe.

Leider wurden wir über diese Interpretation nicht rechtzeitig informiert - also hat jetzt Henrike die Hosen an und bekam den großen Schlüssel zu Heim und Hof überreicht.

 

Hochzeitstorte

Die Tradition der Hochzeitstorte reicht bis ins antike Rom zurück - im Rahmen der sogenannten confarreatio wurde ein Mandelkuchen über dem Kopf der Braut zerbrochen. Die geladenen Gäste verspeisten die entstandenen Krümel und erhofften sich dadurch Glück und Gesundheit.

Aus dem Mittelalter liegen keine Belege für einen derartigen Brauch vor, erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Tradition in England wieder aufgegriffen. Alle Gäste brachten zur Hochzeitsfeier selbstgebackene Kuchen mit, die übereinandergestellt wurden und so einen hohen Turm bildeten - den Vorläufer der mehrstöckigen Hochzeitstorte.

Auch wenn es im Mittelalter nicht belegt ist - wir bekamen unsere mehrstöckige Hochzeitstorte. Alle Freunde hatten sich abgesprochen, telefonisch über Kuchenform-Durchmesser und Rezepte konferiert und tatsächlich brachte jeder einen Kuchen mit, in diversen Geschmacksrichtungen und unterschiedlichem Durchmesser. Die Kuchen wurden zu einem wackeligen Turm aufgestapelt, über dem wir uns küssen sollten, natürlich ohne den Turm einstürzen zu lassen.

 

Bettlege

Eine Ehe war im Mittelalter nur dann gültig, wenn sie auch vollzogen wurde. Das Brautpaar mußte vor den Augen der Hochzeitsgesellschaft oder zumindest mehrerer Zeugen gemeinsam das Ehebett besteigen. Selbstverständlich war das ein rein symbolischer Akt.

Wir erlebten bei unserer Hochzeitsfeier unser blaues Wunder, als wir mitten während des Banketts herausgerufen wurden. Die Musiker vorweg, hinter uns Pater Ernst Martin (als Vertreter der Geistlichkeit) und Burgverwalter Bernd Wippert (als Vertreter der Obrigkeit) und im Gefolge die gesamte Hochzeitsgesellschaft, wurden wir über den fackelerleuchteten Burghof ins Hauptgebäude geleitet, die Treppen hoch, hin zur Gotischen Stube. Dort war das (neogotische) Bett frisch bezogen und stand für uns bereit! Die Musiker spielten noch ein Stück, während der Zug der Gäste an uns vorbeizog. Dann schloß sich die Tür und wir waren allein.

Nach einer angemessenen Weile verließen wir das Zimmer, um festzustellen, daß Wolfram die ganze Zeit vor unserer Tür Wache gestanden hatte (aus gutem Grund: das Museum war wegen uns offen, die Alarmanlage ausgeschaltet). Um vor unseren grinsenden Gästen nicht das Gesicht zu verlieren, haben wir schnell noch unsere Kleidung ein wenig in Unordnung gebracht: hier und da eine Nestelschnur geöffnet, den festgesteckten Schleier gelöst, das Hemd ein bißchen herausgezogen...

 


Das Leipziger Ensemble für mittelalterliche Musik Nimmersêlich war ein wahrer Glücksgriff! Während des gesamten Tagesablaufs haben sie uns begleitet...

Die Messe in der Kapelle wurde mit geistlichen Stücken musikalisch untermalt, zwischen den Gängen des Festmahls wurde musiziert - so weit die Vereinbarung. Daß uns die Nimmerselichs aber dann im feierlichen Zug zur Bettlege geleitet und bis spät in die Nacht zum Tanz aufgespielt haben, das stand nicht im Vertrag. Herzlichen Dank!

http://www.spielleut.de/Nimmerselich


Unser äußerst delikates Festbankett wurde entworfen, gekocht und stilvoll serviert von Marcus Paweletz, der gemeinsam mit Jo Prümen das Biohotel zum Bären in Rothenburg ob der Tauber betreiben.

Bär, der Koch, kündigt den nächsten Gang an:

 

Der erste Gang (Vorspeisen):

     

 

   
Gäste   Weinbrunnen   Ehrentisch

 


Bildergalerie vom Ablauf der Hochzeitsfeier:

 

 

Eine der großen Herausforderungen unserer Mittelalterhochzeit war es, alle Gäste mit geeigneter Kleidung auszustatten.

Beinahe unser kompletter Freundeskreis hat in der einen oder und anderen Weise mit Mittelalter zu tun, sei es nun Living History/Reenactment, SCA (Society for Creative Anachronism) oder das Neuburger Schloßfest, aber die Verwandschaft zeigte sich zunächst uneinsichtig. Der Widerstand unserer Eltern war zwar gering, sie wurden ja schon oft genug mit unserem verrückten Hobby konfrontiert. Jedoch viel Überzeugungsarbeit war nötig, um Onkel und Tanten davon zu überzeugen, daß eine stimmige Atmosphäre nur erzeugt werden kann, wenn alle mitmachen. Wochenlang vorher wurden unsere Zweit- und Drittklamotten sowie der Fundus unserer Freunde zwischen Bayern und Hessen in der Verwandtschaft herumkutschiert, es wurde anprobiert, gelästert, gejammert... aber schließlich sind alle gekommen! Einziges Zugeständnis waren die Brillen, denn für den einen Tag hat sich natürlich niemand Kontaktlinsen angeschafft. Außerdem waren die zusammengesammelten Gewänder natürlich nicht alle aus einer Epoche, es ging vom Frühmittelalter über Hochmittelalter bis hin zur Renaissance. Trotzdem, der Gesamteindruck war großartig.

 

 

 

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