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Im Jahr 2015 begehen wir das 200-jährige Jubiläum einer der berühmtesten Schlachten der Weltgeschichte: am 18. Juni 1815 wird Napoleon Bonaparte bei Waterloo endgültig besiegt.

Bereits seit 25 Jahren spielen geschichtsbegeisterte Menschen aus aller Herren Länder die Schlachten des großen korsischen Feldherrn nach, die sich sukzessive zum zweihundertsten Mal gejährt haben. Nun strebt das Napoleon-Reenactment seinem Höhepunkt zu.

Wir dürfen mit unserem tapferen Karrenross Rufus an den Veranstaltungen in Belgien teilnehmen. Als Fuhrleute begleiten wir eine Einheit der Westfälischen Landwehr zum Lager in Ligny, befördern die Feldküche auf dem Marsch von Ligny nach Waterloo und geraten sogar mitten hinein in die große Schlacht von Waterloo.


Wir fahren in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in den frühen Morgenstunden in Bayern los. Unsere Fahrtzeit kalkulieren wir auf 9 Stunden. Wir möchten das Camp möglichst vor Mittag erreichen, denn die momentan herrschende Hitzewelle macht das Hängerfahren zur Qual fürs Pferd. Die leere Autobahn lädt dazu ein, das Tempolimit für Anhänger etwas großzügig auszulegen, und bereits nach 8 Stunden erreichen wir Ligny, unseren Bestimmungsort in Belgien.

Wir liefern das mitgebrachte Bier der alteingesessenen Neuburger Brauerei Juliusbräu (in authentischen Holzfässern) in einem Kühlraum auf einem nahe des Lagerplatzes gelegenen Bauernhof ab, dann bauen wir mit Holzpfosten und Seil einen Paddock für Rufus. Nun können wir in aller Ruhe beobachten, wie nach und nach andere Teilnehmer eintreffen und weitere Lager errichtet werden.

Auch von unserer Gruppe stehen bald die ersten Zelte.

Nach einem nächtlichen Gewitter mit kräftigem Regenschauer ist der Freitag außerordentlich schwül. Der Rest der Westfälischen Landwehr trifft heute im Verlauf des Tages ein. Rufus darf ein bißchen grasen, er interessiert sich vor allem für die Pferde auf der angrenzenden Koppel. Abends wird unser Pferdchen zum ersten Mal angeschirrt, wir holen ein Bierfaß aus der Kühlung.

Zwar hat der Fuhrmann eigentlich keine Lust auf Arbeit, aber in einem militärischen Lager wird so etwas schlichtweg angeordnet, da gibt es keinen Widerspruch. Wir verbringen einen gemütlichen Abend, musikalisch begleitet von den Australiern Ricarda und Nick, die mit Drehleier und Dudelsack in unserem Lager aufspielen.

Diese ruhigen ein bis zwei Tage brauchen wir immer am Beginn einer Veranstaltung, damit sich Rufus an die neue Umgebung gewöhnen kann. Wenn wir ihm diese Eingewöhnungszeit gestatten, dann arbeitet er ruhig und zuverlässig mit und ist für jeden Unsinn zu haben.

Am Samstag überträgt uns Lieutenant Vahnenbroek einige Aufgaben zur Versorgung der Truppe. Während die Landwehr exerziert und die Landwehr-Lerchen ihr Liedgut proben, transportieren wir Lebensmittel für die Lagerküche, sammeln Brennholz, füllen das Wasserfaß auf und nehmen auch wieder ein Bierfaß aus dem Kühlraum mit. Wir holen das Schwarzpulver für die Truppen mit dem Karren ab, fahren sogar bis in den Ort, um Fleisch zu holen. Ansonsten rumpeln wir im Lager spazieren oder machen auch mal einen Ausflug mit den Marketenderinnen.

Offiziere und Fuhrleute werden von den Köchinnen versorgt, für die einfachen Soldaten werden Lebensmittelrationen vorbereitet und ausgeteilt. Jeder muß sein Essen selbst zubereiten – oder die Dienste der Marketenderei gegen Bezahlung in Anspruch nehmen.

Für unseren geliebten Feldwebel Pott gab es einen stimmungsvollen Festakt, bei dem ihm ein Klappstuhl als Altersruhesitz verliehen wurde. Selbstverständlich wurde die Zeremonie musikalisch begleitet von den Landwehr-Lerchen.

Besucher aus dem Dorf Ligny und aus der näheren und weiteren Umgebung kommen in Strömen auf das Feld, um die Soldatenlager zu besichtigen. Ein Besucher spricht mich auf Rufus an: „C'est un Franches-Montagnes?“ Der Mann ist selbst Kutschfahrer und hat unser Karrenroß sofort als Freiberger identifiziert. Sogar die Bürgermeister von Ligny und der französischen Partnerstadt Domvilliers besuchen unser Lager und loben die authentische Ausstattung der Westfälischen Landwehr.

Zum Samstagabend begleitet Bert den Wehrmann Jannick, der sich Rufus für eine Runde durch die Gassen ausgeliehen hat. Direkt vor dem französischen Lager (9e Leger) stellt sich Rufus breitbeinig hin und schlägt sein Wasser in der Lagergasse ab, sehr zum Unmut des dortigen kommandierenden Offiziers und damit zu unser aller Erheiterung. Jannick hat Rufus sehr gelobt für diesen gelungenen Ausdruck seiner Wertschätzung.

Wenn wir unserem Pferdchen eine Belohnung zukommen lassen wollen, müssen wir ihn nur ans Bierfaß lassen...

... und die Zigarre würde er auch gerne mal probieren.

Das Reenactment der Schlacht bei Ligny ist für den Sonntag angesetzt. Die Soldaten rüsten auf, exerzieren, bereiten sich vor. Wir fahren mit dem Karren alle Feldflaschen der westfälischen Wehrmänner zur Wasserstelle und füllen sie auf, bei der Schlacht selber sind wir nicht dabei. Unsere Westfalen, Westwestfalen (Franzosen), Wildwestwestfalen (Amerikaner) und Inselwestfalen (Engländer) müssen sich – gemäß dem überlieferten Schlachtverlauf – dem kleinen Korsen ein letztes Mal geschlagen geben. Wir nehmen es mit Humor und am Abend sitzen die verfeindeten Parteien ohnehin wieder Seite an Seite am Lagerfeuer.

Der Montag dient der Verlegung unserer Zelte von Ligny nach Waterloo. Das alliierte Lager der Briten und Preußen wird bei der historischen Farm von Hougoumont aufgeschlagen.

Wir bleiben mit Rufus in Ligny und stimmen uns auf den bevorstehenden Marsch ein. In drei Tagen wollen wir von Ligny nach Hougoumont marschieren. Zwar sind das nur etwa 40 km, aber die Wege sind mühsam und unser historisches Schuhwerk ist nicht gerade orthopädisch. Unser kleiner Karren soll die Feldküche transportieren: Töpfe, Pfannen, Grillrost, Viktualien. Für die Wasserfässer und die Wolldecken der Soldaten steht ein wunderbarer großer Planwagen zur Verfügung. Er soll von zwei angemieteten Kaltblütern gezogen werden, die morgen früh anreisen werden.


Sehnsüchtig erwarten wir unsere Zugpferde, die am frühen Morgen mit einem großen roten LKW angeliefert werden.

Der Besitzer Monsieur Ridelle lädt drei Ardenner mit Araberblut aus: die Wallache Kiss Me und Lugano werden den Planwagen ziehen, die fünfjährige Naiade soll als Reitpferd für einen Landwehrmann eingesetzt werden. Naiade ist sehr nervös und bereitet ihrem Reiter einige Schwierigkeiten.

Die mit schwerem Tornister, Muskete, Feldflasche und weiteren Utensilien bepackten Männer und die voll beladenen Fuhrwerke setzen sich mit etwas Verzögerung in Bewegung. Die Feldwege, die wir einschlagen, haben tief ausgewaschene Rillen, die leider ein wenig zu weit auseinander stehen für die Spurbreite unseres Karrens. Rufus soll also nicht in der Wegmitte, sondern unten in einer Spurrinne laufen. Damit steht der Wagen zwar schief, aber wenigstens werden die Räder nicht auseinander gedrückt. Es kostet etwas Überredungskunst, Rufus in der unbequemen Rille zu halten.

Die rustikalen Wege fordern schon bald ihren Tribut – die hinteren Wagenräder des großen Fuhrwerks nehmen Schaden, der Besitzer Joachim läuft mit einem Hammer nebenher und versucht ständig, die durch das Rütteln verschobenen Elemente wieder an ihren Platz zu klopfen. Eine Speiche bricht, die Bogensegmente werden mit Keilen auf Spannung gehalten, damit die Räder nicht auseinander brechen. Da wir Ersatzräder in einem der Trossfahrzeuge mitgeführt haben, beschliessen wir, bei nächster Gelegenheit die Räder am Planwagen auszuwechseln, so lange die antiken Originalräder noch zu retten sind.

Wir halten im kleinen Örtchen Marbisoux und warten auf unser telefonisch verständigtes Trossauto.

Die Anwohner von Marbisoux sind äußerst hilfsbereit und hellauf begeistert, daß Waterloo sozusagen direkt zu ihnen kommt. Ein Bauer fährt seinen schweren Manitou-Stapler aus der Maschinenhalle und hebt das große Fuhrwerk einfach hinten hoch.

Wie beim Formel 1 Boxenstopp werden im Akkord die schweren Holzräder ausgewechselt, zum größten Spaß der Ortsbewohner und der Landwehrmänner, die sich bei der Dorfbevölkerung noch mit einem Lied und einem donnernden „Mit Gott – Für König und Vaterland“ bedanken. Frisch bereift, quietschend aber glücklich, geht die Fahrt weiter durch endlose Getreidefelder.

Die wohlverdiente Mittagsrast halten wir im Schatten der großen Bäume vor der Ferme de Geronvillers, einem alten Vierseithof, der wohl schon zu Napoleons Zeiten hier abgelegen auf den weiten Feldern stand.

Wir spannen aus, tränken die Pferde, die Soldaten üben das Erkennen der diversen Hornsignale mit lustigen Merkversen („Kartoffelsupp, Kartoffelsupp, die ganze Woch' Kartoffelsupp Supp Supp Supp“ - Das Signal zum Aufbruch) und sammeln Kräfte für die verbleibende Tagesetappe.

Ein nettes kleines gestelltes Gefechtsfoto im Weizenfeld hält einen belgischen Autofahrer auf, der schon zum dritten Mal an diesem Tag wegen uns einen Umweg fahren muß und deshalb etwas ungehalten ist. Die Situation entspannt sich aber schnell und unsere Wege trennen sich mit einem Lächeln.

Der weitere Weg führt durch einen schmalen Hohlweg mit extrem tiefen Spurrinnen, wie wir von unserer Scouting-Tour vor einem Monat wissen. Dieser Weg ist uns zu schwierig, wir haben Angst um die Wägen - und außerdem berichteten die Jäger der Avantgarde (Vorhut) von verdächtigen Bewegungen französischer Truppen. Die Pferde trennen sich also hier von den Fußsoldaten und die Fuhrwerke nehmen lieber den Umweg über die schmale aber sichere Asphaltstraße.

Die Straße führt uns direkt in den kleinen Ort Mellery, wo wir auf einen kleinen Trupp entkräfteter Franzosen treffen, die ebenfalls von Ligny nach Waterloo marschieren. Es ist eben jener Trupp, der unserer Einheit auf dem Weg auflauern wollte. Ihnen war unterwegs das Wasser ausgegangen und sie hatten noch 5 km zu marschieren bis zu ihrem Nachtlager. Wir lassen natürlich die historische Feindschaft beiseite und füllen den Männern ihre Feldflaschen aus dem mitgeführten Wasservorrat vom Planwagen wieder auf. Der französische Offizier bittet uns, auch noch einen am Fuß verletzten Soldaten auf dem Karren bis zu unserem Nachtlager mitzunehmen, wo ihn dann ein Auto abholen kommt.

Also führen wir jetzt einen vergnügten französischen Gefangenen mit, der eigentlich Katalane ist. Reenactment verbindet europaweit...

Als wir die Farm von Sartage in der Gemeinde Court St. Etienne erreichen, sind unsere Truppen noch unterwegs. Wir versorgen die Pferde mit Wasser und Heu, heute bleiben alle gemeinsam auf einer großen Koppel. Vor allem die junge Naiade zeigt sich an unserem feschen Fribi interessiert, was dem Chef Lugano überhaupt nicht paßt. Er knallt Rufus ordentlich eine vor den Latz, aber zum Glück nur dahin, wo unser Pferd gut mit Muskeln abgepolstert ist. Rufus hält sich nach Luganos Abreibung ein wenig abseits von den anderen Pferden, aber er ist froh, mit ihnen zusammen zu sein. Lugano läßt ihn in Ruhe, so lange er sich Naiade nicht nähert.

Als die Wehrmänner einmarschieren, richten sie das Lager für die Nacht auf der zweiten Koppel ein, direkt bei den Pferden. Unterdessen errichten die Marketenderinnen eine große Kochstelle mitten im Hof von Sartage. Der Proviant für die Abendmahlzeit wird kontrolliert.

Die Jungs drängen sich um die Feuerstelle, um ihre Rationen zuzubereiten, einige rösten Zichorien, um sie dann zu mahlen und als Kaffee zu trinken.

Schaulustige aus der Umgebung besuchen den Bauernhof, um uns zu sehen. Unser Abenteuer mit dem Radwechsel in Marbisoux hat sich schon herumgesprochen. Die Leute sind alle sehr neugierig und wir sind stolz, wenn uns gesagt wird, man fühle sich durch uns tatsächlich um 200 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Außer den Westfalen lagern hier noch die Badischen Jäger, Mitglieder der Sächsischen Leichten Infanterie, ein paar Leute der KGL (Kings German Legion), einige Lützower, zwei churhessische Jäger und ein Nassauer aus dem Regiment Nassau-Usingen. Auch ein Trüppchen Franzosen trifft noch ein und schnorrt sich durch.

Manch junger Wehrmann hängt seinen Gedanken nach und sehnt sich nach seiner Liebsten zu Hause.


Gut ausgeruht und mit einem schmackhaften Frühstück im Magen beladen wir die Fuhrwerke wieder mit all unseren Habseligkeiten und setzen unseren Marsch fort. Der Engländer Neil reitet heute auf Lugano, während Kiss Me mit Naiade vor den Wagen gespannt wird.

Die Landschaft ändert sich: liefen wir gestern hauptsächlich über flache Getreidefelder, betreten wir nun hügeliges bewaldetes Gebiet. Das Blätterdach leuchtet in hellem saftigem Grün, brusthoher Farn säumt den Weg, dessen Spurrinnen sich immer tiefer in den Waldboden graben.

Die Steigungen sind deutlich spürbar, das große Gespann bleibt dann ein Stück zurück und wartet, bis der Weg frei ist, damit die Pferde die Steigungen mit Schwung nehmen können.

Einmal können wir uns ein gestelltes Foto nicht verkneifen, auf dem die Männer in die Speichen greifen, um den Wagen den steilen Weg hinauf zu schieben. Zum Glück war das aber in der Realität nicht nötig.

 

Nach einer kleinen Ruhepause am Wegesrand hören wir Musketenschüsse. Eine Sektion der Landwehr greift nach ihren Waffen und wird zur Unterstützung der Vorhut in den Wald befohlen. Es entspannt sich ein Gefecht, in dessen Verlauf das französische Grüppchen dank einer klugen Taktik unseres Leutnants eingekreist und gefangen genommen wird.

Die Fuhrwerke bekommen das Signal, den Wehrmännern in den Wald zu folgen, und wir begeben uns auf einen tief eingeschnittenen Hohlweg, steil bergab, mit tiefen Rillen, Felsbrocken und herabgefallenen Ästen.

Das ist eine echte Herausforderung für die Wägen, die über den buckeligen Boden holpern und sich mal nach links, mal nach rechts neigen. Das große Fuhrwerk hat schon allein durch sein Gewicht Probleme mit dem abschüssigen Weg. Der Pfad ist nämlich so schmal, daß Joachim, der Besitzer des Planwagens, nicht nebenher laufen kann, um die Kurbelbremse bei Bedarf zu bedienen. Der Kutscher beschließt, die Bremse fest angezogen zu lassen und den Wagen mit zwei feststehenden Rädern zu ziehen. Joachim schwitzt Blut und Wasser aus Angst um seinen schmucken Planwagen, aber Monsieur Ridelle und seine kräftigen Pferde meistern das schwierige Gelände und bringen den Wagen sicher und unversehrt nach unten.

Am Ausgang des Hohlwegs entdeckt Joachim, daß der Metallsplint, der das Wagscheit mit dem Wagen verbindet, halb weggebrochen und beinahe durchgerutscht ist. Es hätte sicher nicht mehr vieler Erschütterungen bedurft, bis auch der Rest des Splints zerbrochen wäre. Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn die Verbindung zwischen Pferden und Wagen mitten auf dem Hohlweg abgerissen wäre! Wir haben einen Ersatzsplint (nebst anderem Reparaturmaterial) auf unserem kleinen Karren und können das Wagscheit sofort sichern.

Die Fußtruppen schlagen wieder einen kleinen Pfad ein, der für die Fuhrwerke nicht passierbar ist, wir fahren stattdessen auf der Straße weiter, direkt in das Örtchen Bousval hinein. Zur Verblüffung der Passanten traben wir munter auf der Straße dahin, bis wir an der Kirche rechts abbiegen müssen, steil bergauf in einen Weg mit Kopfsteinpflaster. Am Ansatz des Wegs ist ein Abflußgitter für Regenwasser quer über die Fahrbahn eingesetzt, vor dem die Ardenner kurz zurückscheuen und dadurch ihren Schwung verlieren. Als sie wieder antreten, rutschen ihnen auf dem Kopfsteinpflaster die Hufe weg und sie stürzen beinahe. Nur unter größter Anstrengung schaffen sie es, den schweren Planwagen aus dem Stand die Anhöhe hinauf zu ziehen.

Auch Rufus erschrickt, als Kiss Me und Naiade auf dem Pflaster strampeln, ausgerechnet genau in dem Moment, als Bert vom Kutschbock klettert. Rufus bricht nach rechts aus auf einen Parkplatz, dann hat Bert ihn wieder sicher in der Hand und ich springe auch ab vom Wagen, um unser Gewicht zu reduzieren. Mühsam kämpfen wir uns die Steigung hinauf, die Ardenner sind schon um die Kurve und außer Sicht, Rufus kämpft mit aller Kraft, um den Anschluß nicht zu verlieren.

Oben angekommen, warten wir auf unsere Fußtruppen, während die Pferde langsam wieder zu Atem kommen. Der Boden unter den Ardennern ist tropfnaß vom Schweiß. Während wir noch warten, kommt ein Polizeiauto und befragt uns. Anwohner hatten unser an der Straße geparktes Trossfahrzeug bemerkt und fanden das fremde Auto wohl nicht geheuer. Nachdem geklärt ist, daß es sich um unseren Wagen handelt, sind die Polizisten zufrieden gestellt und fahren weiter - zu unserem seltsamen Aussehen und den Kutschwägen verloren sie kein Wort...

Wir vereinen uns wieder mit der Fußtruppe. Der Weg führt uns immer weiter über gewundene schmale alte Kopfsteinstraßen, über die sicher schon die preußischen Truppen vor 200 Jahren gelaufen sind. Wegen der starken Spurrinnen laufen wir beide nebenher, um Gewicht vom Karren weg zu nehmen und die Räder bei der Scherbewegung nicht noch zusätzlich zu belasten. Rufus läuft ganz entspannt, er marschiert frei, die Zügel einfach locker am Wagen befestigt, seine Nüstern an Berts Hand.

Eine größere Pause gönnen wir uns am wunderschönen Chateau de Palande, in dessen parkähnlichem Garten wir rasten dürfen.

Nach gebührender Erholung folgen wir wieder der Kopfsteinstraße, die auf den letzten 2 km extrem buckelig wird, bis zu unserem heutigen Übernachtungsplatz, der Ortschaft Ceroux-Mousty, in die wir trommelnd einziehen.

Viele Besucher kommen zu unserem Lager, das auf einer Wiese aufgeschlagen wird.

Der Himmel bedeckt sich, drohende Wolken ziehen auf, viele Besucher sind besorgt, was wir wohl bei Regen tun werden, da wir ja unter freiem Himmel nächtigen. Unsere lakonische Antwort: „Dann werden wir naß.“

Eine Abordnung marschiert zum zentralen Dorfplatz von Ceroux-Mousty, wo gleichzeitig eine Art Volksfest aufgezogen wird. Nach der Rückkehr meldet Unteroffizier Feuerhake pflichtschuldigst: „Sektion nach Volksbespaßung vollzählig zurück“.

Die Wehrmänner holen Wasser für Rufus, da der Wasseranschluß relativ weit entfernt ist. Monsieur Ridelle ist mit seinen Ardennern über Nacht nach Hause gefahren, damit wir auf dem begrenzten Areal keinen zweiten Paddock aufbauen müssen.

In Ceroux-Mousty wird uns allerhand Verpflegung für den Abend und den morgigen Weitermarsch bereit gestellt. Für das Abendmahl bekommen wir frische Hühnchen, die von den Köchinnen liebevoll zubereitet werden. Soldat „Baumi“ - ein echtes Original und Leihgabe einer anderen Einheit - rennt herbei und fragt ganz aufgeregt: „Helga hat Hühnerbeine?“, worauf Feldwebel Pott, Köchin Helgas Ehemann, mit gespieltem Zorn zurückfragt: „Helga hat WAS?!!!“

Als nachts tatsächlich der befürchtete Regen einsetzt, sind wir glücklich über unser improvisiertes Fuhrmannszelt, bestehend aus zwei Leinenplanen, die über die Anzen des Karrens gelegt und dann abgespannt werden.

Wir bleiben größtenteils trocken, nur Berts Leder-Kniebundhose liegt genau in der Traufe und ist am Morgen pitschnaß. Die anderen Leute liegen einfach unter ihren Wolldecken in der Wiese. Niemand hat wirklich Lust, jetzt noch einmal alles abzubrechen und bei einem Bauern in der Maschinenhalle zu übernachten, wie es uns angeboten wurde. Alle kriechen so tief wie möglich unter ihre dicht gewebten Wolldecken und hoffen, daß der Regen nicht ganz durchgeht. Bei den meisten hat das recht gut funktioniert.


Am Morgen hört der Regen wieder auf. Die vollgesogenen Wolldecken allerdings sind tonnenschwer, wir transportieren sie lieber mit dem Auto nach Waterloo, denn sonst kommt zu viel Gewicht auf den Planwagen. Die Zugpferde werden wieder gebracht, aber die nervige junge Naiade wurde ausgetauscht gegen eine ältere erfahrene Stute, Epona, die dafür ihr 3 Monate altes Fohlen im Stall zurücklassen mußte.

Nach dem Frühstück kommt langsam Aufbruchstimmung auf, wir wollen weiter. Die gute Laune konnte uns der Regen nicht verderben.

Unterwegs ertönt immer wieder ein munteres Lied der Landwehr-Lerchen. Die Wege heute sind besser ausgebaut. Nicht so malerisch, aber deutlich besser zu befahren. Wir ziehen vor dem Chateau de Moriensart vorüber und immer weiter über Feldwege oder alte gepflasterte Straßen.

Von Renival nach Lasne trennen sich die Fuhrwerke wieder kurzzeitig von der Truppe, die eine Abkürzung über einen mit rutschigem Stein gepflasterten steilen Pfad zum Ort hinab einschlägt, während wir Fuhrleute Lasne auf der weniger steilen asphaltierten Umgehungsstraße erreichen.

Aus Lasne heraus fällt uns ein großes Auto mit Düsseldorfer Nummernschild auf, dessen Insassen auffällig förmlich gekleidet sind. Wir scherzen kurz mit ihnen im Vorüberziehen. Kurze Zeit später erreichen wir das Denkmal für den preußischen Oberst Graf von Schwerin, gefallen am 18. Juni 1815 – heute vor 200 Jahren. Am Fuße des Denkmals liegt ein frischer Blumenkranz, niedergelegt von seinen Nachkommen. Jetzt ist uns klar, wer die Leute in dem Düsseldorfer Auto waren...

Die Wehrmänner halten eine Gedenkminute für den gefallenen Oberst. Wir alle nutzen den Aufenthalt am Denkmal für eine erholsame kleine Pause.

Dann setzt sich der Zug wieder in Bewegung und marschiert weiter gen Waterloo.

Kurze Zeit später erhaschen wir einen ersten Blick auf den berühmten Löwenhügel von Waterloo. Die Landwehr begrüßt ihn mit einem tosenden „Westfalen – Man Tau!“.

Unser Zug erreicht Plancenoit.

In Plancenoit kommen wir am „Preußischen Denkmal“ vorbei. Hier hält die Landwehr eine Andacht, die Landwehr-Lerchen singen „Ich hatte einen Kameraden“. Hintergrund der Geschichte ist „Kamerad Krug“, ein großer Messingkrug, der die Landwehr überall begleitet. Der erste „Kamerad Krug“ ging irgendwann zu Bruch und wurde verstohlen dort beim Preußischen Denkmal „bestattet“.

Von hier ab geht es nur noch durch bewohntes Gebiet, dann quer über das fürs Reenactment vorbereitete Gelände mit blickdichten Bauzäunen, riesigen Parkplätzen, grob geschotterten Wegen und rutschigen Recycling-Gummimatten.

Das französische Lager befindet sich in Plancenoit, unser alliiertes britisch-preußisches Lager in 6 km Entfernung bei der historischen Farm von Hougoumont, in der auch 1815 britische Truppen lagen. Die Farm wurde damals beinahe von den napoleonischen Truppen eingenommen, nur der preußische Nachschub unter General Blücher konnte das Schicksal der Schlacht wenden. Hier soll der Herzog von Wellington seinen berühmten Ausspruch getan haben: „Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen“.

Es herrscht ein ziemliches Chaos im alliierten Lager. Die Zelte der Landwehr sind schon schön in Reih und Glied aufgebaut, aber unser Paddock-Baumaterial, das Bettzeug und die Planen für den Unterstand bei der Kochstelle sind alle noch in unserem Auto, das ja als Trossfahrzeug gedient hatte.

Rufus darf erst mal ein bißchen grasen, dann gehen wir mit ihm hinüber ins Kavallerie-Lager, wo er eine Box zugeteilt bekommt. Unsere Ardenner Zugpferde fahren wieder nach Hause, sie haben einen guten Dienst verrichtet.

Rufus wird abends noch einmal angeschirrt, Bert fährt mit ihm zum Parkplatz zu unserem Bus, um das Material für Paddock, Bett und Zeltplanen zu holen. Rufus sollte eigentlich nachts in die Box, wir lassen ihn aber unerlaubterweise einfach auf seinem kleinen Paddock mitten im Lager stehen.

Unser Pferd schläft ganz entspannt zwischen den Zelten und Joachims abgestelltem Planwagen, während es ringsherum lacht und lärmt und trommelt und dudelsackt. Wo so viele Menschen so fröhlich beisammen sitzen, da kann es schließlich nicht gefährlich sein!

Der illuminierte Löwenhügel thront über dem riesigen Lager, in dem eine ganz besondere Stimmung herrscht: Erwartung und Anspannung und Vorfreude. Das Lager der schwedischen Truppen organisiert eine Sonnwendfeier. Einige der jüngeren Wehrmänner gehen hin und amüsieren sich recht gut, wir betagten Fuhrleute sind leider nach dem anstrengenden Tag zum feiern zu müde.

Stattdessen sitzen wir in der Marketenderei bei Inka und Lenchen, süffeln ein paar leckere hausgemachte Liköre und schauen dem Feuerwerk zu, das den Himmel in allen Farben erleuchtet. Rufus ist ebenfalls rechtschaffen müde, das Feuerwerk interessiert ihn nicht, er möchte nur schlafen – und das tun wir auch.


Als wir aufwachen, liegt Rufus immer noch entspannt im Paddock. Er hat einiges an Schlaf nachzuholen. In Ligny wollte er sich nicht so recht entspannen, da hat er sich nicht wohl gefühlt, weil ein Anwohner von seinem Gartenzaun aus das Lager die halbe Nacht lang still beobachtet hatte. Rufus hat dieses lauernde Gestalt offenbar als latente Bedrohung empfunden. Dann kam der dreitägige anstrengende Marsch, eine Nacht mit fremder Herde auf der Koppel, die zweite Nacht bei strömendem Regen. Hier in Hougoumont nun, inmitten all der lärmenden Menschen, fühlt er sich sicher und geborgen.

Wir nehmen an der Offiziersbesprechung teil und bekommen Order, tagsüber unser Lager mit allem Nötigen zu versorgen, wie Wasser und Brennholz, und abends zur Schlacht die verwundeten Soldaten Heinrich (eigentlich Sonja) und Sebastian im Karren mit ans Schlachtfeld zu nehmen. Bis dahin haben wir genug Freizeit, um eine ausgedehnte Runde durchs Lager zu drehen, auch innerhalb der Farmmauern von Hougoumont, wo die englischen und schottischen Truppen logieren.

Neben der Auffüllung des Wasserfasses ist unsere einzige offizielle Aufgabe, auf dem weit abgelegenen Parkplatz ein Bierfaß aus dem Auto zu holen und Köchin Helga mitzunehmen, die ebenfalls etwas aus ihrem Fahrzeug benötigt. Auf dem Weg zurück ins Camp werden wir plötzlich nicht mehr eingelassen, weil man gerade mit der Ausgabe des Schwarzpulvers an die Truppen beschäftigt ist. Nun, auf dem Weg heraus fand die Pulverausgabe auch schon statt und man ließ uns trotzdem rasch passieren. Jetzt aber führt kein Weg dahin, wir sollen außen herum fahren und das andere Tor benutzen. An sich kein Problem, zumal wir ja nicht laufen müssen, sondern mit dem Karren fahren können. Das andere Tor führt allerdings ins Lager der Kavallerie, das durch eine kleine Brücke in einer Senke mit unserem Teil des Lagers verbunden ist. Diese Brücke ist mit rutschigen Recyclingmatten ausgelegt, die schon einige Pferde und Reenactor mit genagelten Schuhen zu Fall gebracht haben. Unmöglich, dort zu passieren, aber die junge Dame von der Security stellt sich stur. Ich bitte zuletzt, sie solle doch die Polizisten holen, die drinnen die Pulverausgabe überwachen, um ihnen unsere spezielle Situation zu schildern. Als die beiden Polizisten vor das Tor treten, erkennen wir uns gleich wieder – Bert hatte sie früher am Tag schon auf die gefährlichen Wegplatten angesprochen und gebeten, etwas zu unternehmen. Wir erfahren, daß die Platten in der Senke auf unsere Anregung hin gerade entfernt werden. Also können wir unbesorgt den anderen Eingang nehmen und fahren unmittelbar an der exerzierenden Reiterei vorbei zurück in unser Lager.

Bei unserer glücklichen Rückkehr sitzt General Blücher höchstpersönlich mit seinem Generalstab im Küchenzelt der Westfälischen Landwehr. Der tapfere Rufus bekommt von ihm ein Bier spendiert.

Ein fremder Soldat bringt uns auf eine geniale Geschäftsidee: eine Rückholversicherung für Leichen in die Heimat. ADAC = Allgemeine Deutsche Abholung für Cadaver.

Nachdem die Senke zum Kavallerielager jetzt problemlos mit Pferd und Karren befahren werden kann, statten wir den Reitern einen Besuch ab. Wir parken unterhalb des Exerzierplatzes und sehen ein wenig beim Training zu.

Natürlich wird auch geschossen, was Rufus erst einmal nicht so toll findet. Er läßt sich aber immer noch brav überall hin manövrieren und es ist sicher eine gute Übung für die Schlacht am Abend, die wir vom Rand des Schlachtfelds als Zuschauer miterleben wollen, zusammen mit unseren fußlahmen Kombattanten an Bord des Karrens.

Im Lager geht das normale Alltagsleben weiter, die Soldaten pflegen ihre Ausrüstung, die Frauen kochen oder waschen Wäsche.

Nach dem Mittagessen marschiert die Landwehr ab zu einem Gottesdienst. Unser Pferd hat jetzt Pause bis zum frühen Nachmittag. Erst gegen 17:00 Uhr wird Rufus wieder eingespannt, um 17:30 Uhr treten die Truppen an zur Schlacht und marschieren bataillonsweise aus dem Lager.

Ein beeindruckender bunter Lindwurm wälzt sich zum Klang von Trommeln, Hörnern oder Dudelsäcken am Museum beim Löwenhügel vorbei in Richtung Schlachtfeld. Rufus reiht sich hinter unserem Bataillon in den Zug ein. Unsere beiden Verwundeten Heinrich und Sebastian sitzen auf dem Karren, vorne auf dem Kutschbock nimmt noch Capitaine Brenneisen Platz, der sich ebenfalls am Knie verletzt hat und die weite Strecke nicht laufen kann. Für unseren Fuhrmann, der eigentlich selber fahren wollte, heißt das, dem Herrn Offizier seinen Platz überlassen und laufen. Es lebe das Reglement.

Es herrscht Chaos auf der Straße, unser Zug und der Besucherstrom quetschen sich auf die engen Wege, Leute bleiben zum Fotografieren stehen und versperren denjenigen den Weg, die eilig den Zuschauertribünen zustreben. Der ganze Zug kommt mehrfach zum Stillstand und auch von den Seiten drängen die Menschen immer dichter heran.

Unser junger Freiberger ist brav und geduldig, mitten in der wogenden Menschenmenge, Bert läuft nebenher und führt Rufus, ich gehe voraus vor seinem Kopf und bremse ihn ein wenig, damit er nicht neugierig an die Bajonette der vor uns marschierenden Soldaten geht. Endlich erreichen wir die für Zuschauer gesperrte Zone und können erst einmal Luft holen.

Wir folgen unserem Bataillon und marschieren in den Bauernhof La Haie Sainte ein. Durch das Ausgangstor der Farm geht es über die Straße direkt zum Zugang des Schlachtfelds, mit Tribünen für 60.000 Menschen. Die Straße liegt allerdings gut einen halben Meter höher als der Innenhof der Farm. Die Organisatoren haben den Absatz mit einigen Bühnenbauelementen zu überbrücken versucht. Im Endeffekt stehen wir vor zwei wackeligen Metallstufen, die jeweils zwischen etwa 15 bis 30 cm Höhenunterschied überbrücken sollen. Kein Problem für die Infanterie, die marschieren einfach drüber. Aber alles, was Räder hat... Nun fällt uns auf, daß auch die preußische Artillerie mit ihren Kanonen hier im Hof festsitzt. Sie hätten eigentlich einen anderen Weg nehmen sollen – diese Information ist beim Generalstab aber nie angekommen.

Uns wird mitgeteilt, daß wir mit Pferd und Karren auf keinen Fall hier passieren können, man will uns ins Lager zurück schicken. Unsere Verletzten steigen ab und versuchen, humpelnd bis zum Schlachtfeld zu kommen. Wir diskutieren lange mit der Organisatorin, die die Zufahrt eines Wagens aufs Schlachtfeld kategorisch ablehnt und sagt, wir seien (mit Pferd und Wagen) nicht angemeldet und dürften daher nicht teilnehmen. Ich bin tief enttäuscht. In der Zwischenzeit läßt die Security eine Infanterieeinheit nach der anderen an uns vorbei marschieren, damit die Inszenierung der Schlacht pünktlich beginnen kann. Auch unsere Landwehr ist schon längst auf dem Feld.

Helfer holen massive Holzbohlen und legen sie an den Stufen an, damit die Artilleristen ihre Kanonen den Absatz hinauf auf die Straße ziehen können. Wenn wir schon nicht aufs Schlachtfeld dürfen, so können wir wenigstens der Artillerie helfen, die schweren Geschütze die Stufen hinauf zu wuchten. Wir spannen Rufus aus seinem Wägelchen aus und bieten an, ihn vor die große Kanone vorzuspannen. Luzie heißt das beeindruckende Geschütz und zusammen mit der Protze wiegt sie etwa 1,6 Tonnen.

Der Befehlshaber der Artillerie setzt sich für uns ein und teilt uns mit, daß Rufus vor der großen Kanone mit aufs Schlachtfeld darf. Wir haben hinterher von einem seiner Leute gehört, er habe gedroht, wenn wir und Rufus nicht mit dürfen, werde die gesamte Artillerie stehen bleiben. Wir stehen jetzt also unter dem Kommando von Oberst Lisewski vom Preußischen Stab.

Es muß etwas herumgetüftelt werden, wie man ein einzelnes Pferd vor den eigentlich mehrspännig gefahrenen Protzwagen der großen Kanone einspannen kann. Einseitig neben der Deichsel ist schlecht, weil er dann nicht gerade anziehen kann. Wir befestigen das Zuggeschirr also am Querscheit vorne an der langen Deichsel. Das sieht zwar seltsam aus, weil das Pferd praktisch vor der Deichsel geht, aber so kann er seine Kraft besser übertragen – und bei dem hohen Gewicht von Luzie wird der kleine Freiberger alle Kraft brauchen.

Wir führen Rufus vor die Deichsel, pinnen das Zuggeschirr an und führen ihn vorwärts, bis die Zugstränge auf Spannung sind. Hinten an der Kanone stehen Männern mit Seilen, um mitzuziehen und das Pferd zu unterstützen. Als er auf Spannung ist, merkt Rufus, wie schwer das Gespann ist, und zieht schwungvoll an. Das kommt unerwartet für Bert, der ihn so schnell nicht zurückhalten kann, die unterstützenden Artilleristen an den Zugseilen kommen vor Schreck gar nicht so schnell nach. Luzie verfehlt dummerweise die Holzbohlen der Rampe und Rufus wuchtet die 1600 kg schwere Luzie über 3 Stufen gut einen halben Meter hinauf auf die Straße.

Als das Geschütz oben steht, gibt das wackelige Querscheit vorne an der Deichsel nach. Zum Glück hat Bert – wie immer – jede Menge Ersatzzubehör in der Kiste auf unserem Karren, Schekel diverser Größen, Seile, sogar ein Ersatz-Wagscheit. Während ich zurück zu La Haie Sainte eile, um das Ortscheit zu holen, haben die Männer schon die Spielwaage am Protzwagen abmontiert und vorne an der Deichsel befestigt. Rufus' Zugstränge werden an der Bracke befestigt, die beiden Ortscheite baumeln einfach frei herum. Es klappert, es wackelt, alle sind angespannt und schreien herum – aber unser kleiner Rufus macht seinen Job, bedächtig und zuverlässig.

Mit einem unglaublichen Hochgefühl ziehen wir ins Schlachtfeld ein, beeindruckt von den gigantischen Dimensionen des Weizenfeldes, das sich vor uns öffnet, an einer Seite flankiert von einer schier endlosen Reihe hoher Tribünen mit Plätzen für 60.000 Zuschauer. Die ganze Szenerie in diesem Moment hat etwas völlig Irreales. Wir konzentrieren uns nur auf den vor uns liegenden Weg, marschieren dann durch hüfthohen Weizen querfeldein über das ganze Schlachtfeld bis in unsere Stellung. Voller Elan zieht Rufus die gewichtige Luzie, unterstützt von den Männern der Artillerie an den Zugseilen. Ohne Pferdestärke hätten die Männer das Geschütz nie in so kurzer Zeit über den schwierigen Boden durch die hohen Ähren auf ihre vorgegebene Position am anderen Ende des Schlachtfelds ziehen können. Entsprechend freundlich sind die Kommentare, die Rufus bekommt.

In der Stellung angekommen, lösen wir die Zugstränge und stellen uns etwa 20 – 30 m hinter den Geschützen auf – dort stehen wir auch, als das Gefecht in vollem Gange ist und unsere Kanonen aus vollen Rohren feuern. Es ist ein Höllenlärm, Pulverdampf zieht über dem Gelände auf, aus dem Nebel leuchten die Mündungsfeuer der Musketen und die Feuerblitze der Geschütze. Rufus zuckt zwar jedes Mal ein bißchen, wenn eine der großen Kanonen direkt vor uns mit großem Donnerschlag abfeuert, Angst hat er aber keine, er wendet sich gleich wieder dem grünen Weizen zu. Wir haben zwar Bedenken, ihn die unreifen Ähren fressen zu lassen, andererseits ist es aber auch wichtig, ihn ruhig und bei guter Laune zu halten, damit er auch beim nächsten Gefecht wieder freudig mitarbeitet.

Als Napoleons Truppen langsam zurückweichen müssen und unsere Artillerie avancieren kann, wird Rufus im Feld - mitten während der um uns tobenden Schlacht - wieder vor der Kanone angespannt, diesmal ohne Protzwagen, um die Stellung vorzuverlegen. Wieder stehen wir in unmittelbarer Nähe der Kanonen, wenn sie abgefeuert werden.

Nach Beendung der Schlacht zieht Rufus erst die schwere Luzie den Hügel hinauf, dann führt Bert ihn wieder hinunter in die Senke und hängt den zweiten Protzwagen und die beiden kleineren Kanonen hinten an und zieht den ganzen Zug ebenfalls den Hügel hinauf. Für die zwei Geschütze muß sich unser Fribi gewaltig ins Zeug legen. Die Artilleristen, die ihn eigentlich an den Zugseilen unterstützen sollen, haben später berichtet, daß Rufus den Zug so schnell den Berg hinauf gezogen hätte, daß sie fast nicht zum ziehen gekommen wären.

Da die Franzosen ihre Geschütze über Nacht im Feld stehen lassen zur morgigen zweiten Schlachtdarstellung, werden auch die preußischen Kanonen auf dem Schlachtfeld „geparkt“. Unser verwundeter Soldat Heinrich, den eine Kanonenmannschaft ab La Haie Sainte oben auf der Protze (Kanonenwagen) mit aufs Schlachtfeld gebracht hatte, darf sich auf Rufus setzen und zurück ins Lager reiten, während wir die gut 2 km noch zu Fuß zu bewältigen haben.

Wir sind unheimlich stolz auf Rufus. Allerdings ist er hier auch wirklich an seine Grenzen gegangen – mehr wollen wir nicht von ihm verlangen. Erschöpft schläft er auf seiner kleinen Koppel im Lager. Der nächtliche leichte Regen kann ihn nicht stören. Noch am nächsten Morgen liegt er schnarchend im Stroh.

Am Samstagmorgen geht Bert mit Rufus und einem Wehrmann als Begleitung hinüber zur Farm La Haie Sainte, um unseren gestern liegen gebliebenen Karren abzuholen. Ich wundere mich schon, warum das so lange dauert. Prompt bekommen wir von Berts Begleiter die Meldung, daß man ihn mit dem Karren am Tor nicht mehr eingelassen hat, weil er sich angeblich mit der Polizei angelegt hat. Darauf kann ich mir keinen Reim machen. Ich begleite unseren Feldwebel Dietrich Pott und den Kommandanten des alliierten Lagers, den wir bereits von der Veranstaltung in Montmirail letztes Jahr kennen, zum Tor. Dort echauffieren sich die Organisatoren gerade darüber, daß Bert mit Rufus am Vorabend den Zutritt zum Schlachtfeld erzwungen hätte. Wir verstehen die Situation nicht wirklich, denn uns sagte die Artillerie eindeutig, daß alles geklärt sei und wir anschirren sollen.

Ich versuche, mein ganzes diplomatisches Geschick aufzuwenden, um die Organisatorin zu besänftigen. Offensichtlich wollte sie überhaupt kein eingespanntes Pferd auf dem Schlachtfeld haben, nur Reitpferde. Ich erinnere mich, daß wir letztes Jahr in Montmirail mehrere Kanonen gesehen hatten, die zwei- oder sogar vierspännig aufs Schlachtfeld gefahren worden waren – ein großartiger Anblick. Auch die belgische Armee hatte angeblich zwei bespannte Kanonen für die Veranstaltung angeboten, aber das wurde von seiten der Organisatoren ebenfalls abgelehnt, warum auch immer.

Wir kommen jedenfalls zu dem Kompromiss, daß Rufus und Bert wieder ins Lager dürfen, aber unter der Auflage, daß wir heute abend zur zweiten Vorstellung nicht mit dem Pferd aufs Schlachtfeld gehen und auch im Lager nicht mehr mit unserem Karren fahren dürfen. Das sei angeblich zu gefährlich. Am Vortag hatte Rufus seinen Karren den ganzen Tag lang zuverlässig kreuz und quer durchs Lager geschippert, auch durch enge Lagergassen, auf dem Schlachtfeld stand er 25 Meter hinter den größten und lautesten Geschützen und hat nicht mit der Wimper gezuckt, aber es geht wohl einfach ums Prinzip, nicht um eine tatsächliche Gefährdung.

Für Rufus ist die Veranstaltung also zu Ende, wir gehen nur noch mit ihm grasen und machen uns einen schönen Lenz.

Am Nachmittag kommen die Besucher in Scharen durchs Lager, Rufus in Dösestellung wird von geschätzten 1000 Kinderhänden gestreichelt.

Bert bringt unseren Karren zur Artillerieeinheit, sie wollen ihn per Hand ins Feld ziehen und als Munitionswagen nutzen. Bert begleitet die Jungs also noch einmal ohne Pferd aufs Schlachtfeld, während Rufus und ich im Lager bleiben, dem Getöse von weitem lauschen und die Veranstaltung gemütlich ausklingen lassen.

 


Ligny:


1. Marschtag:


2. Marschtag:


3. Marschtag:


Waterloo, Lager und Schlacht aus der Sicht des Fuhrmanns:

 

 


 

Waterloo 2015 - die Lager durch die Linse der Profi-Fotografen


Waterloo 2015 - die Schlacht durch die Linse der Profi-Fotografen